Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Die andere Weihnachtsgeschichte

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Rom

Dass der Mensch um den astronomischen Höhepunkt der kalten, dunklen Jahreszeit herum das dringliche Bedürfnis nach Wärme und Freude empfindet, verwundert vermutlich ebenso wenig wie die Erkenntnis der Manipulierbarkeit der Bedürftigen.

Die Geschichte lehrt uns, dass sich stets die Mächtigen dieses Versprechens der Bedürfnisbefriedigung bedienten um ihre Macht zu sichern, wobei das Erfüllungsversprechen mindestens ebenso wichtig ist, wie das letztendliche Fehlen der Bedürfnisbefriedigung.

Der ausreichend bezahlte Krieger verlässt das Schlachtfeld,
der Glückliche verlangt nicht nach mehr,
der Erhörte verlangt nicht nach dem Wort.

Auf diesen Felsen lässt sich keine Kirche bauen,
damit lassen sich die Menschen nicht mehr einspannen,
da rollt kein Rubel mehr.

Seit Jahrtausenden war es für die an der Macht Befindlichen hilfreich, sich mit dem Ultimativen, dem Göttlichen zu verbinden, um allzu vorwitziges Hinterfragen der Berechtigung ihrer Rolle zu unterbinden. Religiöse Feste festigten dadurch ihren Machtanspruch so dass es letztendlich egal wurde, wem man zu einem bestimmten Datum eigentlich huldigte:

Ob es nun Aion war den zu dieser Zeit eine Jungfrau (Kore) geboren haben soll,
ob das Julfest zu feiern geboten wurde oder zu Chanukka der Version 2.0 des Tempels zu gedenken angesagt war, der Zeitpunkt schien für viele Religionen zwingend und alle Erwartungen, Anstrengungen und Vorbereitungen konnten darauf fokussiert werden;
natürlich unter der Regie der jeweils Mächtigen und alle „hatten sich in den Dienst der guten Sache zu stellen“.

Wenn wir uns heute fragen, weshalb zwar der scheinbar unhinterfragte Glaube an all die Sagen und Erzählungen geschwunden ist, nicht jedoch die Intensität der Erwartungen, Anstrengungen und Vorbereitungen, dann verrät uns dies erneut, dass es bei Weihnachten nicht so sehr um das Krippen- als um das Machtspiel geht.
Ich bezweifle,
dass uns die Angst vor dem drohenden „Fegefeuer“ oder vor „ew’ger Verdammnis“ die Regale abräumen lässt.
Wir beschäftigen nicht Heerscharen von Amazon-Verpackern aus Verehrung oder gar Liebe zu unserer Regierung, ganz sicher nicht!
Die Macht, die uns antreibt ist unser ungestilltes Bedürfnis nach etwas und das verhängnisvolle Versprechen der Märkte, die die individuellen politischen Machthaber inzwischen abgelöst haben, zu befriedigen. Und wie schon zu früheren Zeiten „stellen sich alle in den Dienst der Sache“:

Die Aufgabe eines öffentlichen Rundfunk wäre es nicht unsere Erwartung seit Wochen durch Gewinnspiele („Wir übernehmen Ihre Weihnachtsrechnung“) in Kauflaune zu putschen.

Die Aufgabe öffentlicher Schulen kann es nicht sein, zu vorweihnachtlichen „Engerl/Bengerl“ Geschenkspielen zu animieren, damit die ökonomischen Unterschiede der Schüler deutlich werden.
Das Reinvestbudget der öffentlichen Spitäler schrammt an der Null, aber der jährliche Weihnachtsbaum (wenn schon nicht das Gans’l) „wor jedes Joahr do, hob i zu dem Richter g’sagt“.

Das elektronische Postfach verstopft durch Weihnachts-Mails in GB-Größe von schon längst verschwundenen Geschäftspartner, deren EDV es offenkundig verabsäumt hat Outlook ein Update der aktuellen Geschäftsbeziehungen mitzuteilen, erhöht weniger die Besinnlichkeit als den Adrenalinspiegel.

All das gehorcht offensichtlich einem höheren Plan, der sich kaum aus schizoiden Erleuchtungen jüdischer Zeltmacher, zufällig aufgefundenen orientalischen Schriftrollen oder der Gewissheit eines jungfräulichen Überangebots nach persönlichem Absalutieren aus den Heiligen Kriegen dieser Welt erschließt.

Nach ein paar Weihchnachtsfesten sollte auch dem Verblendetsten klar geworden sein, dass die angeblich glücklich strahlenden Kinderaugen verlässlich erlöschen, wenn nicht die richtige Version des I-Phones unter der Nordmannstanne liegt.
Die Erkenntnis allgemeiner Entfremdung sollte spätestens beim Anblick der Themenverfehlung in den Weihnachtspakerl reifen, wenn entweder erneut geschenkt wird, was bereits voriges Jahr wenig Freude ausgelöst hat oder der Buch- oder Musiktitel aufdeckt, dass der Beschenker sich über die Bedürfnisse des Beschenkten offenkundigst falsche Vorstellungen macht.
Irgendwann hat sich die Leber durch die Unmengen an betrieblicher Weihnachtsfeiern gearbeitet und die verbliebenen Neuronen aus ihrem Alkoholbad geschaufelt, so dass die Erkenntnis unvermeidlich sein wird, dass es auch heuer, bei allem „aber schön war es doch“, nicht annähernd zu dem gereicht hat, was aus allen Kanälen versprochen wurde.
Es zeigt sich nur erneut, dass es für Massenphänomene ausreichend ist, wenn Bedürfnisse und Versprechen groß genug sind und irgendwer dabei gewinnt, „dann stellen wir uns alle in den Dienst der guten Sache.“.
Waren es früher die den Göttern gleichgestellten Herrscher, ist es heute der Zwischenhandel.

In diesem Sinne, Silvester kommt bestimmt.

 

Links:

Noch eine Weihnachtslegende:
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=33336

Vor einem Jahr ein Geburtstagsfest:
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=49416

Was Besinnliches:
http://www.youtube.com/watch?v=b1qb-p05EBM

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