Sprechstunde

über alles was uns krank macht

die spinnen, die Ärzte: Mehr Geld für weniger Arbeitszeit

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Arztzeit

Seit Wochen irrlichtern verschiedene Meldungen über die neu geregelten Ärztedienstzeiten und bereits erreichten oder nur behauptete Einigungen durch die Medien.  Es sollte auch jenen, die nicht direkt im Gesundheitssystem arbeiten, klar sein, dass Österreich ab 1.1.2015 mit gehöriger Verspätung eine EU-Richtlinie umsetzt, die die maximale Ärztearbeitszeit begrenzt. Ob das gesamte Umfeld jedoch allen klar ist, darf bezweifelt werden. Jedenfalls wurde dadurch die auch hier schon mehrfach thematisierte Problematik, woraus sich das Einkommen von Ärzte zusammensetzt (Der typische Arzt ist ein Hausarzt mit Kassenverträgen und reich  http://wp.me/p1kfuX-jY) plötzlich für die angestellten Ärzte äußerst virulent.
Die Wiener Gesundheitsstadträtin Wehsely sieht ja praktischerweise überhaupt kein Problem (http://derstandard.at/2000009605924/Aerztearbeitszeit-Wehsely-sieht-keinen-Zeitdruck-fuer-Loesung-in-Wien) nachdem die SPÖ-dominierte Gewerkschaft noch kurz vor Jahreswechsel eine Betriebsvereinbarung verlängert hat, die die gesetzlichen Schlupflöcher bis in den Sommer verlängern hilft und die politischen Drurchdenkungsräume werden ja ohnehin immer kürzer.
Der Wiener Ärztekammerpräsident und Labormediziner am AKH, schien bisher ohnehin nur an einer Regelung für das AKH und nicht für die anderen Wiener Spitäler interessiert.

Wenn nun für den 19.1. 2015 die Wiener Ärztekammer die Halle E im Museumsquartier für eine Kundgebung zum Thema Ärztearbeitszeit anmietet und Spitalsärzte nun sogar mit eigens bereitgestellten Bussen hinkarren möchte,  versucht sie hier nur dem immer stärkeren Unmut der angestellten Ärzte ein Ventil zu geben, die in Massenmails innerhalb des Wiener Krankenanstalten Verbundes sogar nach einer eigenen gewerkschaftlichen Vertretung verlangen;  dass dieses Ansinnen vom ÖGB nicht unterstützt wird (GdG-KMSfB-Meidlinger: Klare Absage an eigene Ärzte-Gewerkschaft http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20150107_OTS0077/gdg-kmsfb-meidlinger-klare-absage-an-eigene-aerzte-gewerkschaft) sei nur mal am Rande erwähnt, in Gründung ist diese Gewerkschaft aber bereits (http://derstandard.at/2000010089192/Aerztegewerkschaft-auf-Zielgerade).

In einigen anderen Bundesländern, insbesondere in Kärnten und Oberösterreich, gehen die Wogen um Geld und Arbeitszeit schon länger höher und drohen aktuell zu eskalieren, in einigen, wie in Vorarlberg, der Steiermark und in Salzburg wurden Erhöhungen des Grundgehaltes vereinbart, was einige grundsätzliche Probleme auch nicht lösen wird. Auch wenn die Lage extrem komplex ist, möchte ich hier – ohne dem Versprechen auf Vollständigkeit – einige Eckpunkte des Konfliktes ansprechen, um für Außenstehende die Gemengelage etwas zu entwirren.

Wenn der Arzt 24h im Spital ist, hat er dann 24h gearbeitet?

Nein, weil die ärztliche Anwesenheit, unabhängig von der tatsächlichen Arbeitsbelastung als Mix von Arbeitszeit und Bereitschaft berechnet wird. Im KAV werden für eine Anwesenheit (Mo-Do) von 8:00 früh bis 9:00 am Folgetag nur 20 Stunden Arbeitszeit, nicht 25h berechnet. Wird der Nachtdienst an einer ruhigen Station absolviert und konnte man während seiner Anwesenheit 5 Stunden ruhen, hat man Glück gehabt. Ging es aber rund, weil dauernd Rettungen oder ambulante Selbstvorstellungen eintrudelten, dann hatte man eben Pech.
Ich habe im Rahmen meiner Ausbildung noch Dienste von z.B. Samstag 8:00 bis Montag 16:00 geleistet, aber man war damals jung. Wenn aber die Nachtruhe (z.B. als Journalarzt) alle 2 Stunden gestört, dann war man aber auch damals ziemlich streichfähig.

Wie kommt der Arzt zu seinem Gehalt?

Das ist – wie alles in Österreich – regional sehr unterschiedlich. Prinzipiell setzt sich das Einkommen angestellter Ärzte im Wesentlichen durch Grundgehalt, Nebengebühren und Nebenbeschäftigungen zusammen.

