Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Dreimal NEIN bei der Urabstimmung

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Nein

Auch wenn die ÄK von einer Urabstimmung über die mit der Stadt Wien vereinbarten Entlohnungs- und Strukturänderungen für angestellte Ärzte im KAV spricht, ist das was zwischen 5. und 8. März 2015 stattfinden soll eine pseudonymisierte Online-Befragung einer Subgruppe der Kammermitglieder ohne rechtliche Bindung.

Natürlich habe ich – wenn der Datenschutz bei dem Verfahren nur einigermaßen funktioniert – auch nur eine NEIN-Stimme, aber die möchte ich hier begründen.

1.) Während andere Spitalserhalter die bereits 2004 (!) für die gesamte EU beschlossene Beschränkung der maximalen Ärztearbeitszeit mit zusätzlichen Ärzteposten in ihren Spitälern beantworteten (alternativ wäre natürlich auch eine Lestungsreduktion denkbar), besteht die Lösung der Wiener Gesundheitsstadträtin für den KAV in einer Postenreduktion (fast 400 Posten minus, die bereits jetzt durch fehlende Nachbesetzungen exekutiert werden), einer Verlängerung der Ambulanzöffnungszeiten (bis 19:00) und Drohungen, dass Sie die Arbeitszeitänderungen per Weisung ohne Gehaltsanpassung  vornehmen wird, wenn man Ihr die Zustimmung zu dem bis heute nicht in Faksimile veröffentlichten Pakt verweigert.

Die gleichzeitig auf die Spitalsärzte eintreffenden

Ausbildungsverpflichtungen durch die 
Änderungen der universitären Ausbildung
(Stichwort KPJ: Das Chaos der Ärzteausbildung http://wp.me/p1kfuX-GQ ,Wie sich die Medunis auf Kosten der öffentlichen Spitäler abbürsten  http://wp.me/p1kfuX-NQ)

die Änderungen der postpromotionellen Ausbildung
wo der Wegfall der „Turnusärzte alten Stils“ durch die „KollegInnen in Basisausbildung“ (=früher common trunk) in vielen Fächern nicht kompensiert werden wird
Wickel oder Neustart der Ärzteausbildung: Komm auf die Schaukel, KollegIn http://wp.me/p1kfuX-Sc
Ärzteausbildung revisited oder leckt’s mich am 15a http://wp.me/p1kfuX-IC) sowie

die Änderungen der Ärztearbeitszeit mit angestrebter Regelarbeitszeit in den Wiener Spitälern bis 19:00
Ärztearbeitszeitgesetz: Die Chronologie des Wahnsinns im KAV
http://wp.me/p1kfuX-Tb ;
die spinnen, die Ärzte: Mehr Geld für weniger Arbeitszeit http://wp.me/p1kfuX-SY
Ärztemangel: Nimmst Du’s mir, so nehm‘ ich’s Dir – eine Art Viele-Jahre-Rückblick http://wp.me/p1kfuX-Sw

führen zwar absehbar zu einer Verdichtung des Arbeitsaufwandes, aber sollen durch das Streichen von über Hundert Nachtdiensträdern überkompensiert werden, so dass man zukünftig mit weniger Ärzten auskommen kann,
will uns Wehsely weismachen.  

Die Entlastung durch die Übernahme der „GuK-Tätigkeiten“ (Blutabnahme, EKG-schreiben, Infusionen anhängen, …), so sinnvoll sie aus Sicht der auszubildenden Ärzte auch ist, ist derzeit im KAV/AKH weder flächendeckend umgesetzt, noch entlastet es den Mittelbau.
Die Entlastung durch die Primärversorgungszentren ist eine Schimäre (Wehsely finanziert die Wiener Gebietskrankenkasse und keinen stört’s http://wp.me/p1kfuX-Un).
Die zweimal 50 Stunden pro Woche, die diese 2 Zentren offen sein sollen, entsprechen gerade mal 4 verlängerten Ärztedienste und kosten 2,4 Millionen. Die laut Wehsely „sehr große Strukturreform“ des KAV für über 3000 Ärzte war ihr übrigens nur etwas mehr als 19 Millionen wert!

