Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Der ökonomische Trugschluss mit der Überbefundung in der Medizin

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Befund

Fülle an unnötigen Befunden“ gehört zum Basismantra jeder Kritik am Gesundheitssystem, gefolgt von allerlei Extrapolationen, was denn da alles einzusparen wäre, könnte man die vielen Blutbilder und Röntgenaufnahmen verhindern.
Selbstverständlich könnte gerade die elektronische Krankenakte(ELGA) dies leicht in den Griff bekommen, versichern die ELGA Ges.m.b.H. im Chor mit all den IT-Firmen, die an dem Projekt beteiligt sind.

Erst kürzlich beim Europ. Radiologenkongress in Wien schlug Guy Frija, der Präsident der Europäischen Gesellschaft für Radiologie in dieselbe Kerbe, als er vollmundig bekannte, dass ein Drittel aller Röntgenuntersuchungen klinisch nicht gerechtfertigt und daher für den Patienten nutzlos wären.
Ja, wenn selbst die finanziellen Nutznießer dieses Systems zur derartig erhellenden Einsichten kommen, dann hindert uns ja nichts mehr all den Krempel beiseite zu werfen und uns auf das Wesentliche zu beschränken.

Gemach

… mit dieser Logik könnte man schließlich auch die vielen Polizisten abschaffen, weil sie ohnehin nur die wenigen von uns, die wirklich straffällig werden, finden müssen, oder die Feuerwehren einsparen, weil es ohnehin nur sehr selten brennt. Weniger platt formuliert zeigen diese Paradoxien, dass Lösungdsaufwand (Vorhalteleistung) und Häufigkeit eines Problems in einem indirekten, nicht linearen Verhältnis stehen.
Beschäftigen wir uns vorerst aber mit dem Vorwurf weshalb wir Ärzte eigentlich so dumm sind, unnötig viele Befunde anzufordern? Dass unstillbares Gewinnstreben nicht die einzige Erklärung dafür sein kann, beweist ja die Selbstanklage unserer Radiologen!

Wer nachlesen will sei auf einen früheren Artikel verwiesen (2 Anamnese – aber http://wp.me/p1kfuX-zt), in dem ich schon feststellte: Würde man Ärzte fürs Zuhören ähnlich gut honorieren, wie Anwälte, dann würden viel weniger Überweisungen ausgestellt werden.
Mit aktuellen Zahlen lässt sich das so belegen:

Ein Patient kommt zum Arzt und klagt über Müdigkeit und wirkt etwasblaß.
Die Differentialdiagnosen sind mannigfaltig, aber viele mögliche Ursachen laufen auf Infektionen u/o Blutarmut hinaus.
Ihr Arzt könnte nun, für die 18,74 € Fallpauschale pro Anspruchsberechtigtem und Quartal, versuchen herauszufinden, ob den überhaupt eine Müdigkeit (oder eine Depression) vorliegt, tief in die Augen schauen um zu objektivieren, ob der Patient überhaupt blutarm ist oder die Blässe eben seinem Teint entspricht und sich so gut eine halbe Stunde mit seinem Patienten beschäftigen.

Die Wiener Gebietskrankenkasse zahlt dem Labor für ein
Komplettes Blutbild
 (Zählung und Beurteilung der Erythrozyten, Leukozyten und Thrombozyten, automatisierte oder notwendige mikroskopische Differentialzählung, Hämatokrit- und Hämoglobinbestimmung, Errechnung der sich aus der Zählung und Messung ergebenden Parameter) 3,20€

Für ein Lungenröntgen, mit dem zumindest eine schwer Lungenentzündung bei unserem Patient ausgeschlossen werden kann, zahlt die Wiener Gebietskrankenkasse 16,23 € Honorar und 24,54 €.

Und jetzt überlegen Sie was für ihren Hausarzt kostengünstiger ist, eine klinisch-physikalische Untersuchung mit all ihren Unsicherheiten oder die Anordnung eines Röntgen- oder Laborbefundes.

Richtig, da seine Bemühungen schlecht honoriert werden, verwendet er die externe Diagnostik zur Ausschlussdiagnose. Aus Sicht der Diagnostiker sind natürlich die Befunde im konkreten Fall unnötig, oft weil der Patient erst Tage nach der Zuweisung erschien und inzwischen ohnehin nicht mehr fiebert oder sich schon durch die heilsame Wirkung des Zeitablaufes erholt hat.

