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Wirkungsorientierte Folgenabschätzung der Ärzteausbildung: Geiz war geil

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In diesen Tagen ist der Entwurf zur Verordnung der Bundesministerin für Gesundheit über die Ausbildung zur Ärztin für Allgemeinmedizin/zum Arzt für Allgemeinmedizin und zur Fachärztin/zum Facharzt (Ärztinnen-/Ärzte-Ausbildungsordnung 2015–ÄAO 2015 in Begutachtung geschickt worden.

Viele der dort getroffenen Änderungen wurden hier schon ausführlich kritisiert, wie z.B.

die Ausbildung in einer Lehrpraxis bei der man einfach davon ausgeht, dass jeder Praxisbetreiber auch ein begnadeter Lehrer sein muss,
der Ausfall früherer Pflichtgegenfächer, die das „Kasteldenken der Organspezialisten“ weiter festigen werden,
die Modularisierung der Fachinhalte, nur damit all die kleinen Landesspitäler ihre billigen Azubis nicht verlieren, wenn sie wichtige Inhalte eines Sonderfaches nicht anbieten können/wollen mit
der konsekutiven Auslagerung von Spezialausbildungen in kostenpflichtige Kurse und Diplome …..

Wickel oder Neustart der Ärzteausbildung: Komm auf die Schaukel, KollegIn http://wp.me/p1kfuX-Sc
Entwertung der Ausbildung durch das Geschäft mit der Fortbildung http://wp.me/p1kfuX-Mx
Ärzteausbildung revisited oder leckt’s mich am 15a http://wp.me/p1kfuX-IC
KPJ und so weiter: Das Chaos der Ärzteausbildung http://wp.me/p1kfuX-GQ
Die wahre Reform der Ärzteausbildung http://wp.me/p1kfuX-Ex
Niedermoser: Who’s side are you on http://wp.me/p1kfuX-LF
Gelddruckmaschine ärztliche Fortbildung http://wp.me/p1kfuX-Cy

Natürlich gibt es auch positive Ansätze, wie die, zumindest am Papier verlangte, Übernahme von einfachen Tätigkeiten durch die Pflege, die bis heute den in Ausbildung stehenden Ärzten obliegt und die Vorgabe an die Spitalserhalter, den Auszubildenden bereits zu Beginn der Ausbildung einen klaren Ausbildungsplan auszuhändigen.

Die Praxis wird zeigen, ob der Papiertiger auch brüllen wird.

Was aber aus dem Entwurf und den beigelegten Erläuterungen des Ministeriums erschreckend klar hervorgeht, sind zwei eher unschöne Aspekte, die diese Reform auszeichnen:

  1. Fachfremde bestimmen, wie Ärzte auszubilden sind!
  2. Geiz ist geil!

Auch wenn im Vorblatt vollmundig behauptet wird, dass das Ziel eine „Reform der Ärztinnen-/Ärzte- Ausbildungsverordnung, um dem aktuellen Stand der Wissenschaft sowie einer qualitätsgesicherten Ausbildung Rechnung zu tragen„, gewesen wäre,
verheimlicht der nachfolgende Text nicht, dass es nicht die Ärzte waren, die letztendlich die Ausbildungsqualität ihrer Profession festsetzen durften, sondern in erster Linie Krankenkassenfunktionäre, Bundes- und Landesgesundheitspolitiker und Spitalsträger:

Im Rahmen einer Ausbildungsreformkommission, an der Vertreterinnen und Vertreter des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträgerder Bundesländer, der Österreichischen Ärztekammer, der Medizin -Universitäten und des Bundesministeriums für Gesundheit teilnahmen, wurden Empfehlungen erarbeitet, um die Ärztinnen -/Ärzte-Ausbildung zu reformieren.

Vorauszuschicken ist, dass die Länder als Krankenanstalten- und Ausbildungsträger in die Reformvorhaben seit 2011 eingebunden waren und seit 2013 auch als Mitglied der Kommission zur ärztlichen Ausbildung gemäß Artikel 44 der Vereinbarung gemäß Artikel 15a B-VG, mit der die Vereinbarung gemäß Artikel 15a B-VG über die Organisation und Finanzierung des Gesundheitswesens, BGBl. I Nr. 105/2008, geändert wird, BGBl. I Nr. 199/2013.

