Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Zwischen den Welten: Treibt uns die Neugierde nach dem Anderen oder die Flucht vor dem Bekannten?

leave a comment »


Heute möchte ich es mir ersparen über die Untiefen unseres Gesundheitssystem zu räsonieren und stattdessen ein paar Gedanken der Rubrik Reisen (und dem Herrgottswinkerl) hinzufügen.

Es soll um zwei Europäer gehen, deren Lebensgeschichte mich vor allem deshalb fasziniert, weil sie trotz kurzfristiger Popularität in zwei ganz unterschiedlichen Kulturen letztendlich Fremde blieben, in ihrer Heimat und in der Ferne, deren Geschichte sie für einen Augenblick maßgeblich mitbestimmt haben.
Im Nachhinein haben sie die Welt viel weniger verändert, als es selbst aber auch die meisten ihrer Zeitgenossen geglaubt haben.

Es besteht kein Zweifel, dass sie voneinander wussten, obwohl ich keine Beweis kenne, dass sie einander jemals getroffen hätten.
Kairo wurde für den einen zum Ausgangspunkt seiner bemerkenswerten Karriere, ehe der andere geboren wurde und
London wollte von dem einen nichts mehr wissen, als der andere dort gerade auf einer Welle höchster Popularität schwamm.
Von Kairo aus zog der eine in den Sudan, während es den anderen etwas später  auf die arabische Halbinsel verschlug, beide standen am Beginn einer Konfrontation zwischen westlich-imperialistischen Interessen und islamisch-fundamentalistischem Nationalismus, die heute erneut blutig aufgeflammt.

Für mich geht es aber weniger um die geschichtliche Bedeutung dieser Biografien als um die Frage, was sie beide in die Ferne trieb und ob eine eventuelle Antwort auch für heutige Reisende gültig sein kann:

Treibt uns die Neugierde nach dem Anderen oder die Flucht vor dem Bekannten?

Slatin Lawrence

T. E. Lawrence (1888-1935) glauben viele durch Peter O’Tooles (http://wp.me/p1kfuX-JE) intensive Darstellung als Lawrence of Arabia zu kennen.

Der 21-jähriger Geschichtsstudent bereiste Syrien und Palästina und zu Beginn des ersten Weltkriegs bediente sich (angeblich) bereits der britische Geheimdienst seiner Sprach- und Ortskenntnisse. Seine Teilnahme am arabischen Aufstand zwischen 1916 und 1918  (wie groß seine Führungsrolle wirklich war, darüber existieren unterschiedliche Interpretationen) scheinen dank David Leans (http://www.imdb.com/title/tt0056172/) grandioser Verfilmung und seines Buches Sieben Säulen der Weisheit bekannt.

Trotz diskreter Andeutungen belässt der Film aus dem Jahre 1962 aber viele Aspekte der komplexen Persönlichkeit von Mr. Lawrence unausgelotet.

Manche sahen in ihm einen notorischen Lügner, da seinen Lebenserinnerungen einige Unstimmigkeiten aufweisen.
Einer seiner letzten Biografen scheiterte z.B. kläglich beim Versuch Sinai ebenso schnell zu durchqueren wie es Lawrence vorgab geschafft zu haben..

Seine sado-masochistischen Neigungen lassen sich auch aus dem Filmscript höchstens erahnen:
Gleich zu Beginn des Film verblüfft er seine Kameraden in Kairo damit, dass er die Flamme eines Streichholzes ohne mit der Wimper zu zucken zwischen Daumen und Zeigefinger ausdrückt und nach seinem „Trick“ gefragt antwortet er, dass der Trick darin besteht, die Schmerzen einfach zu ignorieren.
Als er gezwungen ist den Mann zu erschießen, den er vorher unter Lebensgefahr gerettet hat, ist sein Hauptproblem, diese Exekution genossen zu haben.

Welchen Anteil seine homosexuellen (aber möglicherweise nicht praktizierten) Neigungen an der Schwärmerei für die „Männergesellschaft der Beduinen“ hatte, ist unter den Biografen umstritten.
Einig sind sich jedoch die meisten, dass der von den Medien heroisierte Kriegsheld unter einem schwer gestörten Selbstwertgefühl litt, das sie auch für einige seiner schriftstellerischen Übertreibungen ursächlich verantwortlich machten. In jedem Fall hatte der in seine Heimat zurückgekehrte T. E. Lawrence wenig mit dem umjubelten Helden zu tun, zu dem er aus politischer Opportunität gemacht wurde und dessen Mythos er mit seinen eigenen Schriften noch verstärkt hatte.