2.) Das Paket wurde bewusst und mit tatkräftiger Mithilfe der Personalvertretung erst 5 nach 12 beschlossen und ist daher lückenhaft, widersprüchlich und ermöglicht der Dienstgeberin flächendeckend den beabsichtigten 12,5h Dienst einzuführen.

In der ursprünglichen Fassung hätte man Ärzte gezwungen Feiertagsdienste noch zusätzlich einzuarbeiten! (was erst nach Wochen des Protests repariert wurde)
Durch die angestrebten 12,5h Dienste in der Regelarbeitszeit entfallen die Ruhezeiten eines verlängerten Dienstes uns verbilligen die Ärztearbeitszeit weiter als bisher.
Auf die Stationsärzte wurden offenbar vergessen.

Der erst wenige Tage vor der Abstimmung online gestellte Gehaltsrechner, um die individuellen Auswirkungen des Paktes berechnen zu können, funktioniert nicht.
Die Gehälter der Abteilungs- und Institutsleiter bleiben gleich, so dass diese oft weniger verdienen werden, als ihre Oberärzte.
Bei der PK wurde von den Unterzeichnern zwar behauptet, dass man ohne Opt-out (die vom SP-geführten Sozialministerium gesetzlich vorgesehene Möglichkeit die Selbstausbeutung der Ärzte bis 2021 fort zuschreiben) auskommen möchte, gleichzeitig versicherten die Unterzeichner der Dienstgeberin, dass man auf die Mitarbeiter einwirken werden, ein Opt-out zu unterschreiben, wenn dies benötigt würde. Im AKH, an der Wirkungsstätte des Ärztekammerpräsidenten, hat angeblich bereits die Mehrheit der Ärzte ein Opt-out unterschrieben, weil sonst der Dienst zusammenbrechen würde.
Seit die ausstehenden Postenreduktionen öffentlich wurden, verteidigen sich PV, Gewerkschaft und Ärztekammer, dass sie dem nur unter bestimmten Rahmenbedingungen zugestimmt hätten, während die Dienstgeberin seit letzter Woche mit der Umsetzung des Paketes begonnen hat, ohne dass irgendeine Rahmenbedingung erfüllt sind bzw. einige auch nie erfüllt werden können, da sie nicht im Einflussbereich von Stadt Wien und KAV stehen (Rettungsanfahrten, Reduktion der unfallchirurgischen Versorgung durch die AUVA, …).
Der scheinbare Geniestreich der Gewerkschaft, dass Dienstpostenstreichungen ohnehin durch ein Veto der Personalvertretung zu verhindern sind, hat sich schon längst in Luft aufgelöst. Posten werden einfach in noch größerem Ausmaß als bisher „einfach nicht nachbesetzt“, was zu den erwünschten Einsparungen führt, ohne dass die Personalvertetung dagegen etwas unternehmen kann. Beispiele für diese schon jetzt gelebte Praxis kennt jedes KAV Haus!

3.) Dieser Pakts war parteipolitisch vorbereitet und seine mediale Veröffentlichung einseitig und manipulativ. Die verschlechterten Arbeitsbedingungen werden zu einem weiteren Abzug erfahrener Mitarbeiter aus dem KAV führen und verhindern, dass hochqualifiziertes Personal von den Universitäten in den KAV wechseln. 

Die von der Wiener Landesregierung bereits am 13. Dezember 2011 bei Deloitte in Auftrag gegebene Stärken-Schwächen Analyse des Wiener Dienst- und Besoldungsrechts ergab, wie inzwischen selbst der Magistrat der Stadt unumwunden zugibt, dass die Stadt Wien ein unattraktiver Arbeitgeber wurde. In der Medizin wissen wir das schon längst, das Geld für die Berater hätte man sich auch hier sparen können.
Die Anzahl der Bewerber um Abteilungsleitungen im KAV nahm seit mind. einem Jahrzehnt stetig ab.
Die Hausberufungen, weil sich auch für große Abteilungen von extern kaum namhafte Kräfte bewarben, nahm zu.
Die Fälle mehren sich, wo designierte Abteilungsleiter nach monatelangen Verhandlungen ihre Berufung wegen der unzumutbaren Rahmenbedingungen zurückweisen.
Wenn die Kollegiensprecher der Primarärzte der großen KAV Häuser auf diese unzumutbaren Rahmenbedingungen hinweisen, wird der Aufstand der Primarärzte: einfach wegadministriert http://wp.me/p1kfuX-U2

