Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Der Kampf um Milliarden im Gesundheitswesen wird an der falschen Front geführt

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Bonescan

Die Ursachen, weshalb die Versorgung mit bestimmten Medikamenten unsicherer wird, sind mannigfaltig und nicht in jedem Fall primär dadurch erklärbar, dass der Preisdruck des Hauptverbandes die Industrie in andere Länder treibt, auch wenn das von manchen Gesundheitsökonomen so dargestellt wird.

In manchen Fällen kam es auch zu Versorgungsengpässen bei Medikamenten, die so billig sind, dass sich überhaupt kein Generikamarkt gebildet hat und für die Versorgung in Österreich ohnehin nur auf zwei Anbietern basiert: Bei Schilddrüsenhormonen explodierte zur großen Überraschung der Hersteller der Verbrauch europaweit und es wurde einerseits verabsäumt, die Produktionskapazitäten rechtzeitig hoch zu fahren; andererseits (z.T. auch als Marketingüberlegungen) wurde der Wirkstoff in einer immer größeren Zahl an Dosierungen vermarktet, so dass es zu Lieferengpässen einzelner Dosierungen und somit zu einer nicht unbeträchtlichen Verunsicherung der Patienten kam.

Viel wesentlicher als das Getue unseres Hauptverbandes ist aber die einfache wirtschaftliche Überlegung, dass mit einem Medikament dann viel zu verdienen ist, wenn es viele Patienten gibt, die es benötigen, sein potentieller Markt also groß ist und idealerweise keine Konkurrenzprodukte existieren. Deshalb fließt naturgemäß viel Geld in die Entwicklung neuer Therapie für Massenerkrankungen. Oft übersieht man jedoch, dass es seit Jahrzehnten vergleichbare Therapien gibt, die eben nur in Vergessenheit geraten sind, weil kein großer Pharmakonzern sich um ihre Vermarktung bemüht. Ganz typisch sind da auch Trittbrettfahrer, die ihre Produkte mit dem neuen Trend wieder in den Markt bringen wollen. An sehr altes Beispiel wäre hier der Hype um den ersten „Cholesterinsynthetasehemmer“ (HMG-CoA-Reduktasehemmer) Lovastatin und das in den späten 80ern in seinem Schatten in Österreich initial Furore machenden  Gemfirbozil(Gevilon), weil es von  „Der ganzen Woche“ als DER NEUE Cholesterinsenker angepriesen wurde, noch ehe Lovastatin (Mevacor)  in Österreich erhältlich war. So nebenher besteht auch Einigkeit darüber, dass die Verbreitung von Lovastatin in den USA nicht zuletzt auf einen Artikel im „Reader’s Digest“ zurückzuführen war …

Ein rezenteres Beispiel, wie neue Therapiekonzepte vermarktet werden, ist das fortgeschrittene Prostatakarzinom. Für keinen anderen Tumor ist in den letzten 10 Jahren eine derartige Fülle an neuen – und sehr teuren- Therapien entwickelt worden. Kein Wunder, denn seit der Einführung des PSA Screnings hat sich die Anzahl der „potentiellen Kunden“ vervielfacht.

An einer der Fronten hat zum Beispiel die Firma Bayer 1,9 Milliarden in die Hand genommen und eine kleine norwegische Firma (Algeta) aufgekauft, deren Radium-223 in einer Studie (ALSYMPCA, NEJM 2013;389) das Leben der untersuchten Patienten um etwas mehr als 3 Monate verlängert hat. Dass unmittelbar nach Fertigstellung der Studie die amerikanische Zulassungsbehörde (FDA) diese neue Therapie zugelassen hat und wenige Monate danach auch die europäische Zulassung erteilt wurde, ließ Bayer, das einen Jahresumsatz von fast 40 Milliarden (2012) macht, auf ein gutes Geschäft wittern und seinen Aktionären das neue Präparat als eine der wichtigsten Cash cows des Konzern präsentieren..
Das Produkt ist aber keine der üblichen Chemotherapien, sondern eine radioaktive Substanz, die wie Kalzium in den Knochen aufgenommen wird und zu einer „zielgerichteten“ Strahlentherapie von Knochenmetastasen führt.