Das führt uns zur wesentlichen Parallele zwischen den beiden Helden dieses Blogbeitrags: Sie suchten beide in fremden Gesellschaften die Anerkennung, die ihnen ihre eigene Umgebung zu versagen schien. Sie wurden zu tragischen Figuren, weil sie irgendwann erkennen mussten, dass sie letztendlich, trotz Karriere und medialer Anerkennung auch dort, ebenso wie daheim nur Fremde blieben.

Lawrence empfand sich in der klassenbewussten britischen Gesellschaft als Außenstehender, als einer der nicht dazu gehörte bzw. nicht den Platz einnehmen konnte, der ihm seiner Meinung nach zustand:

Seine schottische Mutter Sarah Junner war ein uneheliches Kind eines gewissen John Lawrence, so dass sie sich später Sarah Lawrence nannte.
Sein anglo-irischer Vater, Sir Thomas Robert Tighe Chapman, war der 7. und letzte Baron von Schloss Killua, der seine Gattin verließ als er das Kindermädchen Sarah Lawrence geschwängert hatte. Er zeugte mit ihr insgesamt neun Kinder, verweigerte aber die Ehe, so dass T. E. Lawrence ein Adelstitel verwehrt blieb. Seine Eltern verließen Irland und wechselten als Mr. & Mrs. Lawrence in Großbritannien häufig den Wohnsitz, um ihren gesellschaftlich inakzeptablen Status zu verbergen. Es darf also spekuliert werden, dass dieser Makel für den jungen Lawrence auch während seines Studiums im klassenbewussten Oxford stets spürbar blieb.
Einige Biografen erklären die Sehnsucht des späteren Lawrence of Arabia nach Aufnahme in der Stammeshierarchie der Beduinen folgerichtig mit dem Versuch dort die gesellschaftliche Anerkennung zu finden, die ihm daheim verweht bleiben musste. Wie distanziert Lawrence der britischen Gesellschaft gegenüber blieb zeigt auch, dass er nach seiner Rückkehr alle höheren militärischen Ehren und Ränge der britischen Krone verweigerte, da er zu Recht erkennen musste, dass er mehr benutzt als geschätzt wurde.

Diese Interpretation wird auch dadurch gestützt, dass Lawrence immer wieder betonte, wie sehr er von den Arabern als „einer der ihren“ akzeptiert wurde und natürlich trug er stolz die Stammestracht. Dieses Bild wird auch heute von den Reiseleiter im jordanischen Wadi Rum bedient, wenn sie Touristen zu Felsenreliefs in den Um Nfoos Bergen führen, die Lawrence mit arabischer Kopfbedeckung zeigen.
Liest man aber zeitgenössische arabische Historiker (http://www.al-bushra.org/arabwrld/lawrance.htm), dann wird klar, dass der Mann der in König Faisals Zelt empfangen wurde und sich als sein Berater wähnte, letztendlich aber auch für die Araber ein Außenstehender blieb, der ihnen nur den Waffennachschub der Briten sichern sollte.

Er selbst war sich seiner tragischen Rolle bewusst und bedauerte bis zu seinem Lebensende, dass er seine arabischen Freunden nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs nicht die ersehnte Unabhängigkeit bringen konnte:

„Die Geschichte auf diesen Seiten ist nicht die Geschichte der arabischen Bewegung, sondern die meiner Beteiligung daran. Es ist die Erzählung des täglichen Lebens, unbedeutender Geschehnisse kleiner Menschen. Hier gibt es keine Lektionen für die Welt, keine Enthüllungen, um die Menschen zu schockieren. Sie ist voll von trivialen Dingen, zum Teil deshalb, dass niemand die Überreste, aus denen ein Mann eines Tages Geschichte machen könnte, fälschlich für Geschichte hält, und zum Teil wegen des Vergnügens, das ich bei der Erinnerung an meine Beteiligung an dieser Revolte hatte. Wir alle waren überwältigt, wegen der Weite des Landes, des Geschmacks des Windes, des Sonnenlichts und der Hoffnungen, für die wir arbeiteten. Die Morgenluft einer zukünftigen Welt berauschte uns. Wir waren aufgewühlt von Ideen, die nicht auszudrücken und die nebulös waren, aber für die gekämpft werden sollte. Wir durchlebten viele Leben während dieser verwirrenden Feldzüge und haben uns selbst dabei nie geschont; doch als wir siegten und die neue Welt dämmerte, da kamen wieder die alten Männer und nahmen unseren Sieg, um ihn der früheren Welt anzupassen, die sie kannten. Die Jugend konnte siegen, aber sie hatte nicht gelernt, den Sieg zu bewahren; und sie war erbärmlich schwach gegenüber dem Alter. Wir dachten, wir hätten für einen neuen Himmel und für eine neue Welt gearbeitet, und sie dankten uns freundlich und machten ihren Frieden.“