Wer aber nun glaubt das Problem dadurch in den Griff zu kriegen, dass er ein Drittel der externen Befundkosten in den Bereich der Hausärzte stopft übersieht, ebenso wie die überheblichen Diagnostiker, die sich über die blöden Zuweisungen mokieren, ein wichtiges Detail:

Mit ein bißchen mehr klinisch-diagnostischen Aufwand in der Arztpraxis lassen sich sicher 10% der unnötigen Überweisungen einsparen.
Werden die Ärzte gewzungen, die riesigen und unübersichtlich gewordenen Krankenakte vor jeder Überweisung zu durchwühlen, ob sich nicht doch ein Vorbefund finden lässt, der die eine oder andere Verdachtsdiagnose erhärtet, dann steigt der zeitliche Aufwand (und damit die Kosten) schon überproportional an.
Letztendlich werden wir ein exponentielles Verhältnis zwischen Aufwand und Gewinn, d.h. sehr bald wird es – unabhängig von den aktuellen Arzthonoraren – billiger ein Blutbild anzufordern, nur um nicht neben den eingesparten unnötigen Befunden einen wirklich Kranken zu übersehen.

2 Antworten

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  1. Ja, das 3,20 Euro billige komplette Blutbild hätte ich als privat Versicherter auch gern. Ich habe gerade mal nachgesehen. Bei Dostal waren es über 300 Euro. ok – es enthielt Immunphänotypisierung, Klinische Chemie. Serum, Immunologie und Harn. Ein paar Monate vorher war es für ein weniger „komplettes“ 182 Euro. Und vor 5 Jahren waren es im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung 552 Euro ! Ich weiss schon – auf der Rückseite solcher Rechnungen steht dann oft komplettes BB Euro 4.80. Nur: angefordert wird anscheinden gleich mal die allumfassende Analyse zum Höchstpreis. Ich hätte auch gern etwas zu einer Röntgenaufnahme der Lunge gesagt, wenn es nicht so gewesen wäre, dass über die letzten 10 Jahre aisschliesslich wesentlich teurere Lungen CTs angefordert worden wären. Aber ich habe eine vom Knie (bds.): 93 Euro. Die Aufnahmen- und Befunde von den den Labors zu bekommen um so dem nächsten Behandler zuzustecken war bei bei den Meisten kein Problem, entwickelt sich aber zunehmend zu einem nach Besuch der Ambulanzen und Spitäler in Wien. Erst nach gehörigen Druck z.T. über die Ombudsman-Stelle gelingt es eine Kopie des Laborberichts oder der Röntgenaufnnahmen zu ergattern. Und während die privaten Röntgenlabors inzwischen meist eine DVD oder CD mit Aufnahmen liefern scheint dies bei den Spitälern noch nicht usus zu sein. Da bekommt man als Kunde bestenfalls den Film. Wenn man Glück hat. Ansonsten weigern sich diese – ausser gegen Extrabezahlung – die Patientenakte selbst als Kopie rauszurücken. Und selbst wenn man den nächsten Behandler die Unterlagen übergab, na was war zumeist dessen Entscheidung ? Ein neues Blutbild und „besser mal gleich“ ein neues CT. Auch wenn das alte nur 1 oder 2 Monate alt war. So schafft man natürlich keine Kostendämpfung.

    Konrad

    15. April 2014 at 18:11

    • Also die Einzeltarife können Sie leicht überprüfen: http://www.wgkk.at/portal27/portal/wgkkportal/channel_content/cmsWindow?p_menuid=59393 Dass die Einzeltarife kumulativ zu rechnen sind, erfahren Sie auch an der Billa Kasse
      Es gibt klare Indikationen, wann ein Lungenröntgen und wann ein CT indiziert ist, das müssen Sie sich von Ihrem Arzt erklären lassen.
      Die Sache mit den DVDs der Bildgebenden Diagnostik ist einfach: In der Niederlassung bekommen Sie Ihre Bilder (heute viel billiger ihre CDRs, weil dann Sie für die Speicherung verantwortlich sind. Im Spital ist der Spitalserhalter für die Archivierung verantwortlich, wenn Sie CDRs wollen müssen Sie das extra zahlen, weil dort die Krankenkassen für die Leistung wenig beitragen (ca 20% in Wien) und deshalb diese Leistung nicht abgedeckt wird.
      Dass mitunter eine Untersuchung wiederholt werden muss, weil eine neue Fragestellung aufgekommen ist, kann leicht sein. Thorax-CT in der Nachsorge eines Lungenkarzinoms wird ganz anders „gefahren“ als eine Koronar-CT, obwohl in beiden Fällen die Röntgenröhre um ihren Brustkorb kreist .. Und wenn sie vor zwei Monaten einen CT hatten aber jetzt anfiebern, dann bringt Ihnen die alte Aufnahme so viel, wie die ZIB2 vor zwei Monaten…

      medicus58

      15. April 2014 at 19:37


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