Sprechstunde

über alles was uns krank macht

3 Anamnese – wer hat das Wort?

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Einer der Gründe, weshalb die Anamnesesituation so oft für Patient und Arzt unergiebig ist, ist

C) ZEITDRUCK oder FEHLENDE PROFFESSIONALITÄT

Visitengespräche

Unser Folie heute zeigt uns den relativen Gesprächsanteil aller Beteiligten an einer klassischen Visite am Krankenbett. Wie man leicht erkennt, ist der Gesprächsanteil des (stationären) Patienten etwa so hoch wie der der intermittierenden Pausen. Die häufige Antwort, dass wesentliche Informationen wegen des Zeitdrucks nicht ausgetauscht werden können ist somit hinterfragbar.

D) FORMALISMEN STATT RELEVANZ
Eine klassische Anamnese enthält in der Regel folgende Punkte:
Familienanamnese
Kinderkrankheiten
Frühere Erkrankungen
Jetzige Beschwerden: die W ‘s
Operationen
Soziale / Berufsanamnese
Medikamente /Allergie
Gyn. / Sex. Anamnese
Appetit, Durst, Schlaf, Stuhlgang, Diurese, Husten, Auswurf, Venerea
Hausarzt / Zuweiser
Naturlich gibt es Erkrankungen mit familiärer Häufung, jedoch sagt mir meine Erfahrung, dass unter der Rubrik „Familienanamnese“ meist zuerst die Krankengeschichte des Lebenspartners referiert wird, da Familie nicht im genetischen Sinne interpretiert wird.
Jeder Medizinstudent, ebenso wie jeder Patient wissen, dass man nach den vorangegangenen Kinderkrankheiten frägt. Es kam aber immer wieder zu betretenem Schweigen, wenn man Studenten oder Turnusärzte mit der Frage konfrontiert, was sie denn aus der Antwort, man hätte im Kindesalter zB Masern gehabt, für weitere Schlüsse ziehen? 
Die Erkenntnis, dass unser Patient Masern hatte, könnte zwar seine Zeugungsunfähigkeit im Erwachsenenalter erklären, aber es ist viel wahrscheinlicher, dass er damals eigentlich falsch diagnostiziert Röteln gehabt hat. Auch eine (heute nicht mehr allzu häufige ….) Diphtherie könnte Störungen im Herzreizleitungssystem erklären, wahrscheinlich hat sie unser Patient aber wegen einer bislang unentdeckten Schilddrüsenüberfunktion …

Die klassischen Fehler bei der Anamneseerhebung seitens des Arztes sind also:
Unnötige „Standardfragen“
Kein Hinterfragen des eigenen Handelns
Diagnosen werden vom Patienten übernommen
Arzt legt sich zu bald auf eine Verdachtsdiagnose fest und stellt Suggestivfragen um sich selbst sicher zu machen
Offene Fragen statt Entscheidungsfragen
Entscheidungsfragen statt offenen Fragen
Voraussetzen der selben Basis hinsichtlich Kultur, Vokabular, Information, … 

Der richtige ABLAUF sieht so aus:

Offener Beginn: Patient muß sagen können was Ihn bedrückt – er möchte verstanden werden
Strukturierter Ablauf (Schema): – um nichts zu vergessen
Informationen / Ausblick – Compliance: der Patient sollte noch etwas anderes mitnehmen, als die Erkenntnis, dass der Arzt jetzt noch nicht immer weiß, was seinem Patienten fehlt und wie genau die weiter Diagnostik und die Therapie aussehen wird.
Offenes Ende:
Wie bei jedem Gespräch muss dem Patienten noch einmal Gelegenheit gegeben werden, „was los zu werden“. Oft hat ihn die strukturierte Befragung noch auf „Ideen“ gebracht

Selbstverständlich haben die Lehrbücher recht, dass alle notwendigen Informationen bereits in einer guten Anamnese zu finden sind. Das bestätigt auch das House of God

Law § 10: If you don’t take temperature, you can’t find fever

Zusammenfassend haben wir also gesehen, dass eine Anamnese erfolgreich ist, wenn man sich stets bewußt ist, dass beide Partner unterschiedliche Erwartungen, Sprachen und Körpersichten haben. Eine  kluge Gesprächstaktik und die bewußte Vermeidung klassischer Fehler hilft innerhalb eines entsprechenden Zeitbudgets zu brauchbaren Informationen zu kommen. Wie wir bei der späteren Auseinandersetzung mit verschiedenen Testverfahren im Diagnosegang sehen werden, können diese nur dann sinnvoll eingesetzt werden, wenn sich nach Anamnese und körperlichenrUntersuchung bereits eine mittlere Vortestwahrscheinlichkeit für die Verdachtsdiagnosen erreicht werden konnte. Sonst wird’s nicht nur teuer sondern auch leicht falsch ….

2 Antworten

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  1. Die Familienanamnese enthält öfter als angenommen vollkommen irrelevante Informationen, weil die Ärzte z.B. nicht darauf hinweisen, dass nur die genetischen Eltern / Vorfahren im medizinischen Sinne interessant sind — und so nehmen sie immer wieder die Anamnese von Pflegeeltern / Adoptiveltern auf. Der Patient betrachtet diese Menschen als seine Eltern und kommt gar nicht auf die Idee… So geht es, wenn man an der Lebenswirklichkeit vorbei fragt. Insbesondere bei den „Kriegskindern“ häufig zutreffend.

    Asava

    1. Februar 2013 at 14:14

    • richtig, deshalb frage ich seit Jahrzehnten, wenn ich eine Familienanamnese erhebe immer explizit nach Blutsverwandten … für einfachere Gemüter inkl. der Erklärung (also leibliche Eltern, Geschwister, Kinder, …

      Medicus58

      1. Februar 2013 at 15:18


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