T. E. Lawrence: Die sieben Säulen der Weisheit, Seite 850 (zitiert nach der deutschen Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/T._E._Lawrence).
Dieses Buch, das in seiner ungekürzten Version 1997 wieder aufgelegt wurde und ein großartiges Hollywood-Epos haben die Erinnerung an einen Mann wach gehalten, der letztendlich in seinem Kampf um gesellschaftliche Anerkennung sowohl in seiner eigenen als auch in einer fremden Kultur gescheitert ist
Dies bringt uns zur zweiten Person dieses Blogbeitrages. Wie Lawrence ist er hoch gestiegen und verdankt seine Bekanntheit ebenfalls einem selbst verfassten Buch, das heute von mehreren US-amerikanischen Antiquaren angeboten wird. Im Gegensatz zum „Helden des arabischen Aufstandes“ ist er aber heute so gut wie vergessen, obwohl auch sein Leben 2012 kurzfristig über die heimischen Filmleinwände flimmerte:

Slatin Pascha – Im Auftrag Ihrer Majestät (Dokumentarfilm Österreich 2012, Fischer Film; Regie: Thomas Macho, Drehbuch: Thomas Macho. Kamera: Hermann Dunzendorfer) https://www.youtube.com/watch?v=FCujVjo_Olk

Über sein bewegtes Leben stolperte ich schon vor Jahrzehnten, als mich sein auffälliger Name auf einem Grabstein am Ober St. Veiter Friedhof neugierig machte.

Rudolf Slatin (1857 -1932) wurde als Sohn eines vom Judentum zum Katholizismus konvertierten Seidenfärbers 1857 in Wien geboren und nach einem bewegten Leben , in dem er es schaffte hohe militärische Ränge und Adelstitel von zwei Herrscherhäusern verliehen zu bekommen, 1932 als Sir Rudolf Carl Freiherr von Slatin Pascha am Fuße des Gemeindebergs im Sektor C, Reihe 7, Grab 7 des Ober St. Veiter Friedhofs begraben.

Nach dem vorzeitigem Abbruch der Handelsakademie ging der 17-Jähriger auf ein Inserat hin als Buchhandelsgehilfe nach Kairo (!) und lernte dann auf einer ausgedehnten Reise den Sudan kennen und lieben. Was ihn in die Ferne getrieben hat, bei Lawrence war es initial die romantische Begeisterung für die christlichen Kreuzfahrerheere, bleibt letztendlich unklar. Bedenkt man aber die unverhohlene Freude mit der er später alle Titel und Orden entgegennehmen wird, scheint auch bei ihm der Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg ein wesentlicher Beweggrund gewesen sein. Ein Aufstieg der ihm in der österreichischen Gesellschaft als unerreichbar schien, zumal zu diesem Augenblick die finanzielle Lage seines Vaters äußerst prekär war. Ob die in der Wiener Gesellschaft und Armee sicher hinderlichen jüdischen Wurzeln ebenfalls eine Rolle gespielt haben, erschließt sich mir aus den mir bekannten Quellen nicht und weshalb der junge Mann, der vorher noch nie im Ausland war, sein Glück so weit entfernt von der Heimat suchte, bleibt letztendlich offen.
Außergewöhnlich war sein Verhalten in jedem Fall, aber Aussteiger im heutigen Sinn des Wortes war er keinesfalls, denn als ihn der Einberufungsbefehl erreichte kehrte er wieder in die Heimat zurück und diente ohne jedoch in der österreichischen Armee größere Aufstiegschancen vorzufinden.

