Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Was sich der Stöger hier wieder erlaubt hat …

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ÖBIG Pflegeexperten
Wir haben uns schon daran gewöhnt, dass uns zwar in der TV-Werbung 
Der Hofstädter, der was eine Marke von Billa und Merkur ist, das zu Tode gestreichelte nachhaltige Henderl persönlich ins Einkaufstaschl legt, während wir in den Filialen von den -vermutlich mies bezahlten- Anlernkräften nicht einmal erfahren können wo heute nach der letzten Umschlichtung das cellophanverschweisste Industriegeflügel gelagert wird.

Diese Tendenz höherqualifizierte Arbeiten von minderqualifizierten Mitarbeitern und damit billiger verrichten zu lassen ist auch im Gesundheitssystem im Gange und so kommen wir zu Gesundheitsminister Stöger..

Bereits 2008 hat der britische Gesundheitsminister mit Planungen begonnen (http://www.heise.de/tp/blogs/3/110249) die aus dem kaputt gesparten Gesundheitssystem NHS geflüchteten Ärzte durch Krankenschwestern zu ersetzen und angedacht, dass diese doch auch kleine Operationen selbst durchführen könnten.

Wie jetzt bekannt wurde, hat der österr. Gesundheitsminister schon ein Jahr später seine „Mietexperten“ im GÖG Ges.m.b.H (damals noch ÖBIG) ebenfalls darüber nachdenken lassen, wer die Arbeit der in Zukunft fehlenden Ärzte denn machen könnte (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=33160). 

In den letzten Tagen haben jetzt auch einheimische Medien Wind davon bekommen, so dass BuMin Stöger sofort abwimmelte, dass er nicht daran dächte das Ärztegesetz, das nicht ganz zu Unrecht bestimmte medizinische Tätigkeiten den dafür ausgebildeten Ärzten vorbehält, zu umgehen.
Nebbich, welcher Minister gibt denn zu, ein bestehendes Gesetz zu mißachten, jedoch erfährt man von den seit Jahren an dem OPUS 

Gesundheits- und Krankenpflegeberufe: Konkretisierung der Reformansätze Aufgaben- und Kompetenzprofile zu den Spezialisierungen
Projektkoordination: Elisabeth Rappold, Ingrid Rottenhofer
Fachliche Begleitung durch das BMG: Meinhild Hausreither, Paul Resetarics
Projektassistenz: Heike Holzer

Werkenden, dass sie ausdrücklich die Vorgabe hatten sich nicht an die bestehenden gesetzlichen Regelungen zu halten
Gesetze können ja schließlich geändert werden.

In diesem Auftragswerk des BuMin werden z.B. „Perioperative Pflegeexperte“ erfunden,

(allein die Namenswahl wird dazu führen, dass der geplante „Facharzt für Allgemeinmedizin“ bald ebenfalls in „FacharztEXPERTE für Allgemeinmedizin„umgetauft werden muss, um nicht gegen die Pflege rein begrifflich abzustinken,

die zukünftig zum Beispiel 

den „Hautschnitt vor Operationen“ durchführen dürfen; blöd nur, wenn dann der Operateur den Schnitt gerne 3 cm höher hätte …

und ein Röntgenbild interpretieren dürfen, um danach eine Therapie einzuleiten; blöd nur, wenn die Verschattung eine Ödem und keine Lungenentzündung ist und eher Diuretika als Antibiotika angezeigt wären …

Viele andere Absurditäten dieses angeblich bedarfs-  und kompetenzorientieren Skill- und Grade-Mix sollen hier gar nicht referiert werden, vielmehr fasziniert die Methode, wie man hier Gesundheitsberufe hinters Licht führt und mit ihrem Minderwärtigkeitsgefühl schamlos Politik betreibt.

Gebelendet von dem Versprechen es würde auf sie etwas vom angeblichen Glanz der Götter in Weiß abfallen, gaukelt man ihnen einen sozialen und finanziellen Aufstieg vor, den es so nicht geben wird.
 
Einerseits ist (Gott-sei-Dank) von dem Glanz der Götter in Weiß ohnehin nicht mehr viel übrig, andererseits zeigt die Erfahrung bei anderen Gesundheitsberufen, dass die trotz Akademisierung nicht mehr verdienen und letztendlich irgendwer die bisherige Arbeit machen muss, denn all die Theoretisierer und Wissenschaftler heilen nicht den durchgebrochenen Blinddarm, die Pneumonie oder den Herzinfarkt. Insbesondere haben wir im Gegensatz zu den USA oder den Emiraten kein Geld für eine Schar an Hilfskräften, die die ganz unwissenschaftlichen Tätigkeiten am Patienten ausüben, wie Füttern und Gesäßreinigung.

Wir haben den Prozess der Akademisierung, Kompetenzvertiefung und Kompetenzerweiterung bei den medizinisch-technischen Berufen (Physikalistinen, Laborpersonal, RadiologietechnologInnen, ..) schon hinter uns, denen ebenfalls per MTD Gesetz das eigenverantwortliche Tätigwerden erlaubt wurde.