Aber eine Verpflichtungen diese Ausbildung auch anzubieten, haben die Spitalsträger offenbar erfolgreich herausreklamiert:

Festzuhalten ist, dass grundsätzlich keinerlei Verpflichtung seitens der Krankenanstaltenträger besteht, Fachärztinnen/ Fachärzte auszubilden, sondern diese entscheiden nach ihrem zu deckenden Bedarf.

Schön, über den Bedarf an Gesundheitsversorgung entscheiden nicht die Ärzte, sondern eine Heerschar an mit öffentlichen Geldern finanzierte Berater (Gesundheit Österreich Ges.m.b.H., EHC, LBI-HTA, ELGA GmbH., ….), aber über den Bedarf an ärztlichen Nachwuchs entscheiden auch nicht die Ärzte, sondern die Träger der Krankenanstalten nach Gutdünken. 

Der zweite Punkt, der unser Ministerium ganz offensichtlich beseelt hat, war ganz klar, dass man die vermeintlich bessere Qualität wie selbstverständlich und ohne Verpflichtung der „Stakeholder“ billiger und rascher haben möchte:

Eine bisher in der Praxis bis zu 12 Jahren dauernde Ausbildung wird auf sechs Jahre verkürzt, da kein Umweg (!!!) über eine allgemeinärztliche Ausbildung (drei Jahre) und nach der Facharztausbildung (sechs Jahre) weitere drei Jahre Additivfachausbildung erforderlich ist, um die entsprechende Spezialkompetenz zu erlangen. Mit der Verkürzung um die Hälfte der Zeit gehen entsprechende Einsparungen einher.

Dass man auf den „Umwegen“ vielleicht auch etwas Brauchbares für seine ärztliche Tätigkeit gelernt haben kann, erschließt sich den Schreibtischstrategen offensichtlich nicht. Der ökonomisch relevante Hintergrund ist aber, dass ein Arzt, der mit einem ius practicandi eine Facharztausbildung beginnt, dem System einfach teurer kommt als ein frisch von der Uni kommender Dr. med.; dass andererseits die Verantwortung, die ein Arzt mit ius practicandi bereits zu Beginn seiner Fachausbildung übernehmen kann, auch wesentlich größer ist und, dass Ärzte mit Mehrfachausbildungen naturgemäß eher fachübergreifend (ganzheitlicher) denken können, interessiert niemanden. Wer aber nun glaubt, dass ich durch diese Interpretation den „Stakeholdern“ Unrecht tue, möge bitte weiterlesen:

Die spezifische Qualifikation durch die Additivfachausbildung war bisher erst durch die/den entsprechend im höheren Gehaltsschema zu entlohnende Fachärztin/den zu entlohnenden Facharzt zu erwerben, während durch die neue Gestaltung diese Qualifikation bereits als Turnusärztin/als Turnusarzt erworben wird.

Eigentlich fast schon transparent, wie das Bundesministerium offen legt, dass das gesamte Reformwerk primär unter dem Gesichtspunkt der Kosteneinsparung stand:

Die Umlagerung von grundlegenden Tätigkeiten, die in den Kompetenzbereich der Pflege zählen, und nicht von den Turnusärztinnen/Turnusärzten zu leisten sind, wirkt sich auf Grund der entsprechend niedrigeren Gehaltsschemata sowie niedrigeren Anzahl an erforderlichen Turnusärztinnen/Turnusärzten ebenfalls kostendämpfend aus.

Es wird auch klar, dass die von Wehselys Beratern errechneten Posteineinsparungen im KAV (Wehsely Leak: Ist die Mauschelei am Ende? http://wp.me/p1kfuX-TO) durch Arbeitsverdichtungen und Pooling von Turnusärzten, nicht ein lokaler Betriebsunfall ist, sondern Teil eines österreichweiten politischen Planes sind, die ärztliche Kompetenz in den Nachtdiensten auszudünnen:

Die Möglichkeit nunmehr Turnusärztinnen/Turnusärzte abteilungsübergreifend gemäß § 7 Abs. 3 und § 8 Abs. 2 Ärztegesetz 1998, BGBl. I Nr. 169/1998, einzusetzen, erlaubt entsprechende Einsparungen bei Turnusarzt-Diensteinteilungen.