Sein Bruder verdankte seinen gesellschaftlichen Aufstieg einem Zufall. Dr. Heinrich Slatin wurde von Prinz Rudolf Liechtenstein, dem Kaiserlichen Oberstallmeister, als jungen Mann in seinen Dienst geholt. Das gütige Auge des Kaisers fiel auf ihn, als er 1889 als Sekretär der Hofkommission mit der Untersuchung des Doppelselbstmordes von Kronprinzen Rudolf und seiner Geliebten betraut wurde. Sein pragmatischer und trotzdem diskreter Bericht wurde belohnt und er kletterte die Karriereleiter der Beamtenhierarchie (Kanzleidirektor, Hofrat, Sektionschef) hinauf und wurde schließlich 1906 vom Kaiser, gemeinsam mit seinem Bruder, geadelt.

Rudolf Slatin verließ jedoch nach Absolvierung des Militärdienstes in der k. & k. Armee erneut die Heimat und folgte schon 1879 auf Vermittlung eines Freundes  dem Ruf von von niemandem geringerem als Gordon Pascha, dem späteren Helden von Khartoum, um als ägyptischer (!) Offizier in den Sudan zu wechseln, um dort im Namen der osmanischen Vizekönige von Ägypten die Verwaltung in den besetzten Gebieten zu organisieren und den Sklavenhandel zu bekämpfen.
Zunächst Finanzinspektor, zerschlug er als Provinzgouverneur (Murdir) von Dara, erfolgreich lokale Aufstände, so dass er zum Gouverneur der gesamten Provinz Darfur, im Rang eines Bey, ernannt wurde. Glaubt man seinen eigenen Schilderungen hat er sich unter den Sudanesen eine gewisse Hochachtung erworben und fühlte sich bis zu seinem Lebensende der dortigen Bevölkerung tief verbunden. Im Gegensatz zu Lawrence blieb er jedoch mental beiden Kulturen verbunden.

Gegen die Besetzung des Sudans rief in dieser Zeit Muhammad Ahmad ibn as-Sayyid Abdallah als (der von Gott gesandte) Mhadi, den Dschihad aus, um im Sudan (kommt uns heute doch sehr bekannt vor !) ein Kalifat, also einen Gottesstaat zu errichten.

1885 wird der Mhadi nach der Erstürmung von Khartoum auch Gordon Pascha abschlachten lassen. Slatin Pasha geriet bereits 1883 in seine Gefangenschaft und konvertierte, was ihm lebenslange Schuldgefühle einbrachte, zum Islam. Dass er überlebte verdankt er vielleicht auch seiner rechtzeitigen Kapitulation vor der sudanesischen Übermacht. Für die britische Krone so zu sterben wie der große Gordon, wollte er offenkundig nicht.

Die folgenden zwölf Jahre lebte Slatin, als Gefangener und Sklave, zuerst des Mhadi und danach unter dessen Nachfolger dem Kalifen Abdallahi ibn Muhammad im neu geschaffenen Gottesstaat.
Trotz regelmäßiger Demütigungen seiner Herren, die ihn immer wieder als ihren wertvollsten Kriegsgefangenen vorführten, lebte er in relativem Wohlstand, wurde verheiratet und besaß einige Nebenfrauen. Er fungierte immer wieder auch als Berater und Übersetzer, wenn die Kalifen mit den Briten in Kontakt traten, konnte sich aber nie ganz sicher sein, nicht doch den Launen seines Gebieters zum Opfer zu fallen.

Wie Lawrence zwanzig Jahre später, machte Slatin erst die britische Presse zum weltbekannten Helden, als ihm unter abenteuerlichen Umständen und mit Unterstützung seines späteren Freundes, dem damaligen Chef des ägyptischen Nachrichtendienstes Francis Reginald Wingate, die Flucht zu den anglo-ägyptischen Truppen gelang. Sein Bericht über das Leben Hof des Kalifen (Fire and Sword in the Sudan, 1896) wurde instrumentalisiert, um die öffentliche Meinung für eine gewaltsame Beendigung der „Schreckensherrschaft der islamischen Fanatiker“ zu erreichen. Auch hier lässt sich eine Parallele zu Lawrence ziehen: Der amerikanische Journalist Lowell Thomas nannte Lawrence den „ungekrönten König Arabiens“, um die öffentlich Meinung für einen amerikanischen Kriegseintritt auf Seiten der Alliierten günstig zu stimmen, die sich kaum mit einem Krieg in der arabischen Wüste identifizierte.
Auch zu Slatins Zeiten waren die britischen Interessen primär auf die Sicherung des Suezkanals beschränkt und die Öffentlichkeit hatte wenig Verständnis für eine Involvierung in die innersudanesischen Kämpfe. Erst als die Gefahr wuchs, dass sich die Rebellion ausbreiten könnte, entschlossen sich die Briten einzuschreiten und benötigten eine entsprechende Stimmung im eignen Land.

