Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Heiraten in Mariä Himmelfahrt

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Wenn es Sie in den 90er Jahren des eben vergangenen Jahrhunderts nach Asunción (= Mariä Himmelfahrt) in Paraguay verschlagen hat und Sie kein Einkaufstourist aus Brasilien oder Argentinien waren, dann gehörten Sie zur ganz kleinen Schar Individualtouristen, die sich für ein Land wirklich interessierten, das in Ermangelung weltbekannter Natur- oder Kulturschätze ziemlich abseits der großen Reiserouten liegt. 
Gut, vielleicht sind Sie auch Mennonit (http://de.wikipedia.org/wiki/Mennoniten
und wollen ihre Glaubensbrüder besuchen. Soviel darf ich vorwegnehmen, ich wollte dort weder zollfrei einen der damals modernen „Ghettoblaster“ erstehen noch stand mir der Sinn nach einer Taufe.

Mein erstes Abendessen nach einigen Stunden Busfahrt durch die staubigen Ortschaften des Landes nahm ich aus Zeitgründen in meinem Hotel ein; einem alten dunklen Kasten mit dem Charme der frühen 60er, dessen Dachrestaurant aber mit einer formidablen Weinkarte zu überraschen wusste.
Als kleiner önologischer Einschub sei der präsumptive Reisenden im „Cono sur“ auf ein kleines Problem hingewiesen:
In Chile sollte einen selten der Wunsch nach einem Wein anderer Provenienz überkommen, jedoch kann im Falle des Falles die Wunscherfüllung schwierig und teuer werden.
Die argentinischen Weine zu dieser Zeit waren, im Gegensatz zur Qualität der exportierten Kreszenzen aber durchaus so, dass man sich nach einem chilenischen Undurraga (http://www.undurraga.cl/Sitio/INDEX.html) sehnen konnte, jedoch benötigte man etwas Mut sein Anliegen auch dem Kellner vorzutragen. Wein vom Erzfeind? No way, José!!
Uruguay, dessen Rindfleisch und Rotwein so manches vom anderen Ufer des Rio de la Plata vor Neid erblassen ließ, war hier zwar etwas „wein-offener“, jedoch ist Paraguay diesbezüglich das Paradies
Nicht nur, dass man ohne den Nationalstolz des Wirts zu beleidigen frei zwischen den önologischen Köstlichkeiten der Nachbarn wählen konnte, gab es auch die nobelsten Fläschchen aus Frankreich, Australien, Neuseeland und den USA zu absoluten Dumpingpreisen. (Mögen sich andere über die Schattenwirtschaft und den Schmuggel, dem Paraguay einen Teil seines Einkommens verdankt, verbreiten, ich war nur zufriedener Gast; aber ich kann mich noch an das Preisschild eines Nuits-Saint-Georges erinnern und mir kommen noch heute die Tränen ….) 

Egal am nächsten Tage wollten meine Begleiterin und ich unsere leiblichen Bedürfnisse in einem anderen als dem Hotelrestaurant befriedigen. Während der stundenlangen Spaziergänge durch das kleine Zentrum des Ortes, damals wirkte Asunción auf mich eher als Kleinstadt denn als Hauptstadt, versprachen die Orte des Nachtlebens mehr als überschaubar zu sein. Möglicherweise hat sich da bis heute nicht viel geändert, denn das Kapitel „Nachtleben“ ist im deutschen Wikipedia -Eintrag noch immer unbearbeitet (http://wikitravel.org/de/Asunci%C3%B3n) …

Auch die Auswahl an einladenden und vielleicht auch noch landestypischen Restaurants ließ sich an einer Hand abzählen, dafür aber nur auf mehreren Schuhsohlen erreichen. 

Ein kleiner Laden, der sogar Fisch anbot, was in der Nähe der großen Rinderherden des Kontinents beinahe eine Seltenheit darstellte, fiel mir tagsüber positiv auf und wir machten uns abends unter zunehmendem Margenknurren auf den Weg dort hin.
Drinnen ging es zwar hoch her, ein Tisch war aber noch frei. Gleich darauf kam der Kellner mit abwinkenden Bewegungen auf uns zu und vermittelte uns in seiner (nicht meiner) Landessprache umständlich, dass es sich hier um eine geschlossene Veranstaltung handeln würde, genauer gesagt um das Hochzeitsfest der Wirtsleute und eigentlich der Laden geschlossen wäre … 

Wir mussten einen ziemlichen Hundeblick aufgesetzt haben, denn nach kurzem Zögern murmelte er etwas von „den Wirt mal fragen können“. Dieser kam dann lachend auf uns zu und fragte, was wir denn Essen wollten. 
Wir waren plötzlich Teil der Hochzeitsgesellschaft, 
Tageskarte gab es keine, aber den gewünschten Fisch, ja den könne man uns schon braten, es würde nur etwas länger dauern, aber Wein könnten wir gleich einmal haben …

Was soll ich sagen, um uns ging das Fest einfach weiter, will heißen, die meisten Männer scharten sich um einen kleinen Fernsehapparat und kommentierten lautstark die dort gebotene Fußballübertragung, die Frauen tratschten unter sich. 
Der georderte Fisch war ein Gedicht, trotzdem konnten wir ihn nicht zur Gänze bewältigen, denn die Wartezeit wurde uns mit allerlei Kostproben vom Hochzeitsbuffet verkürzt. 

Zur späteren Stunde spielten noch Musiker auf und wir stießen auf Kosten des Hauses noch auf das Brautpaar an.

Vielleicht sollte ich den Wikipedia-Eintrag zum Nachtleben in Asunción selbst bearbeiten, denn so ganz stimmt das nicht, was selbst ein rezenter (13.11.2010) Forumeintrag am lonely planet Server behauptet:
The nightlife in Asuncion is not that great. Mostly restricted to Thursday, Friday and Saturday night. These people go to bed early and get up early.
http://www.lonelyplanet.com/thorntree/thread.jspa?threadID=1972579  

Kann nur sagen, falscher Typ am falschen Platz zur falschen Zeit, Reiseschicksal eben ….

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Written by medicus58

11. Oktober 2012 um 16:39

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