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Jedes Kind hat Talent: Gut gemeint kann auch ziemlich gemein sein

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#Talent

Obenstehendes Bild kam via Twitter von @AlevKorun, Nationalratsabgeordnete der Grünen und verbreitet einen scheinbar zutiefst humanistischen Grundsatz:

Jedes Kind hat Talent & will lernen & persönlich wachsen. Kein Kind zurücklassen!

Jetzt ist die Förderung des Nachwuchs keineswegs eine Erfindung der alternativen Linken:
Schon der keineswegs linksstehende Winston Churchill stellte fest, dass es keine bessere Investition gibt als die Milch die eine Gesellschaft in ihre Kinder gießt.
Und mir liegt es selbstverständlich fern, gegen die Förderung unseres Nachwuchs zu argumentieren, mich stört nur die eigenartige moralische Position, die hier eingenommen wird.
Statt das zu verlangen, wovon man überzeugt ist, verschanzt man sich hinter einem Postulat, das durch das erste Gegenbeispiel (und jeder kennt ein solches), falsifiziert werden kann,
und gefährdet dadurch eine an sich richtige Forderung.

Während die Aufklärer so viel Selbstbewusstsein aufbrachten, Lernen und Wissen als einen Wert an sich zu definieren und konsequent forderten, dass allen Menschen ein Zugang zu Wissen und Bildung zu ermöglichen ist,
wird hier – ganz materialistisch –  die Berechtigung zur Förderung durch das Vorhandensein eines Talents begründet. Mit anderen Worten getraut man sich nicht, es als seine persönliche Überzeugung darzustellen, dass eine Gesellschaft ihren Nachwuchs zu fördern hat, sondern generiert sich scheinbar nur zum Sprachrohr des Talents (übrigens im Wortstamm die Bezeichnung einer Menge an Silbermünzen !!) , das sich seine Förderung verdient hat. Um die Kurve am Elitarismus vorbei zu kriegen, schiebt man die Behauptung voran, dass ohnehin jedes Kind Talent hätte, so dass ja eh alles, jede, jeder & jedes „mitzunehmen“ ist.

Gesellschaftspolitik im 21. Jahrhundert tut nur mehr, als wäre nichts mehr Überzeugung (Ideologie) sondern alles nur mehr alternativlose Logik.

Damit steht sie aber auf ziemlich wackeligen Füssen, denn es negiert die Unterschiedlichkeit von Menschen.
Klar, eine unmotivierter Lehrerin, ein mieser Kindergärtner demontiert den Lernwillen jedes Kindes und gute Kräfte holen auch noch viele Außenseiter und Minderbegabte ins Boot, nur vermutlich nicht alle.
Die postulierte Gleichheit führt konsequenterweise zu Absurdität (Achtung jetzt wird’s zynisch), dass letztendlich Rollstuhlfahrer verpflichtend an der Neigungsgruppe Hürdenlauf teilzunehmen haben und wir alle im Theater Hamlets Monologe nur mehr in Gebärdensprache sehen werden.
Selbstverständlich ist es unerwünscht, Kinder mit besonderen Bedürfnissen in „Hilfsschulen“ abzuschieben, jedoch bin ich davon überzeugt, dass es Grenzfälle gibt, in denen ein gemeinsamer Unterricht aller zu Benachteiligung aller wird, also ziemlich gemein wird.
Selbstverständlich ist es wünschenswert, dass allen Kindern alle Möglichkeiten eröffnet werden, um das Beste aus Ihren Wünschen und Anlagen zu machen, jedoch verweigere ich mich der Verpflichtung jeden radegebrochenen Text als Literatur, jedes quälende Geklimper als musikalische Talentprobe und jedes bekritzelte Stück Lehm als Lehrstück künftiger Michelangelos zu akzeptieren.

Jeder Mensch hat als Mensch geachtet, gefördert, -schlicht ermöglicht zu werden, wenn er will, eben weil er Mensch ist.
Wer hierzu eine weitere Begründung benötigt, sollte seinen geistigen Standpunkt hinterfragen.
Jeder Mensch hat alle Chancen verdient- auch wenn er – wie die meisten von uns – talentlos ist, weil er Teil der menschlichen Gesellschaft ist. Jede andere Position wäre ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Wir haben unsere Politiker ja auch gewählt, auch wenn sie uns immer wieder ihre Talentlosigkeit und ihr Unverständnis der europäischen Geistesgeschichte beweisen.
Wenn Sie aber keinen Mumm mehr haben, einfach zu sagen, was sie durchsetzen wollen sondern sich nur hinter gut klingenden, selbstimmunisierenden Bildern verstecken, drängt sich die Frage auf, ob man nicht zumindest derartige Geisteskinder zurücklassen sollte.

