Sprechstunde

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Vom Mobilitätsversprechen zum Mobilitätsverbrechen

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Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Mobilit%C3%A4t) weist darauf hin, dass man unter Mobilität mehr  als nur die individuelle Beweglichkeit von Ort zu Ort versteht.

Das Versprechen individueller Mobilität ist deshalb so verlockend, dass es Politstrategen auch in jeder Debatte über die Grundfreiheiten der Europäischen Union (http://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ischer_Binnenmarkt#Die_vier_Grundfreiheiten) erwähnen, um die möglichen Gefahren der anderen  „Freiheiten“ (Freier Kapital- Waren- und Dienstleistungsverkehr) nicht ins Bewusstsein kommen zu lassen.

Die Einschränkung der Reisefreiheit in der DDR wurde von vielen Bürgern offenbar als schlimmer betrachtet als die anderen Maßnahmen des Regimes, so dass die Machthaber sogar kurfristig glaubten, dass eine Lockerung der Mobilitätseinschränkung den Zerfall des Staates aufhalten könnte (http://www.youtube.com/watch?v=oMUrzdVNTgc).

Der unheimliche Boom der Autoindustrie seit den Anfängen des 20. Jahrhunderts, der zusammen mit seiner Zulieferindustrie einen wesentlichen Anteil an der industriellen Gesamtproduktion (in Deutschland z.B. ca 20%!) darstellt, wurde in der Vergangenheit -vermutlich nicht ganz zu Unrecht – durch unser aller Lust am individuellen Dahinbrausen erklärt.
Werbesujets, die bis vor kurzem das neue Auto entweder als Testosteronersatz oder Familientreffpunkt zwischen Arbeitsplatz, Schule, Einkauf und Freizeit beworben haben, schlagen in die gleiche Kerbe.
Somit kann sich auch jeder, der angesichts von Energieknappheit und Klimawandel das Auto verteufelt sicher sein, dass er bei vielen von uns ein bißchen schlechtes Gewissen voraussetzen kann.

Auch die Kampagne der Wiener Grünen im Zuge der „Parkraumbewirtschaftung„, die inhaltlich hier mehrfach hinterfragt wurde (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=81299) setzt auf dieses schlechte Gewissen.

Besteht der Bürger nun auf  die Erfüllung der politischen Mobilitätsversprechen, wird er nun als  Mobilitätsverbrechern desavouiert.

Jetzt kann naturlich kein halbwegs bei Sinnen Seiender FÜR ein sinnloses Herumbrausen im eigenen Auto sein, wenn der Weg nicht auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln möglich wäre, jedoch stört mich das Klischee, dass die Mobilität heute ausschließlich um einen selbstüchtigen Wunsch der Bürger ist.
Weiters ärgert die unmoralische Haltung der Mobilitätsmoralisten , dass sie nicht für ein allgemeines Verbot eintreten sondern einfach die Preise hochschrauben. Fazit: Die „G’stopften“ können ungeachtet ökologischer Kollateralschäden weiterhin auto-mobil bleiben, wenn sie nur genug dafür blechen …

Was all die Mobilitätsmoralisten ausblenden, hat die SZ schon angesprochen:
Die Lebensstile der Deutschen ändern sich von Grund auf. Mobilität muss heutzutage sozial, zukunftsfähig, ökologisch und ökonomisch sein.
http://www.sueddeutsche.de/auto/mobilitaet-im-wandel-alles-in-bewegung-1.1339276

Wer heute von A nach B fährt, WILL das immer weniger, sonder MUSS das!

Wie lange hat uns die Industrie immer vorgeworfen,
wir wären alle zu wenig mobil und würden nur mehr Arbeitsplätze direkt vor der Haustüre akzeptieren!
Die Folge ist der Pendlerverkehr.

Die im Vergleich zu Inflation und Kapitalgewinnen unterpropertionalen Lohnzuwächsen zwingen immer mehr Bürger zu Zweit- und Drittjobs.
Die Folge ist eine Zunahme des Berufsverkehrs, der noch dazu unter Zeitdruck erfolgt. Die SZ formuliert das so:
Auch die Zahl der Personen die in Teilzeit- und geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen arbeiten, stieg in den letzten Jahren enorm an. Derzeit arbeiten etwa 7,4 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer so. Wer aber einen Minijob hat, geht vermutlich noch anderen Beschäftigungen nach.

Die Umstellung der Pensionssysteme auf ein Ansparsystem bedingt eine Berufstätigkeit beider Partner, da sich keine(r) mehr darauf verlassen kann, dass er nach Jahren der Kinderbetreuung von der Pension seines Lebenspartners leben wird können.
Die SZ zeigt noch weitere gesellschaftliche Änderungen auf, die zu einem Zwang zur Mobilität führen:
Die Zahl der Patchworkfamilien wächst. Das heißt aber, dass es neben dem innerfamiliären Leben eines gibt, das durch die Bezüge zu Vätern oder Müttern der Herkunftsfamilie entsteht. …
Eine andere Lebensform sind die LAT’s (Living apart together). Etwa jede siebte Partnerschaft ist so organisiert, sie stellt eine bedeutende Teilgruppe der zum Wochenende fahrenden Fernpendler.

Es ist somit extrem kurz gegriffen und langfristig sinnlos, wenn Autohasser und Kampfradfahrer über die Wiener Verdrängungspolitik jubeln (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=80702).

Die Zeiten sind vorbei, in denen die individuelle Mobilität eine Teil des Freizeitverhaltens war.
Die meisten Wege, die heute unter immer größerem Zeitdruck zurück gelegt werden, sind durch gesellschaftspolitische Änderungen bedingt, das zu negieren ist Vassilakous größter Fehler.

Ein gravierendes Problem durch Verdängung und Verteuerung der Folgen lösen zu wollen, ist entweder Zeichen sagenhafter Überheblichkeit oder bodenloser Dummheit …. und davon hatten wir in der Politik schon bisher genug.

Links:
http://tu-dresden.de/forschung/wissens-_und_technologietransfer/dresdner_transferbrief/archivordner/dtb03_01/Ausgabe_03_01_komplett.pdf

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Written by medicus58

14. November 2012 um 16:17

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