Immer mehr „Master“ und „Dr. med. sci.“ erkennen aber nun, dass nur wenige Unterschlupf in den Reihen des GÖG oder den FHs finden, die anderen aber ohne Gehaltserhöhung die selben Tätigkeiten wie bisher ausüben müssen.

Dass in manchen Fällen die Routinequalität der Arbeit schlechter als früher wurde, weil man sich offenbar „zu gut für die Routine“ wähnt, ist nur meine unmaßgebliche – weil nicht notwendigerweise zu verallgemeinernde – Erfahrung.

Ganz absurd ist es, dass sich die Pflege (oft ohnehin nur die Pflegedirektorin) weigert im Nachtdienst ganz banale, schon jetzt mit dem gesetzlichen Berufsbild vereinbare Tätigkeiten durchzuführen:

subkutane Heparingabe (was i.d.R. sogar Angehörige daheim durchführen)oder das Umhängen von Infusionsflaschen, wenn die erste leer ist ….

aber nun noch mehr Kompetenzen einfordern.
Andererseits hat sicher jeder Arzt am Anfang seiner Ausbildung von einigen, erfahrenen Krankenschwestern viel gelernt. 
Auf Intensiv- oder Dialysestationen habe ich mehrfach erlebt, dass die Einschätzung der neurologischen Situation von schwer kranken Patienten durch die Pflege, die stundenlangen Kontakt zum Patienten hatte, mitunter besser war als durch den Konsiliarneurologen…

Persönlich hatte und habe ich auch nie ernsthafte Konflikte mit der Pflege und wurde im Nachtdienst i.d.R. nicht zum Heparinspritzen geholt, weil ich vorab immer klargestellt habe, dass ich natürlich käme, wenn sie der Meinung wären, dass sie die Verantwortung für „den Eingriff“ nicht übernehmen könnten.

Medizin ist ein multidisziplinäres Tun, wo jeder Beitrag gleichwertig für das Ziel, die erfolgreiche Behandlung eines Kranken ist. Trotzdem ist nicht jeder – auch von seiner Ausbildung und nicht zuletzt von seiner Haftungsfähigkeit – dafür geeignet jeden Schritt dieses Prozesses zu vollziehen.

In den aktuellen Aussgaen des Bundesministeriums zur Fachärzteausbildung wird auf ein modulares System übergegangen und billigend in Kauf genommen, dass die zukünftigen Facharzte nicht mehr in allen Aspekten ihres Faches gleich tief ausgebildet werden.
Aus Erzählungen sind mir noch Zustände bekannt, wo die Krankenschwestern an Patientennachthemden Knöpfe angenäht haben und die Zytostatika selbst angemischt haben
Ich wurde einmal von so einer „erfahrenen Schwester“ gefragt, ob den „Milligramm“ und „MilliMol“ des Ztostatikums nicht ohnehin dasselbe wären. Keiner will das wieder zurück.
Die Pflege hat sich – ausgehend vom anglikanischen Raum und dort auch weiter fortgeschritten als bei uns – zu einer Pflegewissenschaft weiterentwickelt. Diese hat andere Aufgaben als „Hautschnitte anfertigen“ und „Röntgenbilder zu befunden“.
Ich möchte mit einem akuten Cerebralinsult von einem qualifizierten Neurologen in einer Stroke Unit behandelt werden, weiß aber, dass ich nach der Akutphase auf die Qualifikation von anderen Berufen angewiesen bin, um meine größtmögliche Mobilität zu erhalten. Im Falle einer Hirnmassenblutung vertraue ich aber auf einen guten Neurochirugren und Intensivmediziner.

„Was sich der Stöger da erlaubt hat“ ist meines Erachtens fahrlässig und richtet sich sowohl gegen die Ärzteschaft, was wir gewöhnt sind, aber wird auf lange Sicht auch die Pflege frustrieren. Ich sage voraus, dass diese Akademisierung und Kompetenzaufwertung der Pflege dazu führt, dass man zukünftig nicht hinter der Pflegedirektorin, Oberschwester und Sttationsschwester nicht mehr diplomiertes Krankenpflegepersonal haben wird, das von nicht-diplomierten Stationshelferinnen unterstützt wird, sondern dass man der kompetenzaufgewerteten akademischen Pflegeexpertin nur mehr minderqualifiziertes Personal zur Seite stellt und sie mit ihrem vermeidlichen Prestigegewinn „im Regen der Routine“ alleinläßt. Erst dann wird es zu Kosteneinsparungen kommen.

Die Nachbesetzung von diplomierten Krankenschwestern- und -pflegern durch Stationshelferinnen ist in so manchem Krankenhausverbund bereits gelebte Realität. 

Wenn das von den Pflegeexperten realisiert wurde, dann werden die aus ihren akademischen Wolken gefallenen Pflegepersonen vielleicht wieder solidarisch mit uns Ärzten gegen diese Entwicklungen ankämpfen, 
nur dann wird es zu spät sein.

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Written by medicus58

18. September 2013 um 19:36

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