Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Papua Neuguinea: Sing-Sing

with one comment


Wie zuletzt hier (http://wp.me/p1kfuX-qQ) versprochen noch einige weitere Bemerkungen zu den Highland games auf Papua:
Als Australien in den 60er Jahren seine Ansprüche auf das Territorium aufgab und sich die Unabhängigkeit des Gebietes (ausgenommen des als ( Irian Jaya) West Irian bis heute zu Indonesien gehörenden Teiles) abzeichnete, wußten die unzähligen Volksgruppen, die allein die Hauptinsel bevölkerten, kaum voneinander. Was heute wie eine gezielte touristische Attraktion imponiert, war und ist eigentlich eine Veranstaltung, die zum „Nationbuilding“ der Region geschaffen wurde. Ab Beginn der 1960er Jahre (1964, andere Quellen sprechen von 61) ermutigte Australien die eizelnen Stämme, sich in der Stadt Mt. Hagen zu treffen und sich dort gegenseitig ihre stammestypischen Tänze und Trachten (im wesentlichen Bemalungen) vorzuführen. Kurz darauf fand die Veranstaltung alternierend in der Stadt Goroka statt, heute gibt es bereits an mehreren Orten und mehrmals im Jahr diese „Cultural Shows“ , die im Pidgin der Eingeborenen als „Sing-Sing“ bezeichnet werden. 
Zwei Tage lang bebt die Erde unter den stampfenden Beinen von Hunderten Tänzern und Trommeln und ein endloser Strom an bunt bemalten, mit Federn, Perücken und Ketten geschmückten Gruppen rittert um den Titel der besten Performance. Auch wenn das Ereignis von PNG Touristenbüro (http://www.pngtours.com/tours/festivals2013.html) heftig angepriesen wird, handelt es sich noch immer primär um eine staatlich forcierte Gelegenheit für die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, einander kennen zu lernen. Als mich meine Reise nach Mt. Hagen führte, kamen auf die etwa zwei Dutzend Touristen etwa 2000 Papuesen:
„fast schwarze Highlander“, Hulis mit ihren riesigen Perücken, „hellhäutige“ Küstenbewohner, … eine unglaubliche Vielfalt an grundverschiedensten Menschen, die seit Jahrtausenden auf engstem Raum lebten und sich trotzdem ihre Unterschiedelichkeit in Aussehen und Gebräuchen bewahrt haben. Dies ist die eigentliche Attraktion der Veranstaltung. Für die wenigen Ausländischen Besucher gibt es zwar einen abgesperrten Bereich, für die via Reisebüro angekommen gegen Aufpreis sogar eine kleine Tribüne, aber der wahre Spass besteht darin, sich unter die Darsteller zu mischen, wenn sie sich etwas abseits schminken und ihre Masken aufsetzen.
Mit etwas Diskretion, einem Lächeln und etwas Pidgin:
gud moning
gude
gud apinun
http://www.ansbach-evangelisch.de/cms/sites/default/files/pictures/kleines-woerterbuch-pidgin.pdf
ist das kein Problem, wobei man – wie eben überall durch Zeichensprache vorab klären sollte, ob die Darsteller auf Foto gebannt werden wollen oder nicht. Die meisten scheint es sogar zu freuen.
Während, wie berichtet, man auch ohne monatelange Vorbereitung durch ein einheimisches Reisebüro, vor Ort gelangen kann, sind die Übernachtungsmöglichkeiten etwas beschränkt. Das „Field office“ der Österreichische Entwicklungshilfe Organisation war mit dem Verweis auf feuerpolizeiliche Vorschriften ziemlich hartleibig gegen das Ansinnen noch einen Schlafsack auf den schon ziemlich belegten Fußboden der Räumlichkeiten zu plazieren, so dass es ziemlicher Überredungskust bedurfte, eine Hütte im Hof eines der „Hotels“ besiedeln zu dürfen. Warum man sich lange weigerte meiner Begleitung und mir die Unterkunft zu vermieten, war mir nicht ganz ersichtlich, letztendlich gelang es und wir durften sogar das hoteleigne „Restaurant“ benützen. Diesem Abendessen verdanke ich die Erkenntnis, dass Neuseeland einen ganz hervorragende Sauvignon blanc herzustellen vermag.
(OK, heute kann man sowas beim Billa um’s Eck erstehen, aber damals war die Globalisierung noch nicht soweit …).

So mochte ich meine Reisen: Kurz vorher noch die Aussicht unter freiem Himmel übernachten zu müssen und kurz darauf sich die Aussicht auf die nächtliche Holzpritsche mit einem gut gekühlten Tropfen von sortentypischen Paprikanoten versüßen ….

