Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Wozu hätten wir denn die Experten, wenn sie sich nicht immer was Neues einfallen ließen? Interdisziplinäre Belegung

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HOSPITAL

Ein Dauerbrenner in der Gesundheitsökonomie ist die interdisziplinäre Bettenstation, die vom neuen KAV GD-STV Janßen in einem aktuellen Interview exhumiert wird:

Die ganzheitliche Versorgung der PatientInnen wird eine andere sein als 2014 … Daher brauchen wir innovative medizinische Versorgungskonzepte dafür, wie unsere Spitäler ab 2020 funktionieren sollen. Medizin im 21. Jahrhundert verlangt nach fächerübergreifender Behandlung und Versorgung.

http://www.medmedia.at/klinik-ausgaben/wiener-spitalskonzept-2030-der-medizinische-masterplan-in-wien-was-dahintersteckt/

Jetzt einmal davon abgesehen, dass ich die Luftblasen ganzheitlich„, „innovativ“ und „nichts wird so bleiben wie bisher“ schon zu oft in den Himmel steigen gesehen habe, als dass sie mir Jubel abzuringen in der Lage wären, „schlaucht der alter Wein in neuem Gebinde“ auch deshalb, weil sich bereits vor Jahren Kollege Kaspar Sertl mit dieses Konzept um den Generaldirektorsposten des Wiener Krankenanstaltenverbundes beworben hat. Geworden ist er es damals nicht und inzwischen hat man ihn überhaupt frühpensioniert.

Mir geht es aber gar nicht darum, das Klagelied des „Propheten im eigenen Land“ anzustimmen, weil ich persönlich das Konzept einer interdisziplinären Bettenbelegung ohnehin für einen praxisfremden Schwachsinn halte.

Natürlich gibt es bereits national und international Beispiele interdisziplinärer Belegung, jede Notfallaufnahme, jeder postop. Aufwachraum ist in gewisser Weise so eine interdisziplinäre Einrichtung, nur handelt es sich hierbei um Spezialsituationen, in denen der Patient nur für einen relativ kurzen Zeitraum verweilt. Für den Rest der Diagnose und Therapie liegen die meisten Patienten derzeit noch in Strukturen, die sich auf sein spezielles Krankheitsbild spezialisiert haben. Dabei geht es aber natürlich nicht nur um die speziellen Kompetenzen der behandelnden Ärzte, obwohl es natürlich einen Grund hat, weshalb (z.B.) ein Urologe und ein Augenarzt nach einem gemeinsamen Studium noch jeweils sechs Jahre eine Ausbildung in dem jeweiligen Sonderfach erhalten. Für eine erfolgreiche Behandlung ist natürlich auch dieSpezialkompetenz der Pflege und anderer involvierter Berufsgruppen (MTD, Med.Physik, Soz.Arbeiter,…) erforderlich. Auch wenn abgesehen von bestimmten Zusatzqualifikationen (z.B. „Dialyseschwester“, …) so getan wird, als wäre Pflegeperson gleich Pflegeperson, kann jeder Arzt ein Lied davon singen, zu welchen Banalatäten er im Nachtdienst gerufen wurde, wenn eine „weniger erfahrene“ Kraft Dienst hatte, aber auch dass wertvolle Zeit verschenkt wurde, weil ein Krankheitssymptom falsch eingeschätzt wurde: Kurzes Anfiebern bei einem schwer in einer Abwehr geschwächten Patienten unter chemotherapie erfordert eine andere Handlungsweise als bei einem Patienten mit intaktem Knochenmark.
Auch Verbandswechsel und Wundpflege unterscheiden sich oft grundlegend zwischen (z.B.) einer Dermatologie und einer Herz-Thorax-Chirurgie. Ehe mich noch der Vorwurf ärztlicher Überheblichkeit trifft darf ich auch aus voller Überzeugung hinzufügen, dass ich über vergleichbare Beispiele berichtet könnte, wenn der Beidienst mit einem im speziellen Fach unerfahrenen Arzt besetzt wurde.
Der Schlüssel zur Expertise in allen Bereichen ist Spezialisierung und Erfahrung, egal ob diese schon in unterschiedlichen Ausbildungswegen (nach einem Dr. med univ.) oder eben in der Praxis erworben wird.

Mit einem besonders schönen intellektuellen Fallrückzieher beweist Janßen in diesem Interview auch, dass man als „Experte“ heute ein gerüttelt Maß an Sophismus zu beherrschen hat, also mit absichtlich herbeigeführten Fehlschlüssen operieren können muss:

An den Anfang stellt er ein anderes Mantra:

In der Medizin hängt Qualität in hohem Maße von hohen Fallzahlen ab.

