Sprechstunde

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Raping India – Tradition oder Ökonomie?

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Bombay Airport

Die Häufung ähnlicher Meldungen gehört zur Logik des Medienzeitalters. Es überrascht also kaum, dass wir nach den rezenten Berichten über die schreckliche Massenvergewaltigung und Ermordung eienr indischen Medizinstudentin nun mit immer neuen Berichten über ähnliche Taten versorgt werden:
Erneut Massenvergewaltigung in Bus in Indien
http://derstandard.at/1356427539859/Erneut-Massenvergewaltigung-in-Bus-in-Indien 

Wie schon in meiner letzten Reflexion zum Themenkomplex Indien-Gewalt-Frauen (Indien und die Frauen – persönliche Erlebnisse http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=85053) kann ich mehr Trauer und Unverständnis als überzeugende Erklärung für das Phänomen finden, sehe aber in den aktuell kolportierten Begründungen auch mehr Vor- als qualifizierte Urteile.

Einige Eckpunkte, so banal sie sind, dürfen nie vergessen werden:

Die Indische Bevölkerung ist sehr groß, das Nachrichtenwesen und somit der Informationsfluss hervorragend, so dass quantitative Aussagen („every 54 minutes a woman was raped“  http://books.google.at/books?id=PCPvnwpFUbAC&pg=PA87&redir_esc=y#v=onepage&q&f=false ) fairerweise auch daran gemessen werden müssen.

Indien ist eine Wirtschafts- und Atommacht und gleichzeitig Dritte Welt. 
Wie in den USA existieren in Indien nicht nur die Pendents der Washingtoner Thinktanks sondern auch diese der Slums von Chicago bis LA. Das Verhalten des Individuums einer bestimmten sozialen Schicht in einer Gesellschaft darf nicht mit dem „durchschnittlichen“ Verhalten aller Schichten in eineer ökonomisch reicheren Gesellschaft verglichen werden. Die Sicherheit einer Burenfrau in einem Nobelbezirk von Capstadt unterscheidet sich auch deutlich von der einer schwarzen Frau in den Slums von Johannesburg oder in vielen Staaten der Subsahara.
 
Der Indische Staat hat eine freie Presse und eine aktive Bürgerrechtsbewegung. Trotz überbordender Korruption, Vetternwirtschaft, immer wieder extrem autoritärer Phasen, ist Indien unter ungleich schwierigeren Bedingungen in dem Maße eine Demokratie, wie es die meisten Staaten westlichen Industriestaaten sind. Das bedingt zum Glück, dass hier viele Verbrechen vor Gericht landen, die andernorts völlig verschwiegen werden.

Die indische Gesellschaft mit ihren unterschiedlichen Ethnien, Religionen und (für die Hindu: Kasten) ist komplexer als vermutlich alle anderen Staaten dieser Welt. Nahezu alle Gesellschaften waren stets partriachalisch, so dass die Stellung der Frau – ungeachtet allfällig anderslautender Klischees (Mao: die Frau ist die andere Hälfte des Himmels,  Lakshmi = Göttin des Glücks, …) gesellschaftlich und ökonomisch stets benachteiligt ist.

Der Ökonomische Aspekt  wird meines Erachtens viel zu wenig hervorgehoben. Eine lobenswerte Ausnahme ist hier Marcus Lanz Dokumentation Indiens ungewollte Töchter (http://pagewizz.com/frauen-und-maedchen-in-indien-das-schicksal-der-unerwuenschten-toechter-in-indien/) , wo erschreckend offen über die bevorzugte Abtreibung oder Tötung von Mädchen berichtet wird, da die traditionell exorbitant hohe Mitgift jede Kaste/Schicht spätestens nach der 2.Tochter ökonomisch überfordern; dass diese Praxis die Hemmschwelle gegen Frauen Gewalt anzuwenden herabsetzt, soll aber keinesfalls bestritten werden.
Die traditionelle Witwenverbrennung (http://de.wikipedia.org/wiki/Witwenverbrennung) hat letztlich ihre Begründung in der fehlenden ökonomischen Absicherung der Frau nach dem Tod ihres Gatten.