Wie oft das Grundgehalt nun pro Jahr ausbezahlt wird, hängt vom Träger ab, wie viele Wochenstunden es abdeckt hängt von der Tätigkeit und vom Träger ab. Wie oben erwähnt, ist die Aufteilung von Arbeitszeit und Bereitschaft innerhalb „verlängerter Dienste“ schon schwer nachvollziehbar. Zusätzlich haben z.B. beruflich strahlenexponierte Personen häufig noch sogenannte Röntgentage, die von der Regelarbeitszeit abgezogen werden. Situationselastisch vermindern gesetzlich verlangte Ruhezeiten bisweilen die Anwesenheitspflicht, davon aber später.

Die Nebengebühren setzen sich aus (im KAV wenig ergiebig) Zulagen und (für die eizelnen

Warum explodiert es jetzt?

Das bisherige System, geringes Grundgehalt aber mehrere Möglichkeiten des Zuverdienstes für angestellte Ärzte war bequem für beide Seiten. Das KA-AZG (Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetz) bot stets und auch in seiner aktuellen Form genügend Schlupflöcher (Übergangsfristen, Betriebsvereinbarungen, …), um Möglichkeiten (im KAV sogar die Verpflichtung) zu schaffen, viele Nachtdienste zu leisten. Wenn die Spitalsärzte nun ihre – für Außenstehende absurd scheinende – Forderung nach einer Gehaltserhöhung stellen, verlangen sie eigentlich nur die Anhebung ihres Grundgehaltes auf ein internationales Niveau. 30 Jahre braucht der KAV um ein Gesetz zu lesen – muss nun der Generaldirektor gehen? http://wp.me/p1kfuX-Ac

Weshalb haben die Vertreter der Spitalsärzte das Problem nicht schon früher angegangen?

Einerseits liegt das daran, dass sich für die Belange der angestellten Ärzte niemand so richtig zuständig fühlen will. Die Ärzte sind, so wie die Rechtsanwälte, Apotheker, Architekten, .. etc., de jure ein freier Beruf; deshalb sind sie auch zur Zwangsmitgliedschaft in einer eigenen Kammer verpflichtet, die sie – gemeinsam mit ihren einzelnen Verzweigungen (Arztakademie, ÖQUmed, Ärzteverlag, …) mit nicht unbeträchtlichen Mitgiedsbeiträgen finanzieren müssen . Auch wenn Ärzte als Angestellte von der Personalvertretung bzw. Gewerkschaft, als Institutsbetreiber von der Wirtschaftskammer „vertreten“ werden, werden sie dort eher als Exoten angesehen. Die Ärztekammer hat zwar eine eigene Kurie der angestellten Ärzten, sieht sich aber traditionell als Vertretung der Niedergelassenen, auch wenn sich diese Gruppe nicht ganz zu Unrecht auch immer weniger von dort vertreten fühlt. In Laufe der Jahre wurde die Gruppe der ausschließlich in der Niederlassung tätigen Ärzte sogar zur Minderheit innerhalb der Ärzteschaft, was spurlos am Selbstbild der Ärztekammer vorüberging. Schließlich betrieben ja auch viele primär angestellte Ärzte eine Ordination als Nebenbeschäftigung.

Warum stellen wir nicht einfach mehr Ärzte an?

Abgesehen davon, dass dafür das Geld fehlt, fehlt es auch an Ärzten.
Ausschlaggebend sind hierfür eine Reihe von an sich unabhängigen, aber politisch absichtlich getroffenen Regelungen:
Aufnahmebeschränkung zum Medizinstudium,
Wegfall des klassischen Turnusarztes durch ebenfalls für heuer von Ärztekammer und Gesundheitpolitik vereinbarten Änderungen in der Ärzteausbildung
Festlegung der Spitalserhalter pro Arzt/Ärztin nur mehr entweder eine Ausbildung zum Allgemeinmediziner oder in einem Fach anzubieten

Die immer stärker werdenden Auswanderung in Länder mit besseren Arbeitsbedingungen trägt zur Verknappung des Gutes Spitalsarzt bei.

Warum kommen wir nicht einfach mit weniger Ärzten im Spital aus, so wie auch in anderen Ländern?