Am 21. März 1895 erhob der Khediv von Ägypten Slatin zum Pascha und er sollte gleichzeitig den militärischen Rang eines Generalmajor erhalten. Die britische Armee hatte jedoch wenig Interesse, einem Ausländer eigene Truppen zu unterstellen, so dass er nur zum Oberst der ägyptischen Armee befördert wurde.
1896, beim Dongola-Feldzug gegen die Mahdisten  versuchte General Kitchener jedoch alles, um den Österreicher von der Front fern zu halten, trotzdem regnete es für Slatin in der Folge jede Menge an Auszeichnungen und er durfte nach einigen Privataudienzen Königin Victoria als persönliche Freundin bezeichnen, mit der er fortan in deutscher Sprache korrespondierte.
Mit der Ernennung zum Kommandeur des Order of St. Michael and St. George war er in den britischen Adelsstand erhoben worden und gleichzeitig erfolgte seine Ernennung zum Colonel. Zwischen 1900 und 1914 war er am Höhepunkt seiner Karriere und fungierte als  britischer Generalinspektor im Sudan ohne seine Verehrung für die Donaumonarchie aufzugeben.
Letztendlich konnte auch Kaiser Franz Joseph I. seinen von den Briten hochdekorierten Landsmann nicht übersehen und erhob den glühenden Monarchisten 1899 in den österreichischen Ritterstand. 1906 verlieh er ihm den Titel Freiherr.

Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs war der ehrgeizige, jedoch typisch wienerisch charmant-devot auftretende Sohn eines Seidenfärbers, am Gipfel seines Ruhmes. Umjubelter Abenteurer, hochdekorierter Militär zweier Armeen und als bürgerlich Geborener sowohl in den österreichischen als auch in den britischen Adelsstand erhoben, ging er an den europäischen Höfen ein und aus, stand im Mittelpunkt glanzvoller Bälle und berichtete oft und gerne über seine Erlebnisse im fernen Afrika. Zeitgenossen beschrieben ihn als richtigen Salonlöwen und der passionierte Tänzer schien nicht zu widersprechen. Auch Victorias Nachfolger König Eduard VII. und König George V. empfingen Sir Rudolf in privater Audienz.
Freiherr von Slatin pflegte, ganz im Gegensatz zu Lawrence, auch intime Freundschaften zur höhergestellten Damenwelt, jedoch war er hier ganz der diskret schweigende Kavalier. Auch über seine im Sudan zurückgelassene Familie verlor er kein Wort.

Sein Absturz kam 1914 als Österreich-Ungarn, eine Woche nachdem er in der Wiener Votivkirche die 16 Jahre jüngere Baronesse Alice von Ramberg ehelichte, Serbien den Krieg erklärte.

Mit einem Schlag waren die Verbindungen nach England gekappt, weil man dort in ihm plötzlich den Leutnant einer feindlichen Armee und nicht den eigenen Colonel sah. Andererseits war er auch den Österreichern verdächtig ein Spion der Briten zu sein, so dass sie ihm, den glühenden Monarchisten, nicht eine militärische Aufgabe übertragen wollten und er nach langem Zögern schließlich nur zum Leiter der Kriegsgefangenenhilfe des Österreichischen Roten Kreuzes ernannt wurde, weil er da zwar seine umfangreichen Auslandskontakte nützen konnte, aber von den militätischen Geheimnissen der eigenen Armee ausgeschlossen blieb.
Während Lawrence von der britischen und amerikanischen Presse zum großen Helden aufgebaut wurde, weil er zu diesem Zeitpunkt den imperialistischen Interessen dienlich war, ließ sie Slatin fallen, da er durch die aktuellen Geschehnisse in dieser Rolle nutzlos wurde.

Die Nachkriegszeit verbringen beide Männer verbittert in ihrer alten Heimat und abgeschnitten von den Ländern ihres Aufstiegs. Während Larence sich unter fremden Namen auf einen untergeordneten Posten in der britischen Armee verkroch, jedoch „sein Entdecker“ Lowell Thomas mit einem abendfüllenden Filmvortrag über den arabischen Aufstand auf 2000-mal in den USA, Großbritannien und Australien auftrat und 1927 eine erste Biographie Lawrence and the Arabs (Robert Graves) erschien, kämpfte Slatin um eine Pension für seine Tätigkeit im Sudan und sein Buch wurde zum Ladenhüter.