Es ist völlig offen, was nach einer Ablehnung des Pakets passiert, jedoch ist es m.E. die einzige Möglichkeit ein Zeichen zu setzen, dass man mit über 3000 qualifizierten Mitarbeitern nicht umspringen kann, wie mit lobotomierten Arbeitssklaven, nur weil man sich seiner medialen und parteipolitischen Macht sicher ist.

Es wird vermutlich nicht mehr Geld geben,
obwohl die Stadt Wien mit allerhand politischer Tricks leicht 26,4 Millionen Euro für einen Fußballverein locker macht, wenn dort „die eigenen Leute das Sagen haben und wieder eine Baufirma einen Auftrag bekommen kann“
(http://derstandard.at/1353206836467/Stadt-macht-keine-zusaetzlichen-Mittel-locker , http://derstandard.at/2000002311151/Wiener-Gemeinderat-beschloss-Subvention-fuer-Rapid-Stadion )
aber in Nachverhandlungen müssen
die Postenstreichungen weg,
die Besetzung von Arztposten (Stand 1.1.2015) garantiert werden, solange keine Begleitmaßnahmen zur Lenkung von Patientenströmen etabliert sind,

Begleitmaßnahmen zur Reduktion des Patientenaufkommen definiert werden, die die Stadt Wien auch beeinflussen kann und will,
sowie der Öffentlichkeit gegenüber klar gestellt werden, wofür die öffentlichen Spitäler da sind und wofür nicht.

Wenn wir Ärzte diesen faulen und verlogenen Pakt nun durchwinken, wozu uns übrigens weder die Gewerkschaft noch die Ärztekammer explizit rät, die den faulen Kompromiss ja unterschrieben haben (!),
dann arbeiten wir all denen in die Hände, die Ärzte ohnehin schon längst aus der Diskussion über eine sinnvolle Gesundheitspolitik unseres Landes draußen haben wollen und EHC
(Dr. Ebner – Die „objektive“ Krake im Gesundheitssystem http://wp.me/p1kfuX-xw) hat sich sein Gehalt zu Recht verdient. 

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Written by medicus58

1. März 2015 um 17:22

3 Antworten

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  1. Medicus58, sie schreiben am AKH hätten mehr als die Hälfte der Mitarbeiter opt out unterschrieben und machen mich dafür veantworlich. Ich muss klar stellen, das die Kammer und auch ich als Person sowohl für das AKH als auch für den KAV empfohlen haben nicht ! zu unterschreiben. Die KollegenInnen haben aus verschiednen Gründen trotzdem unterschrieben. Es sind ca. 50%, wobei dies am AKH für einen reibungslosen Betrieb zu wenige sind.
    Thomas Szekeres

    Thomas Szekeres

    2. März 2015 at 09:34

  2. Hallo Medicus58!
    Sehr beeindruckender Blog — vielen Dank.
    Immerhin ist festzustellen, dass in Ö keine gesundheitspolitische Berichterstattung existiert.
    So bin ich seit >15a Falter-Abonnent und wundere mich, dass dieses Thema bisher komplet ausgeblendet wird — abgesehen von ein paar Artikeln von Herrn Langbein bzw. Vogt.
    Also total toll, dass es in dieser Form was gibt.
    Werde die Werbetrommel rühren 🙂
    Lg, Bracholder

    bracholder

    3. März 2015 at 00:48

    • Danke, als Falterleser darf ich zu deren Ehrenrettung zumindest anführen, dass dort ziemlich exklusiv über Eigenartiges bei der AUVA berichtet wurde.

      medicus58

      3. März 2015 at 09:40


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