Bewußt oder unbewußt lässt er aber weg, dass der Satz – wenn überhaupt – nur Sinn macht, wenn es um hohe Fallzahlen GLEICHER Krankheitsfälle geht.
Dann setzt er fort:

Die Ausbildung interdisziplinärer Zentren fördert genau diesen Aspekt. Dort wird maximale Kompetenz gebündelt und so optimale Voraussetzungen für eine ganzheitliche Behandlung auf höchstem Niveau geschaffen.

Also mit anderen Worten:

Alles wird besser, wenn an einem Ort möglichst häufig dieselbe Erkrankung diagnostiziert und behandelt wird und deshalb legen wir ganz verschiedene Erkrankungen in eine Station.

Verstehe das wer kann, wenn man „maximale Kompetenz“ nicht als „Eier-legende-Woll-Milch-Sau“ interpretieren will. (Mann, ist der Mann gut, der nun im KAV aufräumt …. http://wp.me/p1kfuX-Kd)

Was da der Generaldirektor-Stv. des größten öffentlichen Krankenanstaltenverbundes Europas als Erfolgsgeheimnis hinter das Wiener Spitalskonzept 2030 erfindet ist an Dutzenden privat geführten Belegspitälern schon längst realisiert:
Hoch kompetente – oder zumindest medial aktive – Ärzte legen ihre Patienten in ein freies Bett, hinterlassen ihre kompetenten Anweisungen und machen sich wieder aus dem Staub. Die täglichen und nächtlichen Abläufe werden dann von anonymem Personal geführt, mit deren Namen niemand auf schön glänzenden Messingschildern wirbt.

Oder wie es Kurt Langbein einmal so schön zusammenfasste:

Geworben wird mit Sicherheit, persönlicher Betreuung und
dem Wohlfühlfaktor. Doch damit kann es in Belegspitälern
schnell vorbei sein, wenn Komplikationen eintreten und
der Arzt abwesend ist.

http://www.schaffler-verlag.com/gw_artikel_dl/130508.pdf

In diesem Artikel wurde auch die Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz zitiert, die darauf hinwies, dass es in privatwirtschaftlich geführten Belegspitäler ein erhöhtes Risiko für Patienten bedeutet, wenn die „Spezialisten“ nicht greifbar sind. Erst vor 2 Tagen wiederholte Pilz ihre – sachlich m.E. richtigen – Vorwürfe gegen die Strukturschwächen der Wiener Privatkrankenanstalten
(http://tv.orf.at/program/orf2/20140503/695538001/377712).

Um so bemerkenswerter ist es, dass ihr zu Janßens Umbau der KAV Häuser zu interdisziplinären Belegspitälern mit auf mehrere Standorte zersplitterter Kompetenz nichts Kritisches einfällt.

Dabei entlarvt Janßen die Zukunftsperspektive seines Konzeptes ohnehin, wenn er davon schwärmt, dass „beispielsweise die Hämatoonkologie oder die Palliativmedizin künftig in einem Onkologiezentrum verankert werden„.

Mit anderen Worten beunruhigt den Patienten kein Ortswechsel mehr, wenn man den kurativen Ansatz seiner Behandlung verlässt. 
So gesehen muss man Janßen vielleicht recht geben, dass „die ganzheitliche Versorgung der PatientInnen (bald) eine andere sein (wird) als 2014 …

Link: 
Nun gibt die Politik die Potemkinschen Spitäler langsam zu, schiebt aber Verantwortung auf Ärzte http://wp.me/p1kfuX-Br

4 Antworten

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  1. Bzgl. Palliativpatienten zählt der Kurier 13 Zeichen auf, die auf einen nahen Tod hindeuten. Diese Aufzählung finde ich unsinnig und verantwortungslos, wie ich auch in meinem Kommentar schrieb. http://kurier.at/lebensart/gesundheit/palliativpatienten-13-zeichen-fuer-einen-nahen-tod/123.456.331
    Werter medicus, wie ist Ihre Meinung dazu?

    Christine Kainz

    14. April 2015 at 00:55

    • Prognostische Indices sind ein Standardinstrument der Medizin. Das Problem ist immer (a) wie sicher sind sie für den Einzelfall (b) was zieht man für Konsequenzen

      medicus58

      15. April 2015 at 22:31


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