Sprechstunde

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7 Der unverzeihende lineare Algorithmus

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Algo

Mir scheint, dass die Pflanzenbestimmungsbücher (http://www.pflanzenbestimmung.de/bestimmung.html) meiner Jugend inzwischen aus der Mode gekommen sind. Dadurch verlor ich ein unsagbar wichtiges Anschauungsobjekt linearer Algorithmen.

Vielleicht können sich die Älteren doch noch an diese Bücheln erinnern. Man hatte eine bestimmte Pflanze, sagen wir einmal ein Schneeglöckchen, vor sich und handelte sich durch eine Unzahl von Fragen nach bestimmten Merkmalen dieses Objekts (Anzahl der Blütenblätter, Anzahl der Stempel, .. . etc.) bis einem das Buch zuletzt verkündete, dass man hier eine Glockenblume vor sich hätte.
Vielleicht war ich besonders unbegabt, aber mir ging es regelmäßig so, dass ich zu augenscheinlich falschen Ergebnissen kam.

Warum?

Weil lineare Algorithmen keinen Fehler verzeihen!

Einmal an einer Kreuzung falsch abgebogen, d.h. die falsche Antwort gegeben und es gab keinen Weg mehr zurück. Jüngeren unter Ihnen kennen das Phänomen vielleicht von ihrem GPS, wenn man bei zu kurzfristiger Vorwarnung die nächste Abbiegung einfach nicht mehr erwischen konnte, weil man sich auf der falschen Spur befand. 
Jedes moderne GPS berechnet den Weg neu und führt Sie doch zum Ziel, manche herrschen Sie aber auch nur an, dass Sie umkehren sollen, was bereits zu einigen schweren Unfällen geführt hat.

Dies sei auch allen Gesundheitsökonomen in unserem Gesundheitsministerium eindringlich mitgegeben, die von diagnostischen und therapeutischen Pfaden träumen, um die Medizin besser oder zumindest kostengünstiger zu machen.

Lineare Algorithmen setzen voraus, dass sein Benutzer zwar die Enddiagnose nicht weiß, aber dafür jede Einzelfrage mit absoluter Präzision beantworten kann. Sehen Sie den inneren Widerspruch?

Natürlich werden in den Pflanzenbestimmungsbüchern, wenn wir auf das Beispiel zurück kommen, relativ einfache Einzelfragen gestellt, jedoch muss man halt doch genau wissen, was ein Stempel oder ein Blütenblatt ist, sonst kommt man von richtigen Pfade ab.
Wie bei den Gliedern einer Kette reicht ein gebrochenes Glied, um die Kette reissen zu lassen. Ist die Wahrscheinlichkeit mit der eine Einzelfrage falsch beantwortet wird auch noch so klein, steigt die Wahrscheinlichkeit mit der der Algorithmus zu einem falschen Ergebnis führt mit der Anzahl der Einzelfragen gefährlich rasch. Selbst bei einer Irrtumswahrscheinlichkeit von 0,02% liefert der lineare Algorithmus ab 347 Einzelfragen bei der Hälfte aller Anwendungen ein falsches Ergebnis!

Im nächsten Kapitel werden wir uns mit dem eigenartigen Phänomen beschäftigen, wie sehr die Reihenfolge eintreffender Informationen unsere subjektiven Schlüsse beeinflusst.

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Written by medicus58

4. Februar 2013 um 16:43

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