Ein weiterer Aspekt, der hinter dem medial offenkundig „g’schmackigeren“ Thema Sex, oft unhinterfragt bleibt, ist die Frage nach der Gewalt in der indischen Gesellschaft im allgemeinen.
Diese steht in scharfem Gegensatz zum friedliebenden Äußeren von liebevoll gewaschenen Kühen (meist Wassebüffel) und den Jasminblüten begränzten Götterstatuen. Bereits bei der Staatswerdung entlud sich hier ein enormes Gewaltpotential mit Genocid-artigem Massenmord. Diese Vorfälle wieerholten sich seiterh mit erschreckender Regelmäßigkeit, so dass man von einem enormen, bisher unterdrückten, jedenfalls leicht auszulösenden Gewaltpotential ausgehen muss.

Dazu kommen gewaltigen ökonomische und gesellschaftlichen Veränderungen, wie die Durchdringung Indiens mit z.B. Sat-TV und Internet und all den unsäglichen Trash-Filmen die (siehe mein letzter Beitrag) inzwischen auch von Bollywood produziert werden. Während früher Sexualität aus der täglichen Wahrnehmung verdrängt war, kommt sie jetzt in Form von indischen Pornoseiten und Gewaltfilmen im Sat-TV auch in die Slums.
Auf den in den letzten Jahrzehnten massiv gestiegenen Zugänglichkeit von Alkohol habe ich schon zuletzt verwiesen.
In welchem Ausmaß die Fundamentalisierung der Religionen Indiens, zuerst der Sikh (Amritsar), dann der Muslima aber auch (vom Ausland unbemerkt) der Hindu hier einen Beitrag liefert, kann ich selbst nicht abschätzen.
http://www.amazon.com/Clash-Within-Democracy-Religious-Violence/dp/0674030591 

Wie gesagt, ich kann für die aktuellen Vorgänge in Indien auch keine endgültige Erklärung abgeben, jedoch warne ich vor einer Verkürzung in der Art, die sind halt so, diese Inder …
Auf der schon längst numerischen aber langsam auch ökonomisch immer mehr im Rückzug befindlichen US-amerikanisch/europäischen Insel müssen wir uns mit den Veränderungen der bis vor kurzem einfach als Dritte-Welt abgetanenen Gesellschaft Indiens und Chinas auseinandersetzten:

Wenn in US-amerikanisch/europäischen Gesellschaften jeder 100.000ste der Bevölkerung durchdreht, dann erleben wir die sattsam Bekannten Gewaltausbrüche von Einzeltätern mit Amokläufen in US-amerikanischen Schulen oder Bombenanschlägen zwischen Österreich und Norwegen. In Gesellschaften die weit über eine Milliarde Teilnehmer haben, reicht dieser Prozentsatz für eine Massenbewegung.

Schon aus diesem Grunde empfiehlt sich eine fundamentale Auseinandersetzung mit diesen Vorgängen auch für diejenigen, denen Indien nicht so wie mir persönlich ans Herz gewachsen ist. Und ein Letztes zum Thema.

Während im Mittelalter bei uns Frauen als Hexen auf den Scheiterhaufen brannten, u.a. weil man sich vor ihren sexuellen Verführungskünsten fürchtete, wurden in den Tempeln von Khajuraho die sexuelle Vereinigung als ultimative Aufhebung der Gegensätze von Mann und Frau gefeiert.(http://de.wikipedia.org/wiki/Khajuraho,  http://de.wikipedia.org/wiki/Kandariya-Mahadeva-Tempel)

„In der hinduistischen Mythologie beruht die göttliche Vollkommenheit auf der Einheit. Der natürliche Gegensatz zwischen Mann und Frau lässt sie nach Vereinigung und damit nach den Göttern gleicher Vollkommenheit streben. Im Geschlechtsakt, der als Zeugungsakt der Weltschöpfung der Götter verwandt ist, verschmelzen Mann und Frau zu einer Einheit…  


Links: 
http://en.wikipedia.org/wiki/Rape_culture
http://en.wikipedia.org/wiki/Rape_in_India  
http://en.wikipedia.org/wiki/Women_in_India

Written by medicus58

14. Januar 2013 um 07:13

Veröffentlicht in Allgemein, Reisen

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