Eingeschlossen wurden in die Alympca Studie nur selektionierte Fälle, und zwar Patienten, die auf die üblichen Hormontherapien nicht mehr ansprachen, die Knochenmetastasen aber keine anderen bekannten Metastasenlokalisationen hatten und bei denen andere der zu Studienbeginn verfügbaren Therapien bereits ausgeschöpft waren.
Trotzdem verbreitete sich die Kunde von dem neuen Wundermittel in den Selbsthilfeforen wie ein Lauffeuer und Patienten und behandelnde Ärzte verlangten schon vor der Produktregistrierung nach der Substanz. Diese Therapie besteht aus 6 Einzelinfusionen, die in 4-wöchigen Abständen verabreicht werden und kostet über 30.000 €.
Das Wirkprinzip, also radioaktive Substanzen in den Knochen zu bringen, um die Knochenmetastasen des Prostatakarzinoms zu behandeln ist jedoch nicht neu. Erstmals 1941 wurde dazu das radioaktive Strontium 89 eingesetzt, das seit 1994 von der amerikanischen Aufsichtsbehörde eine Zulassung erhalten hat. 1997 wurde Samarium-153 EDTMP zugelassen und in Europa ist zusätzlichRhenium-186 HEDP verfügbar, um schmerzhafte Knochenmetastasen des Prostatakarzinoms zu behandeln.
Neu im Zusammenhang mit dem Radium 223 ist aber zweifellos, dass erstmals in einer Doppelblindstudie gezeigt werden konnte, dass dieses Wirkprinzip nicht nur zu einer Schmerzlinderung sondern (in einer bestimmten Patientengruppe) zu einer Lebensverlängerung führt.

Weshalb ich dieses Beispiel aber hier im Kapitel „Psychopathologie der Medizin“ erwähne, ist die Parallele zu den oben genannten zwei Lipidsenkern. Auch hier wurde im Vorfeld versucht ein anderes Medikament im Schatten des ersten hochzujazzen:

Selbstverständlich gab es seit 1941 immer wieder Studien, die untersuchten, ob das Wirkprinzip der „Radionuklidtherapie“ neben der Schmerzlinderung nicht auch zu einer Lebensverlängerung der Patienten mit (osteoplastischen) Knochenmetastasen führt. Für Rhenium wurde das z.B. in einer Studie im J Clin Oncol 2003 (21(15):2869 angedeutet, jedoch konnte in standardisierten Analysen (EBM, HTA) für alle in Frage stehenden Radiopharmaka dieser Beweis bislang nicht erbracht werden. Trotzdem wurde im Vorfeld der ALSYMPCA Studie mit nicht unbeträchtlichem medialen Aufwand und entsprechender Reaktion in den Patientenforen die Behaupt verbreitet, dass auch Rhenium zu einer Lebensverlängerung führt.
Basis war eine retrospektive Analyse (JNM 2001:52:1-6) von 60 Patienten, die eine unterschiedliche Anzahl an Therapiezyklen erhalten haben. Es zeigte sich, dass die Patienten, die mehrere Therapien erhalten haben, länger lebten, als die die nurwenige Therapien erhalten haben, bzw. erhalten konnten. Während die Autoren noch pflichtschuldig in der Diskussion ihrer Arbeit einräumten, dass es sich hier auch um ein klassisches Henne-Ei-Problem handel könnte, also evtl. die Patienten, die aus irgendwelchen Gründen länger lebten einfach häufiger therapiert werden konnten, wurde die Studie völlig unkritisch als Lebensverlängerung vermarktet:
Post-treatment overall survival could be improved from 4.50 to 15.66 mo by multiple-injection!
Ungeachtet dieses Selection und Confirmation Bias gab die US-amerikanische Society of Nuclear Medicine, die das Journal heraus gibt sofort eine Pressekonferenz mit gleichlautendem Schluß heraus und die Universitätsklinik, die für die Studie verantwortlich war. sprach schon Wochen vor der Veröffentlichung der Studie auf ihrer Homepage von: Lebenszeitverlängerung der Patienten um bis zu 15,6 Monate, was in den Patientenforen natürlich die Runde machte (Daten beim Verfasser).

Jetzt handelt es sich bei dem neuen Präparat, ebenso wie bei den im vorherigen Beispiel genannten Cholesterinsenkern Lovastatin und Gemfibrozil sowie bei den Radiopharmaka um wirksame Therapeutika, die hier in der richtigen Indikation zum Wohle der Patienten eingesetzt werden können. Worum es mir jedoch geht ist das moralisch höchst bedenkliche Junktim zwischen wissenschaftlichem Dialog und medialer Aufarbeitung, bei dem offenbar im Hinblick auf die Vermarktung von neuen und alten Therapien ganz bewußt auf den Druck der Betroffenen gesetzt wird.

Eine neue Dimension hat das Spiel aber aber damit bekommen, dass sich die staatlichen Player im Gesundheitssystem mit Hilfe der von ihnen finanzierten „Experten“ trotzdem weigern, die Kosten für in klinischen Studien „bewiesene“ und durch die staatlichen Zulassungsbehörden akzeptierte Therapien zu übernehmen, in dem sie Vergleichsstudien mit anderen teuren Therapien einfordern, die sich aber weder ein Konzern, geschweige die öffentliche Hand je leisten wird können:

Großbritannien lehnt Bayer-Krebsmedikament ab
http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/hoffnungstraeger-xofigo-grossbritannien-lehnt-bayer-krebsmedikament-ab/9659978.html

Am Ende steht dann der Anruf eines verzweifelten Patienten, der in Dutzenden Medien lesen konnte, dass es eine „neue Wunderwaffe“ für sein Leiden gäbe, diese auch für seine Indikation von den Behörden freigegeben ist, aber – ohne dass er im „Kleingedruckten“ seiner Krankenversicherung dafür eine Begründung lesen – sie ihm nicht zur Verfügung steht.

Somit werden die Konflikte im Gesundheitswesen wieder genau dort ausgetragen, wo sie am Schwierigsten zu führen sind:
Zwischen Betroffenem und seinem behandelnden Arzt!

7 Antworten

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  1. Preisdruck, Versorgungsengpässe, billig, Verbrauch, Produktionskapazitäten hochfahren, Marketingüberlegungen, viel zu verdienen ist, potentieller Markt, wirtschaftliche Überlegung, Konkurrenzprodukte, Geld, Vermarktung, neuer Trend, Hype, ‚potentielle Kunden‘ vervielfacht, Fronten, Milliarden, aufgekauft, gutes Geschäft wittern, wichtigsten Cash cow …
    Und dann noch all diese ungustiösen sachlichen Fakten!
    … Mir wird schlecht!
    Und all das, bloß weil kein Arzt auch nur einen Euro auslassen will und anstatt den Patienten zu sagen wie sie leben sollten, lieber weiterhin eifrig Rezepte schreibt …

    payoli

    3. Mai 2014 at 19:55

    • und welche Information sollte denn Ihrer Meinung nach ein Arzt seinem Patienten geben, um ihm ein Prostatakarzinom zu ersparen?

      medicus58

      4. Mai 2014 at 17:26

      • Eben seh ich dass meine Antwort etwas zu umfanreich für einen Kommentar ausgefallen ist. Sorry! 😉
        Ich hab’s deshalb in meinen blog kopiert und bitte um Deinen Besuch auf:
        http://payoli.wordpress.com/2014/05/05/prostata-karzinom/
        Alles Liebe und
        paradise your life ! 😉

        payoli

        5. Mai 2014 at 09:15

      • Also Ihre Antwort ist nicht sooo lange, aber Sie können gerne Ihren Link auf Ihre HP hier unterbringen.
        Ihre Aussagen sind weder besonders originell noch naturwissenschaftlich haltbar.
        Sie postulieren, das praktisch alle Krankheiten durch „ungesunde Lebensweise“ bedingt sind und durch eine „gesunde“ Lebensweise die „Selbstheilungstendenzen des Organismus“ mit allem fertig werden. Damit negieren Sie erstens den gut dokumentierten Anteil vererbbarer (genetischer) Ursachen und anderseits Krankheiten in der frei lebenden Tierwelt (auch schon vor Beginn der menschlichen Zivilisation), die es ja dann nicht geben dürfte.
        Die Beweiskraft einzelner Heilungen, wie in dem von Ihnen zitierten Dankesbrief, wird- so erfreulich jede einzelne Heilung ist – in der Naturwissenschaft als eher gering betrachtet, weil dort die Palette von Fehldiagnosen, Plazebowirkungen, … etc. wohlbekannt ist. Für eine Heiligsprechungsverfahren in Rom mag es aber ausreichen.
        Die wirklich Problematik Ihrer Haltung scheint mir aber, dass Sie dem Patienten Schuld auch für spontan bzw. schicksalhaft auftretende Erkrankungen aufbürden und denen, die gestorben sind einfach selbstimmunisierend nachrufen, dass sie eben nicht auf Sie und Ihresgleichen gehört haben. Dort wird der vielleicht einmal gut gemeinte Aufruf zum gesunden Leben moralisch verwerflich.

        medicus58

        5. Mai 2014 at 17:37

  2. Wundert mich nicht, diese Ihre Bescheuklappung. Sie wären der erste Mediziner, der schadlos durch die Indoktrination des Medizinstudiums gekommen wäre 😉
    Vielleicht ein paar wenige Punkte die aber selbst Ihnen einleuchten könnten:

    * Weder mir, noch sollte es einem Mediziner darum gehen, ‚besonders originell‘ zu sein! Lieber medicus, es geht ums H E L F E N, gell!

    * Einem einigermaßen Informierten sollte neben ‚vererbbar/ genetisch‘ auch die Epigenetik ein Begriff sein, die nichts anderes besagt, als dass WIR es sind, die die Gene – zwar langsam und über Generationen, aber dennoch – verändern. Die steigenden Diabetes 1- Raten ausschließlich in Wohlstandsgesellschaften zeigen dies mehr als deutlich.

    * Unsere typischen und auch häufigsten Erkrankungen (Herz- Kreislauf, Krebs, Arthrosen, Asthma, Allergien, Karies, etc.) wurden noch bei keinem der, mit uns zu 98,6% genetisch identen Primaten beobachtet.

    * Zu Ihrem restlichen Geschwurbel: Es ist ganz einfach! Ich habe beides ausprobiert bzw. gelebt. Sowohl ein ‚Normalleben‘ mit schlimmsten Erkrankungen und keinerlei Medizinerfolgen, als auch ein Paradiesleben, das alle Probleme umgehend verschwinden und meinen Arztbedarf obsolet werden ließ. Während sie Dinge verleugnen, von denen Sie ganz offensichtlich keinen Schimmer haben.

    * Zudem und zu ihrem ‚moralisch verwerflich‘: Ich – siehe meine Info „Lieber Patient …“ – lasse die Patienten frei entscheiden. Sollte die ursächliche Methode tatsächlich einmal nicht funktionieren, können Sie ja immer noch schneiden, giften und bestrahlen. Sie aber negieren unverantwortlich eine wunderbare, absolut nebenwirkungsfreie, unblutige und seit Jahrmillionen erprobte Möglichkeit.

    Liebe Grüße vom
    payoli

    payoli

    5. Mai 2014 at 21:29

    • Sie liegen falsch. Krebs existiert auch bei anderen Primaten. Unterschiede erklären sich evtl. durch unterschiede in der Apoptosehäufigkeit.
      Wenn Sie behaupten, dass die epigenetische Beeinflussung eines gesunden Lebensstils allein zeitlich ausreichen kann eine entstandenes Malignom zu heilen, ist das absurd.
      Und sorry, in der Schulmedizin geht es ums primär ums den Beweis von Heilung (oder zumindest Remission), Helfen tun auch Schamanen.

      medicus58

      5. Mai 2014 at 22:22

      • Nur EINE Frage:
        Warum bitte, sollte ich etwas mit Ihnen diskutieren bzw. treffender theoretisieren, was ich dutzendfach in der Praxis erlebt habe und von dem Sie nie in Ihrem Studium gehört, und von dem Sie keinerlei Praxiserfahrung, haben?
        Oder von der anderen Seite aufgezäumt: Warum bitte, sperren Sie sich gegen etwas, was so unendlich einfach und gefahrlos ausprobierbar ist?

        Sie reden von ‚falsch‘ und ‚absurd‘ und gehören einer Profession an die trotz stetig und immens steigender Kosten den dennoch steigenden Erkrankungsraten hilflos gegenübersteht.
        Noch nie etwas gehört von ‚Wer heilt hat Recht?‘ 😉

        Ich lass, Ihnen bzw. Ihrer Einsichtsresistenz gern das letzte Wort und, es mit dieser Frage bewenden. Denn wie schon gesagt, ICH kenne beide Seiten und hab mich frei entschieden. Wer nur eine Seite kennt und glaubt über die andere urteilen zu können ist für mich kein adäquater Gesprächspartner.
        Dennoch liebe Grüße und ein entspannteres, weiteres Gesichtsfeld 😉

        payoli

        5. Mai 2014 at 23:39


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