Die Verteilung der Arbeit am Patienten, vom Blutdruckmessen bis zur Infusion ist in verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich. Bislang war es für die Spitalserhalter günstiger, Tätigkeiten, die prinzipiell auch die diplomierte Pflege übernehmen konnte, durch die schlecht bezahlten Ärzte in Ausbildung erledigen zu lassen. Diese übernahmen jahrzehntelang viel mit kaum hörbarem Murren, da sie schließlich ohne abgeschlossenem Turnus ihr erfolgreich abgeschlossenes Studium nicht in einen gewinnbringenden Job umsetzen konnten und sie die Hoffnung auf eine nachfolgende Ordinationseröffnung aufrecht erhielt. Da ging es ihnen ähnlich, wie andere freie Berufe (Juristen im Gerichtsjahr, Apotheker im Aspirantenjahr, …) die auch durch schlecht bezahlte Lehrjahre durchmüssen, ehe sie die Lizenz zur Eigenständigkeit (ius practicandi) erhielten. Jetzt ist der ärztliche Beruf in der Niederlassung, an der Leine der Krankenkassen auch immer weniger attraktiv, so dass der Weg dorthin auch immer kritischer gesehen wird. Jeder kennt bereits genügend Jungmediziner, die für ihre postkommotionelle Ausbildung ins Ausland wechseln, weil sie sich den „Spritzenferdl-Job“ in Österreich ersparen wollen.
Nun arbeitet man hektisch an einer Neuverteilung der Routinetätigkeiten, bekommt diese aber nicht wirklich hin, weil zwar noch immer für einige nicht-ärztliche Berufe im Gesundheitssystem die Rolle des Diagnostizierenden und Heilenden attraktiv scheint, natürlich aber nicht die ungeliebten Zubringertätigkeiten der Turnusärzte. Wie man die diversen Arbeitspakete oder Skill’n’Grade Mixes auch immer nennt, auch die Pflege ist schon mit so vielen unnötigen Tätigkeiten beschäftigt worden, dass es kaum möglich sein wird, dass sie diese Tätigkeiten einfach ohne Personalvermehrung zusätzlich abdecken – und Geld und Personal gibt’s eben nicht. Die ebenfalls parallel in Angriff genommene Änderung der Pflegeausbildung wird ebenfalls nicht so schnell genügend einschlägig qualifiziertes Personal in den Beruf bringen, dass wir die nächste Zukunft „durchdrücken“.

Warum schließen wir nicht einige Spitäler und versorgen die Patienten ambulant?

Ein Teil der scheinbaren Kassensanierung der letzten Jahre aber auch der Probleme in der Altenpflege wurde auf den Rücken der Spitäler verschoben, weil dort der Deckungsbeitrag der Krankenkassen gering ist. Ob die nun hektisch geforderten Gesundheitszentren diese Versorgung übernehmen können, scheint mehr als fraglich, denn deren Etablierung benötigt Zeit und Personal. Beides fehlt. Auch wenn es attraktiv erscheint, dort die ambulante Versorgung einfacher Wehwehchen statt durch einen Arzt billiger durch nicht-ärztliche Gesundheitsberufe abdecken zu können, fehlen dafür ausgebildete Kräfte und sind noch eine Reihe von Haftungsfragen ungeklärt.

Fassen wir zusammen:
Durch schlechte Arbeitsbedingungen und absichtliche Änderungen der Ärzteausbildung und vermutlich absichtlich verschlafener Änderungen sowohl der nationalen als auch der europäischen Gesetzgebung haben wir einen Mangel an versorgungswirksam tätigen Ärzten sowohl im Spital als auch in den Kassenordinationen.

Written by medicus58

13. Januar 2015 um 22:45

Veröffentlicht in Gesundheitssystem

4 Antworten

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  1. Die Aufnahmebeschränkung zur MedUni änderte gar nichts! Die Flut der deutschen hat schon mehr Auswirkungen, wurde aber auf 25% reduziert. Es gibt und gab aber nur eine begrenzte Anzahl an Studienplätzen…und dank einer Handarbeitslehrerin in der Regierung wurde das MedUni System zur Schule und da wurde es schwierig mehr auszubilden.

    Manuel

    14. Januar 2015 at 21:16

    • Aufnahmebeschränkung und Ausländer reduzieren die Absolventen, die potentiell in Ö bleiben werden.
      Die Verschulung der Unis hat mE mehrere Gründe, die Handarbeitslehrerin hat aber dem Schulssystem den Rest gegeben.

      medicus58

      14. Januar 2015 at 22:00

  2. Verschulte Uni .. nun und dann sollen die jungärzte selbstständig sein .. nach jahren der bevormundung und „am händchen führen“ .. zitat eines studenten .. gegen ender der uni: wenn sie mir eine frage stellen brauche ich 4 antworten .. “ .. Nun die Patienten kommen auch mit 4 möglichen Diagnosen ?? hahahah .. bildung hat komplett versagt …

    Anonymous

    18. Januar 2015 at 11:52

    • Persönlich zweifle ich zwar auch daran, aber die Leute, die hinter der letzten Reform des Studiencurriculums standen, behaupten, dass gerade diese Fertigkeiten der Absolventen jetzt besser wären …

      medicus58

      18. Januar 2015 at 12:09


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