Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Der KPÖ Wähler

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Wahlurnen
Letzte Woche fuhr ich extra in die Siebensterngasse in den 7. Wiener Gemeindebezirk, um endlich einen KPÖ Wähler zu treffen. Leider wurde ich auch im Café und Kulturzentrum 7stern nicht fündig. Zwar bezeichnete sich jeder 2. Lokalbesucher als „links“, aber unter all den Teilzeitlehrern, C&A XXXL gekleideten Sozialarbeiter und frühpensionierten Schachspielern, wollte sich „outen“. Bemerkenswert, dass sich aber ein halbes Dutzend der Anwesenden als „gay“ bezeichneten ….

Ich wurde ins „Depot“ in der Breite Gasse weitergeschickt und platzte in eine kritische Globalisierungsdiskussion, wo Fragen des postkolonialistische Sexistismus im postmodernen Neoliberalismus so heftig diskutiert wurden, dass ich nicht stören wollte.
Da kam mir die Königsidee: Das Volksstimmefest.

Auch wenn die nur mehr als Monatsmagazin erscheinende „Volksstimme“, also das Zentralorgan der KPÖ, heute de facto unter der Wahrnehmungsschwelle der Öffentlichkeit erscheint, ist sie seit 1946 Namensgeber für die „Fête de l’Humanité“, die fast unterbrechungslos alljährlich im Wiener Prater auf der Jesuiten(!)-wiese stattfindet.

Ich wälzte mich also letztes Wochenende durch die Spanferkel-bratenden Roma, die verdünnten Moquito schlürfenden Ché-T-Shirts-Träger und die von süßlichem Raum umwehten Chapati-Kauern, um endlich einen KPÖ Wähler befragen zu können.

Mein erster Gesprächspartner, der Heinzi, winkte mit seinem 16er-Blech etwas zungenlahm ab und gab zu, dass „die Sache mit der  Diktatur des Proletariats nicht sehr viel weitergekommen ist“. „Auch mit der klassenlosen Gesellschaft habe letztendlich alle nix g`habt, während er heute ein Haus im Grünen und einen übertragenen 3er-BMW fährt.

Ich gehe weiter und kaufe mir das letzte Album der „Chumbawamba“, das man seit Jahren nur hier und nicht beim „Müller“ oder „Media Markt“ kaufen kann.

Endlich treffe ich Hans, der etwas einsam hinter Bergen von etwas abgegriffenen Ausgaben des „Kapital“ sitzt. Die meisten in klassischen „Blau“ gebunden aus den 60er und 80er Jahren, ehe die DDR in das schwarze-CDU Loch der BRD gesaugt wurde.

„Ja, ich wähle wieder KPÖ“, meinte Hans und zog genüsslich an seiner filterlosen, Selbstgedrehten.

„Ja, aber „Stalin“, „Schauprozesse“, „Prager Frühling“ ….“

„Eh, grauslich, … eine Diktatur eben.“

„JA,“ versuche ich ihn mein Unverständnis spüren zu lassen, „aber die KPÖ war doch auf ihrem Höhepunkt, also als sie an allen Geschäften zwischen der österr. Verstastlichten und der DDR finanziell mitschnitt, der kritikloseste Speichellecker Moskaus.“

„Eh, zum scheißen, net“, grinste Hans und tat einen tiefen Lungenzug, der in einem Hustenanfall endete.

Ich war etwas verdutzt, wieso Hans eine Partei wählen will, deren offensichtliche Grauslichkeiten er offenkundig nicht abstreitet. OK, wir sind auf der Jesuitenwiese und da lassen sich innere Widersprüche durch Glauben ganz lässig überbrücken, oder wie es Heinrich Heine schon sagte: „Der Teufel, der Adel und die Jesuiten existieren nur so lange, wie man an sie glaubt“. Ersetzen wir einen der Platzhalter durch „Kommunismus“ und Heine funktioniert noch immer. Da legte Hans seinen Tschick weg und das Lächeln schwand auf seinen Lippen:

„Ich erzähl Dir einmal von einem Gespräch, das ich als Jugendlicher, fast noch als Bub, mit einem älteren Herrn in meiner Nachbarschaft führte. Ich erfuhr von meinem Vater, dass er von 38 bis 45 in mehreren KZs  des Dritten Reichs verbrachte. Er war überzeugter Sozialdemokrat und sammelte deshalb für die Familie eines Genossen, der von den Nazis verschleppt wurde. Die Frau war mit ihren Kindern von einem Tag auf den anderen völlig mittellos und er und einige seine Freunde sammelten für sie etwas Geld, ganz einfach damit die nicht verhungern.

Kurz danach wurde der Typ, ein überzeugter Sozi, verhaftet und lernte eine Reihe von KZs kennen. 1945 wurde er von der US Army befreit und war seither Kommunist….“

„Ja, und?“ stieß ich hervor,“ was beweist dies, was folgert daraus?“

„Gar nix,“ sagte Hans nun wieder mit einem Grinsen:“ Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“

Ich brach unser Gespräch ab und eilte zur Hauptbühne um noch ein paar Takte von Harri Stojka zu hören, während Hans begann seine 3-bändigen Kapitalausgaben einzupacken, für das nächste Volksstimmefest 2014.

Written by medicus58

5. September 2013 um 20:06

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