Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Brustkrebsmonat Oktober

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Mamma

Das bundesweite „Mammographie-Screening“ zur Brustkrebsvorsorge hätte dieses Monat starten sollen (http://steiermark.orf.at/news/stories/2606549/), vorerst bleibt einmal alles wie bisher und es wird eifrig nach Schuldigen gesucht.

Erwartungsgemäß: 
Für die Gebietskrankenkasse ist es die Geldgier der Ärzte, die Ärztekammer wirft Gesundheitspolitik und Krankenkassen vor, dass man sich immer mehr „anschafft“ aber dafür nicht bezahlen möchte. Und Bundesminister Stöger schwingt die Moralkeule vom „Kampf am Rücken der Frauen“ und zeigt somit, dass er sich nicht einmal über die primitivsten Details der menschlichen Anatomie klar ist.

Überraschend: Alle Vorwürfe stimmen irgendwie und verschleiern doch einige wesentliche Punkte!

Ob Nutzen (Frühentdeckung) vs Schaden (Strahlenexposition und somit Karzinomauslösung) die Kosten (Kosten der „unnötigen“ Mammografie und Folgeuntersuchungen minus eingesparte Kosten und menschliches Leid fortgeschrittener Karzinome) rechtfertigen, darüber wird seit Jahrzehnten diskutiert. 
Fest steht jedenfalls, dass ein allfälliger Nutzen dann am größten ist, wenn die Mammographie mit technisch erstklassigem Gerät durchgeführt und von erfahrenen Befundern interpretiert wird.

Zur „Geldgier von Ärzten“:
Während es vor Jahrzehnten üblich war, dass auch diagnostische Fächer (Radiologie, Labormedizin, Pathologie, …) außerhalb von Krankenhäusern ihre Dienste von Ordinationen aus anbieten und deren Tarife von der Ärztekammer ausgehandelt wurde, ist die „radiologische Ordination“ ein Auslaufmodell, weil die Kassen Schnittbildverfahren (CT, MR) ohnehin nur in Instituten refundieren, deren Honorarvereinbarungen (im Gegensatz zu Ordinationsverträgen) praktisch täglich kündbar sind.
Vom Ultraschall und den Lunge- bzw. Wirbelsäulenröntgen kann eine radiologische Ordination kaum mehr leben, so dass die Mammographie die letzte Tarifposition in der Ordination darstellte, mit der „etwas verdient“ werden konnte. 
Neben allen nachvollziehbaren Argumenten der Qualitätssicherung durch Standardisierung und höhere Fallzahlen durch eine Bündelung der Untersuchungen ergab sich auch für die Krankenkassen ein ökonomischer Benefit, dass das neue Mammographiescreening durch die Forderung nach einer Doppelbefundung aus den Einzelordinationen gebracht wurde.
Fazit: Es geht den Radiologen und der Kasse um Geld.

Zur „Qualitätssteigerung“:
Nicht nur die Mammographie würde von einer Doppelbefundung profitieren, praktisch jede medizinische Leistung würde besser, wenn sie von zwei Fachärzten erbracht würde. Auch mein tropfender Wasserhahn würde noch besser repariert werden, wenn sich gleich zwei Installateur-Meister damit beschäftigen würden, nur kämen die eben nicht um die (für das Mammographiescreening dzt. vergüteten) 80-100€. Würde man ihnen auch noch mitteilen, dass mit diesem Preis ihr Werkzeug und das Material abgeolgten wäre, dann würde das Verkausfgespräch rasch zu einer ziemlichen Gaudi entarten.
Es ist völlig legitim, wenn die Gesundheitspolitik immer mehr Qualität in der Gesundheitsversorgung verlangt, immer mehr Fortbildung, immer ausgeschlafenere Ärzte,  immer mehr Hygiene, immer mehr Aufklärung, immer mehr Dokumentation, ….. nur ist es ärgerlich, wenn sie davon ausgeht, dass das für Ärztehonorare, die zum Teil seit einem Jahrzehnt nicht einmal mehr inflationsbereinigt wurden.
Wir sprechen hier (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=78799) von rektalen Untersuchungen für 2,75€!

Zur Interessensvertretung der Ärztekammern:
Bundesministerium
, Patientenanwaltschaft und Krankenkassen werfen der Wiener und Steiermärkischen Landesärztekammern vor, dass sie die ihnen angebotenen Tarife nicht akzeptieren. Weiß man, dass für dasselbe Mammographiescreening in allen Bundesländern unterschiedliche Tarife ausgehandelt worden sind, dann beißt sich der Föderalismus wieder einmal in den Schwanz, wenn in dieser Situation die Wiener Ärztekammer die Verhandlungen um einen Gesamtvertrag an eine Einigung im Mammographiekrieg bindet. Für den Hauptverband soll es legitim sein, dass jede Krankenkasse in jedem Bundesland andere Tarife herausverhandelt, innerhalb eines Bundesland ist es aber „ein Erpressungsversuch“, wenn man einen ausgewogenen Gesamtvertrag will.
Fazit: Wir würden uns viel Bürokratie ersparen wenn wir Krankenkassen UND Ärztekammern zusammenlegen und nur mehr über einen Tarif streiten müssten!

Es ist klar, dass sich die Gebietskrankenkassen die Mehrkosten abgelten lassen wollen, wenn Frauen innerhalb des Programms systematisch eingeladen werden die Dienste der Radiologen zu nutzen.

Es ist aber verlogen nur den Ärzten vorzuwerfen, dass sie das Dickicht unseres föderalen, durchpolitisierten Gesundheitssystems nutzen, um möglichst hohe Tarife für ihre Leistungen zu lukrieren, wenn ihnen (es würde hier zu weit führen alles Probleme aufzuzählen) gerade in Zuge des Mammographiescreenings ein steigender bürokratischer Aufwand aufgebürdet wird.

Solange aber mit allen Finten der Gesundheitspolitik verhindert wird das derzeitige System in eine Finanzierung aus einer Hand (eine Krankenversicherung) mit einer einheitliche Leistungserbringung umzubauen, weil es neben der Gesundheitsversorgung auch um Politik geht, sind einseitige Vorwürfe gegen die Ärzte unerträglich:

Eine Krankenversicherung für ganz Österreich, meinetwegen mit verschiedenen Tarifmodellen jenseits der Grundversorgung, die den intra- und extramuralen Teil der Versorgung abdeckt.
Eine Ärztekammer für ganz Österreich, die sich über einheitliche Grundtarife einigt, meinetwwegen für transparente Zu- und Abschläge, weil es eben unterschiedliche Personal-, Energie-, Grundstückkosten, .. .etc. in verschiedneen Bundesländern gibt.

Einen Gesundheitsminister, der endlich den Unterschied zwischen Polemik und Politik begreift,
und dass die Mammae nicht am Rücken der Patientinnen sind sondern vorne …

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