Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Kurt Kuch folgt Dir: Ein egoistischer Nachruf

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Kurt Kuch, einer der kompromisslosesten Aufdeckungsjournalisten Österreichs, hat den- auch medial offen geführten – Kampf gegen seinen Lungenkrebs weniger als 9 Monate nach Diagnosestellung verloren.
All seinem Aufbäumen zum Trotz (#fuckcancer) kippte er ziemlich genau dort von der Survival Curve, wo es auch die Mehrheit vergleichbarer Patienten taten, die in einem derartig fortgeschrittenen Stadium eines aggressiven Tumortyps diagnostiziert werden.
All diese Patienten, die ihre Krankengeschichte nicht twittern, denen in den Medien nicht Mut zugesprochen wird, die nicht (Originaltext Kuch) „einen 70er am Konto haben“ und sich somit ihre Ärzte nicht aussuchen können.
OK, im Gegensatz zu denen nahm Kuch sein Schicksal zum Anlass, seine mediale Stellung für eine Anti-Raucher Kampagne zu benützen. Ob deren sozialer Nachhaltigkeit mögen Zweifel angebracht sein, solange die Gründe unserer Süchte nur als Dummheiten jedoch nie als Folgen bestimmter Defizite angesehen werden, jedoch ist sozialmedizinisch jede Warnung vor dem Rauchen prinzipiell einmal gut. Andererseits sind viele von uns im Nachhinein gerne Prediger gegen die eigenen Fehler, wenn auch nicht alle vom Saulus zum Paulus Konvertierten ein Religion begründeten, die zwei Jahrtausende überdauert.

„Dass ich die Hochzeit meiner heute 12-jährigen Tochter nicht erleben würde. Da ist alles vorbeigezogen: ihre Matura, ihr erster Freund – dass ich bei allem nicht dabei sein würde, nur weil ich Trottel geglaubt habe, ich muss rauchen. Ich hätte mich in dieser Sekunde selbst umbringen können vor lauter unendlicher Blödheit.“

Ich bezweifle also, dass sich Kurt Kuch hier so sehr von seinen weniger eloquenten Leidensgenossen unterschieden hat.

Dass der anfänglich spärlich twitternde @KurtKuch sehr bald nachdem ich selbst unter @GTLMedicus zu zwitschern begann, mir folgte, schmeichelte zwar meiner Eitelkeit, interessiert aber zu Recht sonst niemanden.

Also wodurch unterschied sich Kurt Kuch nun vom Rest der Krebstoten?

Leider ist Florian Klenks Portrait aus dem letzten Falter (noch) nicht online verlinkbar, denn das würde schon manches erklären.
(Leider ist auch Florian Klenks Weihnachtswunsch, Kuch wolle seinen Krebs besiegen nicht erfüllt worden, aber … siehe oben)
https://twitter.com/KurtKuch/status/547453153852272642/photo/1

Was mich beeindruckt hat, war die scheinbare Absurdität mit der sich Kurt Kuch der Realität gestellt hat:

Rein statistisch überleben das zwei Prozent. Ich ignorier diese Zahl und denk mir, meine Chance ist 50/50. Entweder ich überleb’s, oder ich überleb’s nicht. Ich lass mir von der Krankheit nicht den Tag verscheißen.
http://www.falter.at/falter/2014/08/26/ich-lass-mir-von-der-krankheit-nicht-den-tag-verscheissen/
(zum Nachlesen für all diejenigen zum Nachlesen, denen meine Einleitung mit der Survival Curve zu pietätlos schien)

Auch wenn Kuch einmal hoffte „die Herrschenden wären ohne ihn sicherer gesessen“ und seine Beiträge (http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Kuch) sehr viel im „Land der Diebe“ (http://www.amazon.de/Land-Diebe-Kurt-Kuch/dp/3711000096) aufdeckten, war er sich ganz offenkundig klar, dass trotz seines gewaltigen Recherche- und Arbeitsaufwandes die Wahrscheinlichkeit weniger als zwei Prozent war, den Gang der Dinge nachhaltig zu beeinflussen.
Ganz richtig erkannte Kuch, dass für jeden von uns (auch unabhängig von medizinischen Prognosen) die Chancen immer 50% sind, wir schaffen es oder wir schaffen es nicht.
Und wenn wir nicht alle es immer und immer wieder versuchen, dann überleben es nicht einmal die zwei Prozent.

Das bleibt für mich von Kurt Kuch. Seine Tochter kann stolz auf ihn sein.

 

Written by medicus58

3. Januar 2015 um 16:35

Veröffentlicht in Allgemein

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4 Antworten

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  1. „Rein statistisch überleben das zwei Prozent. Ich ignorier diese Zahl und denk mir, meine Chance ist 50/50. Entweder ich überleb’s, oder ich überleb’s nicht. Ich lass mir von der Krankheit nicht den Tag verscheißen.“

    Diese Aussage ist auch bei mir hängen geblieben. Danke für Deine Zeilen.

    Forscher

    6. Januar 2015 at 21:23

    • Gerne.
      Diese Aussage war meiner Meinung nach so (mathematisch) falsch wie (menschlich) richtig. Sie hinterfragt letztendlich die individuelle Relevanz all unserer Evidence Based Medicine, weil es die hinfällige Bedeutung statistischer Aussagen für den Einzelnen zeigt.

      medicus58

      6. Januar 2015 at 21:40


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