 

Written by medicus58

23. Dezember 2014 um 16:44

5 Antworten

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  1. Einer Ihrer „schärfsten“ Beiträge. Alle Achtung.

    Christine Kainz

    24. Dezember 2014 at 17:35

    • Finden Sie?
      Mir geht die Diskrepanz zwischen der Realität und dem Gesülze einfach auf den Geist. Bin vermutlich schon zu lange auf der Welt, um das „Alle Menschen werden Brüder“ noch hören zu können ohne an „Scheisserl“ Gottschlich zu denken ….🙂

      Bin mir sicher, dass Sie die Version noch kennen.

      medicus58

      24. Dezember 2014 at 18:38

  2. Ich verstehe die Befürchtung dahinter, andererseits könnte man es auch negativ formulieren:

    Das jetzige Bildungssystem sorgt für die Beibehaltung des Standesdünkels, für die Vererbung von Reichtum und von Armut und hält das Auseinanderklaffen der Schere aufrecht. Das Schulsystem bereitet nicht aufs Leben vor, sondern zieht einen Lehrplan auf Biegen und Brechen durch, und wer anders ist, der hat eben Pech gehabt. Für individuelle Betreuung ist das System nicht gedacht bzw. wird nicht finanziert. Wen kümmern die 20 %, die jedes Jahr durch den Rost fallen, wenn 80 % keine Probleme haben? So gesehen gefällt es mir lieber zu sagen, jedes Kind hat seine Talente, und damit ist nicht Gleichmacherei gefragt, nicht verlangt, dass jemand, der etwas nicht kann, dafür noch Preise gewinnen soll. Aber warum zwingt man ein Kind zum Kunstunterricht, wenn es in Musik eher Leistung bringen kann? Warum muss die Algebra vor der Geometrie gelehrt werden, wenn ein Kind eine andere Denkweise hat, und Geometrie besser versteht als Algebra? Das ganze System ist so starr und Bachelor/Master haben aus dem freien Diplom ein weiteres, verschultes, starres System gemacht. Das fördert weder die Vielfalt, die Kreativität noch das „über den Tellerrand schauen“.

    Wenn alles bereits so festgefahren ist, hilft es nicht, sich bescheiden und schüchterne Ziele zu setzen. Da sind klar formulierte, wenn auch in der Form HEUTE noch nicht umsetzbare Ziele besser als halbherzige Ziele, die vielleicht realistischer sind, aber leider marketingtechnisch völlig unwirksam.

    Forscher

    25. Dezember 2014 at 19:53

    • Die Systemkritik teile ich weitgehend, insbesondere da schliesslich auch historisch zuerst die Geometrie und dann die Algebra entwickelt wurde.😉
      Das Konzept (überspitzt) „belästigt sie nicht mit Inhalten, die ihnen nicht liegen“ ist mir zu utilitaristisch.
      Darum ging es mir aber nicht.
      Ich empfinde diesen Schönsprech „jeder hat schon irgendein Talent“ so gleichmacherisch verlogen wie zu glauben, dass ein Ausbildungssystem ohne Prüfung (Selektion) auskommen kann. Ob unsere Schul-, Sozial- und Gesundheitssysteme human sind, beweisen sie an den Untalentierten, Arbeitsscheuen und Drogenabhängigen; und mir einreden zu wollen, dass es die nicht gibt, empfinde ich als Verhöhnung.

      medicus58

      26. Dezember 2014 at 10:25

      • Zu beweisen, dass nicht jeder Mensch ein Talent hat, ist so wie zu beweisen, dass es Gott gibt. Geht nicht. Auch die Untalentierten, Arbeitsscheuen und Drogenabhängigen werden ihre Talente haben, die nur nicht erkannt wurden. Und die Einstellung zur Arbeitsscheuheit wird auch in die Wiege gelegt. In Deutschland denke ich mir sogar, wenn diese Niedriglohnjobs kaum mehr als Hartz4 bringen, dann wundert es nicht, dass viele dieses gleichvorziehen, wenn die Anreize fehlen. Ich möchte nicht verallgemeinern, schwarze Schafe gibt es immer, und Prüfungen sind notwendig, sonst sinkt die Qualität der Ausbildung (ein Lehrender auf zu viele Lehrende).

        Forscher

        28. Dezember 2014 at 11:10


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