Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Kosteneffizienz in der Medizin ist doch was Gutes, oder?

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costeffective

Wer auch immer heute über eine Budgetsanierung spricht, der spricht von einer Verwaltungsreform aber auch vor dem Amen in seinem Gebet vom Gesundheitssystem.
Jahrzehnten einschlägiger Gehirnwäsche haben dazu geführt, dass jeder davon überzeugt ist, dass im Gesundheitssystem sinnlos Millionen verpulvert werden.

Dass seit Jahren die Ausstattung öffentlicher Spitäler in den sogenannten „reichen Ländern“ inzwischen gegen ein chinesisches Schwerpunktspital abstinken, darüber spricht man nicht (ein chinesischer Gastprofessor an meiner Abteilung hat dies kürzlich etwas höflicher formuliert), egal.
Dass wir zwar vor Wahlen etwas Zahnkosmetik betreiben (Stögers Zahnspangen irgendwann einmal auf Krankenschein ….) aber die angeblich sanierten Kassen nur an den Schneidezähnen weiße Füllungen zahlen und daneben Amalgam prangt, wurscht.

Kürzlich stolperte ich über eine interessante Publikation, die die wissenschaftliche Literatur zu Kosteneffizienz  in der Medizin analysierte (http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1524-4733.2005.04010.x/fullGrowth and Quality of the Cost–Utility Literature, 1976–2001, publiziert 2005!

Ein paar Zitate gefällig? 

Wenig überraschend hat die Häufigkeit entsprechender Untersuchungen innerhalb des Untersuchungszeitraumes drastisch zugenommen und natürlich kommt die Mehrheit der publizierten Studien aus den USA, einem Land dessen Gesundheitssystem das teuerste aber vermutlich auch das ineffizienteste der Welt ist.
Hinsichtlich des ärztlichen Einkommens sind die USA aber durchaus empfehlenswert, auch egal.
Soweit mir die aktuellen Rankings bekannt sind, haben sich die Verhältnisse im folgenden Jahrzehnt nicht geändert. Die meisten Studien kommen auch heute aus den Speerspitzen des Neoliberalismus, den USA und Großbritannien; zwei Länder in denen weniger finanzstarke Patienten zwar nicht gerade gut betreut werden, aber egal.
Das Gesundheitssystem in Großbritannien ist wenigstens so ehrlich, dass es mehr oder weniger festgelegt hat, dass ein QALYyear ( http://de.wikipedia.org/wiki/Qualit%C3%A4tskorrigiertes_Lebensjahr ), also ein zusätzliche Jahr voller Gesundheit nicht mehr als 20.000 zwischen 20.000 und 30.000 Pfund kosten darf, wenn es vom öffentlichen Gesundheitssystem finanziert werden soll. Ein Punkt, über den wir hier noch nicht einmal zu denken wagen (Was sagt uns Diskrepanz zwischen erzielbarem Einkommen und Therapiekosten? http://wp.me/p1kfuX-IZ).

Die Autoren bemerkten auch, dass diese Publikation in diesem Zeitraum methodisch zwar besser geworden sind, aber – und das ist das meines Erachtens das Bedenkliche –  konstant von 35% der publizierten Studien nicht bekannt ist, wer sie finanziert hat!

Ich frage mich, wie lange wir es uns nach gefallen lassen, dass inzwischen völlig zu Recht ärztliche Wissenschafter jede Affiliation (http://www.salzburg.com/nachrichten/oesterreich/wirtschaft/sn/artikel/pharma-honorare-an-aerzte-werden-oeffentlich-118915/) offen legen müssen, diejenigen aber, die neue Verfahren in der Medizin durch ihre Hochrechnungen verhindern, verschweigen, in wessen Auftrag sie agieren. Dazu passt auch, dass die Autoren der zitierten Studie bemängeln, dass viele Arbeiten die verwendeten Berechnungsmethoden nur unzureichend validiert bzw. verifiziert haben.

Written by medicus58

16. September 2014 um 20:16

Eine Antwort

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  1. 1. ich wünsche Ihnen nicht jemals Patient in einem sog. chin. Schwerpunktspital sein zu müssen. Wenn Sie die Zahlungsmodalitäten und die Honorarnoten / Spitalsrechnungen sehen werden Sie verstehen, warum wo vorher keiner stand, heute der modernste CT steht. Ist bei den Röntgeninstituten in Europa nicht viel anders.
    2. was die Studie über Studien, die Sie zitieren – ohne dabei zu vergessen, dass jegliches Kostenbewusstsein natürlich nur Neoliberalismus sein kann – aussagt bezieht sich weitestgehend auf die USA. Österreich, selbst Deutschland wird mit keinem Wort erwähnt. Also wo ist die Relevanz für uns ?
    3. die Summe für ein QUALYyear ist mitnichten max. 20 000 Pfund sondern zwischen 20 000 und 30 000 Pfund, wird aber in der Praxis oft überschritten – so der von Ihnen zitierte Wikipedia Artikel
    4. es ist KEINE Gehirnwäsche, wenn nicht nur ich zur Überzeugung gekommen bin, dass im Gesundheitswesen Österreichs erhebliche Verschwendung betrieben wird. Nicht unbedingt durch den einzelnen Arzt oder auch das einzelne Spital wohl aber durch die Struktur des hiesigen Systems
    5. und was Ihr Therapiekostenartikel angeht in dem Sie bemängeln, dass wir angeblich alle nicht genug verdienen um uns alle eine 4000 Euro teure Krebsbehandlung zu leisten – es ist doch ganz einfach nicht wahr, dass JEDER der in eine Kasse einzahlt stets diese Kosten verursacht. Genau das ist doch der Sinn eines solidarischen Versicherungssystems. Es orientiert sich eben nicht an den höchstmöglichen Kosten und auch nicht an den niedrigstmöglichen (also ein Mensch der nie krank ist).
    Resume: ich verstehe nicht wieso Sie ungebremsten Kostensteigerungen das Wort reden und einer Budgetsanierung so feindlich gegenüber stehen. Einfach nur weil sonst das Einkommen der Behandler Schaden nähme ? Das wäre dann allerdings schon sehr „billig“. Oder aus Sorge um den Patienten für den ohne Rücksicht auf die Kosten immer nur das Beste und Teurerste gut genug sein soll ? Also im Extremfall der Patient als Mittel den Umsatz für Spitäler und die Pharmaindustrie zu steigern ?

    Hans

    16. September 2014 at 23:08


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