Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Alter Wein in Englischen Schläuchen: AGB der Gesundheitsreform müssen her

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Vila Nogueira de Azeitao
Liest man die aktuelle Österreichishe Ärztezeitung (http://www.aerztezeitung.at/archiv/oeaez-2013/oeaez-9-10052013/tag-der-allgemeinmedizin-hausarzt-primary-health-care.html; das präsidiale Vorwort ist leider nicht online), dann gewinnt man den Eindruck, dass es der Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) durch ihren vorjährigen Kampf gegen ELGA, die Gesundheitsreform, gegen die Beschneidung ihres bisherigen Verhandlungsmandates, … und was-weiss-ich-noch-alles gelungen ist, ihr langjähriges Kernthema durchzusetzen:

Mehr Praktiker!

Nur wird der „praktische Arzt“ praktischerweise bald „Facharzt für Allgemeinmedizin“ heißen, damit das weniger nach Hilfsarbeiter und mehr nach Facharbeiter klingt.

Das alte „Hausarztsystem“ wird nun, 35 Jahre nachdem die WHO das so definierte plötzlich zu „PHC“ (Primary Health Care)

Essential health care; based on practical, scientifically sound, and socially acceptable method and technology; universally accessible to all in the community through their full participation; at an affordable cost; and geared toward self-reliance and self-determination (WHO & UNICEF, 1978)

Früher sagten wir halt nach den Regeln der ärztlichen Kunst, weil es ja Ärzten ohnehin stets verboten war etwas zu tun, wovon sich das Fach einig war, dass es schadet.

Primum nihil nocerehttp://de.wikipedia.org/wiki/Primum_non_nocere

Nun heißt das EBM (Evidence Based Medicine), damit für nichts mehr bezahlt werden muss, für dass nicht eine wissenschaftliche Studie vorgelegt werden kann, die sich aber ohnehin nur mehr die finanzstärksten Player in diesem System leisten können: (Wenn Sie nun an die Neonicotinoid Studie zum Bienensterben denken, die von einer ehemals staatlichen, nun ausgelagerten Einrichtung (AGES) durchgeführt wurde und von den Pestizidherstellern finanziert wurde, …
dann haben Sie verstanden was ich meine)

Auch das Konzept des „Point-of-Best-Care“, also der durchaus sinnvolle Wunsch den Patienten dort „zu halten“, wo er am kostengünstigsten gesund wird, hat den Wählern schon viele Gesundheitsreformen, der Politik viele Wähler und so manchem Akademiker einen gut dotierten Studienauftrag beschert, scheiterte aber im Alltag an der Zugänglichkeit zu den definierten Punkten. Ist die Ordination zu, oder der nächste Termin in 2 Monaten, dann geht man dorthin wo die Türe offen ist, also je nach persönlicher Barschaft in die Spitalsambulanz oder „privat“ zum Arzt.

Selbst das, in der öffentlichen Diskussion noch gar nicht realisierte, jedoch in der aktuellen Gesundheitsreform angestrebte „Managed Care System
(http://de.wikipedia.org/wiki/Managed_care), also die zeitlich eingeschränkte freie Arztwahl und das teilweise Verbot ohne Überweisung einen Facharzt oder Spitalsambulanz aufzusuchen, ist eigentlich nur „der alte Wein“ des Kranken- und Überweisungsscheins in stärker kontrollierter und verrechtlichter Form.
Dass gerade dieses Systems erst im Vorjahr in der Schweiz abgelehnt wurde, wissen Leser dieses Blogs (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=69729).

Was will ich mit all dem eigentlich sagen?

Nach einigen Jahren geht es einem unheimlich auf den Geist, wenn einem von immer neuen Expertengenerationen der alte Wein als Heuriger aufgetischt wird.
Das heißt nicht, dass nicht manche der Konzepte etwas für sich hätten, schließlich verfolgen wir sie unter anderem Namen schon seit Jahrzehnten, aber solange wir Etikettenschwindel betreiben und geringe Modifikationen mit englischen Kürzeln zu einer neuen Heilslehre hoch peppen, ohne anzusprechen, weshalb sie in ihrer ursprünglichen Bezeichnung nicht funktioniert haben, stellen sie sich mir nur als Einkommensquelle eloquenter Gesundheitsökonomen dar.
Aus Sicht eines Patienten, die ich für meine Person bisher weitgehend minimieren konnte, halte ich das alles für eine fiese Vernebelungstaktik. Kehren wir wieder zum Bild des Weines zurück , konnte der Etikettenschwindel mancher Winzer – nach dem großen Österr. Weinskandal der 80er Jahre (https://de.wikipedia.org/wiki/Glykolwein-Skandal) nur durch mehr Transparenz begegnen werden, mit anderen Worten mit einer transparenten Produktdeklaration. Kaufe ich heute ein Fläschchen, weiß ich genau WER, WANN, WAS hineingetan hat.
Wenn ich diesen Kauf beim Wirt tätige, dann ist der verpflichtet bereits an der Haustüre gut leserlich anzuschlagen, welche Leistungen und Preise mich drinnen erwarten. In der Edel-Gastronomie erfahre ich sogar den Stammbaum meines Brathendls (http://de.wikipedia.org/wiki/Sulmtaler).

Das wünsche ich mir auch für die Gesundheitsreform;
für uns Ärzte aber auch für unsere Patienten:

Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) des Gesundheitssystems:

Angebotene und NICHT angebotenen Leistungen,
Einzelpreise (rectale Untersuchung 2,75 €; http://wp.me/p1kfuX-jY)
Welcher Grad an Managed Care wird vereinbart?
Welcher Grad an Solidarität wird vereinbart: Wie oft kann Ihr Arzt noch ein EKG abrechnen, darf Ihr Spital im letzten Quartal noch eine Hüfte oder einen Schrittmacher einbauen?
Haben Sie das Recht ein Medikament weiter zu erhalten, wenn sich die Versicherungen mitr dem Hersteller nicht über einen Preis einigen können.
Was ist in dem Spital noch drinnen, wenn es „Reduzierte Organisationsformen“ enthält?
Bekommt die Chirurgie, die Ihr Rektumkarzinom entfernen darf, auch für die Entfernung der Lebermetastase eine Refundierung oder müssen Sie zum Zweiteingriff ins „Leberzentrum“?

All das, diese Speisekarte müsste verpflichten am Eingang der „Gesundheitsdienstleister“ und „-versicherer“ angeschlagen werden.
Natürlich werden die wenigsten das lesen, aber wenn wir schon den Propheten des „Gesundheitsmarktes“ folgen, dann sollten wir auch diese Grundvoraussetzungen eines fairen Marktes einfordern:
Gleiche Information für alle Marktteilnehmer!

Links:
Nun gibt die Politik die Potemkinschen Spitäler langsam zu, schiebt aber Verantwortung auf Ärzte: http://wp.me/p1kfuX-Br
Die Potemkinschen Spitäler: http://wp.me/p1kfuX-n8
Kann mir das irgendwer erklären: http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=78930
Ärzteprotest: Why now? http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=82356
ELGA kommt endlich: http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=78930
Ein paar Kratzer für den Hausarzt und Winter im Gasteinertal: http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=74865
Pressestunde: Salon ELGA http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=47125

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