Nach Kriegsende wurde Slatin zwar in die Delegation der Friedensverhandlungen in St. Germain berufen, jedoch spielte er, als die österr. Seite bemerkte, dass dieser Joker bei den Briten nicht mehr zog, nur eine untergeordnete Rolle. Zu allem Überfluss verboten ihm die Briten auch noch, seine geliebten britischen Orden öffentlich zu tragen; ein Verbot das erst 1927 durch Intervention seines Freundes Wingate aufgehoben wurde.

Erst 1926 durfte er noch einmal in „seinen Sudan“ reisen. Sein Biograf Vogelsberger (Zwischen Wüstensand und Königskronen 1992 Verlag Styria) berichtet von einer Episode, die selbst wenn sie erfunden wäre, jedem Filmdrehbuch zur Ehre gereichen würde:
Der alte Mann korrigierte einen Reiseführer in der alten Khalifa-Hauptstadt Omdurman, als er den Touristen einen falschen Ort als denjenigen zeigte, an dem dereinst der europäische Sklave vor dem Mhadi knien musste. Erst als sich der scheinbare Tourist dem schon erbosten Führer gegenüber als Slatin Pascha, oder wie er von den Sudanesen genannt wurde als Abdel Kader zu erkennen gab, wurde ihm Glauben geschenkt. Eine Situation, die man so manchem Schwachsinn daherplaudernden Reiseführer schon öfters gewünscht hätte …

Kurz vor seinem Tod gelang es Freiherr von Slatin auch noch seine einzige Tochter, die er mit seiner früh verstorbenen Frau hatte, als Privatgast von König Georg am englischen Hof einzuführen. Sie wird ihr weiteres Leben in Großbritannien verbringen und den Biografen ihres Vaters bis zu ihrem Lebensende keine Interviews gewähren. Slatin verstarb 4 Monate nach seinem letzten Besuch bei den Royals in Wien nach mehreren erfolglosen Eingriffen und Therapien an einem Magenkarzinom und fand nach einem Staatsbegräbnis, übrigens etwa 100m von Egon Schiele entfernt, seine letzte Ruhe in Ober St. Veit.

Die Genesungswünsche von König George hat er noch kurz davor mit einem nicht unwienerischen Anflug schwarzen Humors beantwortet, als er schrieb, dass er für die Unsummen, die er bereits für die Arztkosten ausgeben musste schon drei erstklassige Begräbnisse bekommen hätte.

Wenn Michael Korda in seiner 2010 erschienen Lawrence Biografie schreibt: „no man ever tried harder to serve two masters than Lawrence„, dann träfe dies ebenso auf Slatin zu, dessen lebenslange Loyalität sowohl zur österreichischen als auch zur britischen Krone seinem Biografen Gordon Brook-Shepherd zum Titel einer 1973 erschienen Biografie inspirierte:

Between Two Flags; the Life of Baron Sir Rudolf Von Slatin Pasha, GCVO, KCMG, CB.

Für beide Männer lässt sich meines Erachtens die  eingangs aufgeworfene Frage gleich beantworten:
Sie verließen ihre Heimat aus Unzufriedenheit über die beschränkten Möglichkeiten, die sich ihnen in ihrem gewohnten Umfeld boten und scheiterten tragisch, da die sie letzten Endes auch in der Fremde nicht wirklich bleibende Anerkennung finden konnten.

Daniel Kehlmann möge weghören, aber die virtuelle Verschränkung ihrer Lebensgeschichten gäben mindestens soviel her, wie die von Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt (http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Vermessung_der_Welt). Für eine Hollywood-reife Verfilmung dieses Stoffs, wird es aber schwer sein, entsprechende Geldgeber aufzutreiben.

Slatin Pascha Friedhof Ober St. Veit

Links:
http://telawrence.blogspot.co.at/
http://www.bilderreisen.at/portraets/portraets-reisen-slatin.php
http://www.austrianfilm.at/assets/Slatin%20Pasha/PH_Slatin_Pasha_final.pdf
http://www.austrianfilm.at/assets/Slatin%20Pasha/Slatin%20Pascha%20Unterrichtsmaterial.pdf

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: