Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Da mir Minister Stöger kein Interview zu ELGA gibt

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erlaube ich mir hier seine in der Presse erschienenen Aussagen zu kommentieren. Ob trollig oder drollig, mögen Sie selbst entscheiden. Eigentlich hätte ich mir diese Beiträge von meinem Ärztekammerpräsidenten gewünscht, aber vermutlich hat der auch noch nie was vom Produktivitätsparadoxon gehört:

Sobald Befunde im System sind, sollte man sich also Sorgen machen?

Alois Stöger: Nein. Es (=ELGA) ist ein großer Nutzen für Arzt und Patienten, dass der Allgemeinmediziner den Befund seiner Kollegen kennt. Dadurch kann er eine noch qualifiziertere Diagnose stellen.

1.) Wenn der Allgemeinmediziner, der ja in der Regel die Patienten zu den anderen Kollegen (=Fachärzten) geschickt hat, bisher deren Befunde nicht kannte, frage ich mich, weshalb man ihn für die Überweisung bezahlt hat.
2.) Der Patient kommt vom Facharzt entweder MIT einer Diagnose (und einem Therapievorschlag) oder eben der Erkenntnis, dass die Verdachtsdiagnose, die den Allgemeinmediziner zur Überweisung geführt hat, falsch war. Weshalb der Allgemeinmediziner MIT ELGA zu einer BESSEREN Diagnose kommen kann, erschließt sich mir nicht.

Stöger: Jetzt gehören die Daten den Ärzten. In Zukunft werden die Daten dem Patienten zurückgegeben. Der Patient soll entscheiden, wer auf Daten zugreifen kann.

1.) Mit die „Die Daten gehören den Ärzten“ bringt Stöger seine Weltsicht so „auf den Punkt“ wie die Gratiszeitschrift heute; übrigens auch mit einer vergleichbaren Intellektualität. Hier wird ein dümmliches Feindbild aufgebaut.
2.) Wenn der Patient frei entscheidet, wer die Daten sehen kann und er entscheidet sich dagegen, dass sein Allgemeinmediziner sie sehen darf, widerspricht Stöger seiner oben gemachten Aussage, dass ELGA zu einer besseren Diagnostik des Allgemeinmediziners führen muss. Ganz im Gegenteil, die Zeit in der der Arzt in der EDV nach möglichen Informationen sucht verliert er im Patientengespräch. In Summe wird das die Informationsqualität der Patienten/Arzt-Beziehung verschlechtern.

Wechselberger: Die Stärkung der Patientenautonomie durch den elektronischen Zugriff ist sehr eingeschränkt: Gerade ältere Menschen haben oft keinen Zugang zu elektronischen Medien.

Stöger: Man soll ältere Menschen nicht unterschätzen. Es haben viele Zugang zu elektronischen Medien. Aber wir haben auch bei der Patientenanwaltschaft Ombudsstellen eingerichtet, die Menschen unterstützen.

Wir schreiben in den Ambulanzbrief eine Therapieempfehlung (1×1 Tabletten täglich am Morgen) und haben den Patieten mit der Frage am Telefon, ob er denn diese Tabletten auch wirklich einnehmen soll, obwohl er die Anweisung schriftlich vor sich hat. Es freut mich, wenn ich die Patienten ab sofort an die Patientenanwaltschaft weiterleiten darf, die ihnen dann ELGA vorliest.

Wäre die Akzeptanz für ELGA höher, wenn man von Anfang an die Frage nach der Entschädigung geklärt hätte?

Stöger: Es gibt eine Entschädigung. Ärztliche Leistungen werden schon bezahlt.

Aber es gibt keine zusätzliche Entschädigung für ELGA.

Stöger: Nein, weil es keine Computerentschädigung gibt. Ärztliche Leistung wird in Österreich bezahlt, und das gar nicht einmal so schlecht. 

Die eben innerhalb des KAV (sowohl im AKH als AKIM als auch in den anderen Häusern als Impuls) eingeführte EDV reduziert nachweislich die Systemeffizienz um ein Drittel, d.h. in der selben Zeit können wir ein Drittel weniger Patienten durch die Ambulanzen schleusen, weil wir mit Hunderten Mausklicks und dem Suchen nach verschwundenen Befunden befasst sind. Ähnliches wird auch in der Niederlassung passieren.

Man nennt das Produktivitätsparadoxon:
We see the computer age everywhere except in the productivity statistics“ [Solow, 1987]
http://de.wikipedia.org/wiki/Produktivit%C3%A4tsparadoxon

Komplexe Prozesse, wie sie im Dienstleistungssektor (z.B. im Gesundheitswese)n ablaufen werden durch eine enge Bindung an die EDV, insbesondere bei derartig unintelligenter Anwendung, wie wir sie täglich erleben, eher behindert als erleichtert.

Auf den ersten Blick scheint es doch sonnenklar, dass der zusätzliche Zugang zu einem Informationsspeicher wie ELGA für den Arzt und seinen Patienten nur Vorteile haben kann. Dies gilt aber nur dann, wenn die Informationen so aufbereitet sind, dass sie sich rasch und eindeutig finden lassen. Dass dies in den bestehenden Datenbanken nicht der Fall ist, habe ich hier schon öfters gezeigt (z.B.:http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=58118).

Der infantilen Fortschrittsglauben, den unser Minister hier mit seinem Glauben an die Heilkraft der IT an den Tag legt, blendet ganz offenkundig die fachliche Diskussionen der letzten Jahrzehnte aus und wird dem Gesundheitssystem viel Geld kosten und ein paar IT- und Hardwarefirmen aus dem Gesundheitsbudget reich machen.

Für den vermeintlichen Vorteil, dass der Hausarzt das Blutbild der letzten Woche abrufen kann, das ihm „sein“ Labor ohnehin schon übermittelt hat und der Patient ausgedruckt in Händen hält, werden wir alle in eine Spirale von kostenintensiven Hard- und Softwareupdates getrieben.
Im KAV erleben wir derzeit, dass nach der Einführung besagter Software gewaltsam Ambulanzmappen abgeschafft und durch personalintensives „Einscannen“ ersetzt werden; Befunddoubletten werden sich so explosionsartig vermehren.

Das jetzt schon oft undurchdringliche Dickicht einer Krankengeschichte wird durch einen unüberseh- und somit nicht mehr sinnvoll verwendbaren digitalen Misthaufen ersetzt. Wie die gesetzlich vorgeschriebenen Aufbewahrungsfristen über die nächsten Jahrzehnte realisiert werden sollen, bleibt unhinterfragt.

Aus Arbeitsplätzen mit einem Bildschirm werden zwangsweise solche mit Doppelbildschirmen, weil sonst kein vernünftiges Arbeiten mehr möglich ist.

Die rot unterlaufenen Augen des Arztes starren auf der Suche nach den Befunden seines Patienten unverwandt auf mehreren Bildschirmen, und unzählige Mausklicks mit nachfolgender Sehnenscheidenentzündung lösen den Tennisellenbogen als berufstypische Ärztekrankheit ab.
Vermutlich bemerkt er gar nicht, dass inzwischen sein Patient entweder schon tot oder am Weg zu seinem Esotheriker ist, der ihn dann vielleicht anschaut, anhört und angreift.
Dann endlich haben alle Kritiker der Schulmedizin Recht behalten.

Das volle Interview finden Sie hier:
http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/1598149/ELGA_Wir-haben-vor-Mehraufwand-und-Kosten-Angst?from=gl.home_politik

Written by medicus58

25. April 2014 um 07:30

4 Antworten

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  1. Ich kommentiere dies mal aus der Sicht eines Patientien, der selbst jahrzehntelang (allerdings in der Industrie) Erfahrung mit EDV gestützten Datenbanksystemen hat und der die Ablehnung der Ärzteschaft wirklich nicht nachvollziehen kann. Mit einer Ausnahme: dass die derzeitig in diesem Land verfügbaren EDV Systeme unvollkommen und unkomfortabel sind. Das ändert aber Nichts an der Notwendigkeit die Attitüden der Luddites endlich abzulegen und dem Papierstapel nicht länger zu fröhnen. Auch mir macht es keinen Spass jeden Befund, jedes Laborergebnis und jede Zuweisung einscannen zu müssen um sie anschliessend als pdf an die private KV zu versenden. Da hätte ich weiss Gott gleich lieber eine elektronische Datei. Und nochwas: ICH zahle für die Leistung der Ärzteschaft und verlange, dass man mir Unterlagen so liefert wie sie ein Kunde im 21. Jahrhundert verlangen kann. Und: der Bericht und der Befund gehören MIR. Denn „wer zahlt schafft an“ und sonst niemand. Gilt langsam auch für das Gesundheitswesen.

    Konrad

    25. April 2014 at 13:51

    • Natürlich gehört der Befund Ihnen, was sie aber mit den Sinogrammen einer dynamischen PET/CT im DICOM Format anstellen, wenn Sie die aktuellen Korrekturfiles für diese Untersuchung nicht auf Ihrer Workstation haben, bleibt Ihnen überlassen. Ich will damit sagen, dass „Befunde“ in der modernen Medizin etwas mehr als ein Blutbild oder ein EKG Streifen sind.

      Niemand liebt Papierstreifen und viele Daten sind ohnehin in elektronischer Form, nur heißt das weder, dass sie für jeden sinnvoll lesbar und auswertbar sind, noch dass es daneben nicht viele Informationen im medizinischen Prozess gibt, die nur eine regionale Bedeutung haben und deshalb besser als Laufzettel mitfahren, statt dass ich mich minutenlang an einem PC anmelden muss, um wo ein Häckchen zu setzen
      .
      Zum Thema wer zahlt schafft an ersuche ich Sie sich einmal mit den Geldflüssen im Gesundheitssystem kritisch auseinanderzusetzen, dann werden Sie sehen, dass dem nicht so ist. Auch in dem Interview versucht ÄK Präs Wechselberger Stöger klar zu machen, dass das Ministerium zwar ELGA anschafft, das via 15a Vereinbarung an die Länder dekretiert aber aber sich bedeckt hält, wie die Zusatzkosten von den niedergelassenen Ärzten bei den Krankenkassen herausverhandelt werden müssen bzw. in den Spitälern einfach deren Defizite erhöhen.
      Auch ich habe jahrzehntelange Erfahrung mit Datenbanksystemen und weiß daher sehr gut, dass ihre Praktikabilität nicht davon abhängt was drinnen steht, sondern wie einfach und ob überhaupt diese Informationen da wieder herauszubekommen sind. Zu glauben dass alle Ärzte nur „Modernisierungsverweigerer“ bringt ein komplexes Problem wieder so auf den Punkt wie unsere genannte Gratiszeitung.

      GTLMedicus

      25. April 2014 at 14:42

  2. möchte gerne wissen,wieviele der „alten menschen ab 70 “ internet zu hause haben und auch einen drucker besitzen und auch damit umgehen können!!

    Helga Harazim Glebowski

    26. April 2014 at 16:57

    • Dieses blödsinnge Argument wird von BuMIn Stöger und ELGA Chefin Herbeck ungeachtet mehrfach ähnlicher Einwände seit Monaten wiederholt, hat ihnen vermutlich ein elternloser EDV-affiner Berater eingeflüstert😉

      medicus58

      27. April 2014 at 14:43


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