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Mein Problem mit der ÖsterREICHsKRISTALLNACHT

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Reichskristallnacht

Es darf heute vorausgesetzt werden, dass die zunehmende Anzahl an Veranstaltungen und Medienberichten ein breiteres Bewusstsein dafür geschaffen haben was sich vor 75 Jahren in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 im sogenannten Dritten Deutschen Reich ereignet hat als dies zu meiner Jugendzeit der Fall war:
 
Von der NSDAP zentral organisierte und gesteuerte Schlägertrupps setzten unter den Augen der Bevölkerung jüdische Geschäfte, Einrichtungen und Synagogen in Brand und begannen Juden systematisch zu misshandeln und zu verschleppen. Als Vorwand diente die Ermordung Ernst Eduard vom Raths durch den polnischen Juden Herschel Grynszpan in Paris. Dieses Novemberprogrom wird auch zynisch als Reichskristallnacht bezeichnet, um an die zurückbleibenden Glasscherben vor den zerstörten Wohnungen, Geschäften, Büros, Synagogen und öffentlichen jüdischen Einrichtungen zu erinnern.
Die Ereignisse fanden ebenso auf dem Gebiet des heutigen Deutschland, wie auf den damals zum Deutschen Reich gehörenden Gebieten des heutigen Österreich, der Tschechei und der Slowakei statt.
(http://www.doew.at/erkennen/ausstellung/1938/die-verfolgung-der-oesterreichischen-juden/der-novemberpogrom-reichskristallnacht
http://de.wikipedia.org/wiki/Novemberpogrome_1938)

Als ich Anfang der 70er Jahre mich für Österreichs Geschichte zu interessieren begann waren weder der Begriff noch die Ereignisse selbst Allgemeingut. Ausschlaggebend für mein damaliges Interesse war einerseits die Zögerlichkeit vieler Erwachsener über die Zeit vor dem 2. Weltkrieg zu reden, wofür Jugendliche immer ein gutes Sensorium entwickeln und ein hervorragender Geschichtsprofessor (Dr. Herbert Schmeiszer http://wp.me/p1kfuX-6U), der mir damals ein Referat über den Nationalsozialismus aufgab.

Viele Informationen verdanke ich auch dem DÖW (http://wp.me/s1kfuX-dow), in dessen Archiven ich plötzlich Antworten auf viele Fragen fand, denen man damals in Österreich offenkundig auswich. Fairerweise muss ich aber hinzufügen, dass mir entsprechende Fragen in meiner Familie sehr wohl beantwortet wurde, als ich begann sie zu stellen. Aber in den Massenmedien wurde das Thema damals nahezu komplett ausgespart.

Ich schreibe das alles auf, weil ich mich zu wundern begann, weshalb mich nun die Fülle der diesbezüglichen Veranstaltungen, wie zuletzt im Burgtheater mit den letzten überlebenden Zeitzeugen, aber auch die Berichte in Zeitungen, Magazinen, Rundfunk und Fernsehen eher abstoßen als dass ich sie als Zeichen einer ehrlichen Aufarbeitung unserer Geschichte empfinde, so wie ich es als Jugendlicher erwartet hätte. Ja, letztendlich empfinde ich unser heutiges Verhalten als nahezu ebenso verlogen, wie ich als Jugendlicher das kollektive Schweigen in den 70ern empfunden habe.

Ehe ich nun widerstandslos als habitueller Kritikaster gelte, möchte ich einen Erklärungsversuch starten:

Es ist die Instrumentalisierung der Ereignisse durch die Nachgeborenen, die sich zunehmend sicher sein können, dass Gegenwehr auf ihre Anklage weder von den aktiven Tätern noch von den damaligen Duldern zu erwarten ist, beide sind heute mit größter Wahrscheinlichkeit tot, und der Verzicht auf die für die Jetztzeit wesentlicheren Fragen.

Egal ob heute jemand – moralisch völlig zu Recht – Täter und Dulder verurteilt oder – mit weniger moralischem Recht – Entschuldigungen für die eine oder die andere Gruppe findet,
Ankläger und Verteidiger können sich ungefährdet in ihrem jeweiligen politischen Umfeld profilieren. Damit schänden meinem Empfinden nach beide die Opfer.

Eine „Erinnerungskultur“ der Ereignisse dieser Nacht aber auch aller Ereignisse davor und bis 1945, die die Frage ausspart, wer zwischen 1945 und jetzt die Verantwortung dafür trägt, dass es zwar in den 70ern einem Jugendlichen durchaus möglich war an all die Informationen zu kommen, die er wollte, aber diese bis vor kurzem nicht in die öffentliche Diskussion gelangten, der betreibt Selbstbefriedigung, jedoch keine echte Aufarbeitung.

Dabei meine ich nicht die Begründungen, weshalb dies alles nicht sofort nach 1945 geschah; diese liegen auf der Hand und lassen sich nach jedem plötzlichen Regimewechsel in der Geschichte nachlesen: Das neue Regime will die politische Stabilität, deren es sich selbst noch nicht sicher fühlt, nicht gefährden.
Jedoch gilt diese Begründung meines Erachtens nur für das erste, maximal das zweite Jahrzehnt nach 1945. 
Unsere Gesellschaften waren, Stichwort Wirtschaftswunder, danach schon so stabil, dass es einer zusätzlichen Begründung bedarf, weshalb wir von damals bis heute Entnazifizierung jahrzehntelang durch Schweigen und aktuell unter Aussparung der nachfolgenden Entwicklung betreiben.
Der ganze Gedenkzirkus vernebelt zunehmend die Rolle der Nachkriegsgesellschaft, von der offenbar noch zu viele leben.

Wer schützte wen und warum in den Jahrzehnten nach 1945 die wir schon so demokratisch nennen!

Auch die „68-er“, die kurzfristig diese Fragen stellten, haben sie auf ihrem Weg ins System vergessen.

Solange diese Fragen aber von den Regisseuren der Betroffenheitsindustrie ausgespart bleiben, empfinde ich für ihre Aktionen zunehmend Ekel. Zu glauben, dass sie sich dadurch in die Reihen der Gerechten schwindeln können schreibt Erika Weinzierls Buch „Zu wenig Gerechte: Österreicher und die Judenverfolgung 1938 – 1945“ in die Neuzeit weiter.

Bildnachweis: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_152-64-40,_Wien,_SS-Razzia_bei_j%C3%BCdischer_Gemeinde.jpg

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