Klar, stellen wir halt einen Turnusarzt, der gerade in der Diabetesambulanz ausgebildet wird, in der Nacht einem Unfallchirurgen zur Seite, denn
Dr. med. univ. hat eh alles zu können.

Weshalb einerseits die Modularisierung der Facharztausbildung zu mehr Qualität führen soll (Schwerpunktsetzung durch modulartige Sonderfachausbildung der Fachärztinnen/Fachärzt), aber andererseits es für den Beidienst gleichgültig zu sein hat, wo er in seiner Ausbildung gerade steht, dazu schweigt der Entwurf leider.

Darüber hinaus sind Turnusärztinnen/Turnusärzte auf Grund der geänderten Kernarbeitszeiten bis 16:00 mehr als bisher in den Hauptdienstzeiten in den Krankenanstalten anwesend, weshalb kostenintensive Nachdienste und Überstunden eingespart werden können.

Die Wirtschaftskammer wird gleich beruhigt:

Das Vorhaben hat keine wesentlichen Auswirkungen auf die Verwaltungslasten für Unternehmen.
Und auch die Länder werden vom Bundesministerium daran erinnert, dass sie nichts zu befürchten hätten, denn sie haben schließlich den Entwurf ja selbst geschrieben:
Vorauszuschicken ist, dass die Länder als Krankenanstalten -und Ausbildungsträger in die Reformvorhaben seit 2011 eingebunden waren und seit 2013 auch als Mitglied der Kommission zur ärztlichen Ausbildung gemäß Artikel 44 der Vereinbarung gemäß Artikel 15a B-VG, mit der die Vereinbarung gemäß Artikel 15a B -VG über die Organisation und Finanzierung des Gesundheitswesens, BGBl. I Nr. 105/2008, geändert wird, BGBl. I Nr. 199/2013.
Dass die Veränderungen für die Ärzteschaft vielleicht wesentliche Veränderungen und natürlich auch Kosten verursacht, das ist nach der WFA-Grundsatzverordnung keine wesentliche Wirkung, schließlich waren in der Subdimension Arbeitsplatzbedingungen weniger als 150.000 Arbeitnehmerinnen aktuell oder potenziell betroffen und das liegt unterhalb der Kriterien der Version 3.6 des WFA–Tools zur Wirkungsorientierten Folgenabschätzung. 
Na, dann ist eh alles …

Written by medicus58

10. April 2015 um 17:28

3 Antworten

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    • International ist sowas schon zigfach analysiert worden in den Ländern, die schon länger Krankendaten elektronisch sammelten. Wenn Sie einen erfahrenen Arzt fragen, hätte er Ihnen sicher einige der Korrelationen einfach aus der ärztlichen Erfahrung vorhersagen können. Trotzdem sind Wahrscheinlichkeiten in großen Kohorten für den Einzelfall oft wenig ergiebig. Um auf die Sendung einzugehen: Sagen wir es gibt Medikament A, das billig und gut die jetzige Erkrankung X behandelt, aber vielleicht suboptimal wäre, wenn sich in 10 Jahren Krankheit Y dazuschlägt. Statistisch wissen wir jetzt vielleicht, dass die Wahrscheinlichkeit Krankheit Y zu entwickeln bei dieser Patientengruppe 10% ist. Sollen nun 90% dieser Patienten ein teureres und schlechteres Medikament B nehmen, damit 10% der Patienten davon profitieren weil sie Krankheit B entwickeln?
      Und was ist, wenn die Apotheke dad Medikament gar nicht vorrätig hat?
      Und wie lange müssen Medikamente am Markt sein, damit wir die Zusammenhänge erkennen?
      In der Praxis sind die Früchte von Big Data meist weniger süß als man uns glauben machen will.

      medicus58

      11. April 2015 at 14:34


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