Noch einiges ließe sich über Papua erzählen:

von den ungläubigen Augen einer amerikanischen Reisegruppe, auf die ich in einer Hochlandlodge stieß, dass man das Land auch Schulter an Schulter mit den Einheimischen im Sammeltaxi bereisen kann

über den Besitzer des Angoram Hotels an den Ufern des Sepik River, der auf die Frage, weshalb sein „Hotel“ keine Beschilderung hat nur lapidar meinte, dass es ohnehin die einzige Unterkunft wäre und alle im Dorf einen zu ihm schicken würde …

wie man sich die Rotatorenmanschette der Schulter lädieren kann, wenn man von der Ladefläche eines Trucks klettert, dabei auf der schlammigen Leiter ausrutscht und sich trotzdem an der Dachbespannung festhält, weil man sonst mit dem Hinterkopf an die Bordwand schlagen würde; nur blöd, dass es in Papua Sitte ist jedem die Hand zu schütteln und man mit einem Muskelriss seine Rechte nur heben kann, wenn man sie (schaut ziemlich blöd aus) mit der Linken hochhebt …
auch die Geschichte, dass ein Speichelstein im Ausführungsgang meiner Mundbodenspeicheldrüse gerade in Goroka beschließt eitrig zu werden und es gewisser Überwindung bedurfte, mit einem Butterfly den Abszeß am Mundboden zu öffnen …
All das könnte man zu einem großen Abenteuer hoch stilisieren, was es vielleicht auch war, was aber angesichts all der anderen Erlebnisse völlig in den Hintergrund trat.

Über die Übernachtung im Hinterzimmer eines ehemaligen Gesundheitsministers des Landes, der mir anbot mein Fach in seinem Land anzusiedeln, was ich mit dem Hinweis auf wesentlichere Prioritäten ablehnte, vielleicht später einmal.

Bleibend in Erinnerung blieb mir meine Überraschung, als der alte Häuptling eines Dorfes, den ich (natürlich  mit Händen und Füssen und etwas Pidgin, das sein Sohn übersetzte) bitten musste, als Fremder sein Dorf betreten zu dürfen, plötzlich vor mir auf die Knie ging und mir die Hand küsste. Als sein Sohn mein völlig verdutztes Gesicht sah, erklärte er, dass mein Vater angesichts meiner äußerlichen Größe überzeugt wäre, ich müsste ein berühmter Krieger sein. Was tun in so einer Sache? Ich umarmte den alten Mann und zog ihn dabei wieder in die Höhe. Wir herzten einander und ich durfte den ganzen Schatz des Dorfes bewundern. Dabei handelte es sich um ein paar Hausschweine, die für das nächste Sing-Sing gemästet wurden. Während der Sohn des Häuptlings Jeans und ein altes T-Shirt trug, war sein Vater noch ganz stammestypisch bekleidet, oder besser gesagt fast unbekleidet. Nur um die Lenden hatte er einige große grüne Blätter gebunden. Nein, Penisrohr trug er keines, das ist weniger im Hochland als weiter unten am Sepik in Mode (http://de.wikipedia.org/wiki/Penisfutteral). Im indonesischen Teil der Insel wurde es 2008 (http://www.stern.de/panorama/indonesien-kampf-um-das-penisrohr-von-papua-650547.html) überhaupt verboten.

Man sieht, man kommt in Papua sehr schnell in Situationen, für die einen Herr Elmayer nicht vorbereitet …

Abschließen möchte ich noch mit einer etwas „europäischeren“ Erfahrung:
Damals gab es in der Hauptstadt Port Moresby eigentlich nur ein Hotel, das den europäischen Begriffen dieser Institution entsprach:
das Travelodge Port Moresby (heute das Crown Plaza)
Keine Ahnung, wie die Hütte heute ausgestattet ist, damals entsprach sie einem besseren US-Motel, hatte aber einen Pool und eine Five o’clock Tea, so mit Gurkensandwich und allem.
Nach rund dreieinhalb Wochen backpacking durch Papua, gönnten meine Begleiterin und ich mir noch dieses Vergnügen, den Tea nicht das Hotelzimmer, denn wir waren ganz zufrieden mit unserer anderen Bleibe, als ich plötzlich eine bekannte Stimme hinter mir hörte. An einem Nebentisch dozierte der österr. Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt selbstsicher vor einigen -natürlich weißen- Zuhörerinnen über allerhand Besonderheiten des Landes.
Natürlich konnte man sich wieder daheim endlos das Mundwerk darüber zerreissen, dass man den berühmten Forscher während der ganzen Zeit nicht im Hochland, nicht im Urwald, aber auf der Terrasse des einzigen „Luxushotels“ des Landes trifft, aber – heute gibt es ja das Internet und da kann man leicht beweisen,
dass sich der Herr Professor zumindest fallweise auch im Urwald aufgehalten haben muss (http://erl.orn.mpg.de/~fshuman/en/Earchiv.html)
aber bleiben wir doch ernst, Verhaltensforschung läßt sich überall betreiben, auch beim Five o’clock tea.

Links:
http://www.youtube.com/watch?v=7KFewmhwLa8 (nettes Video über ein Sing-Sing)

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Written by medicus58

11. September 2012 um 17:58

Veröffentlicht in Reisen

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Eine Antwort

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  1. I really appreciate this post. Iˇ¦ve been looking everywhere for this! Thank goodness I found it on Bing. You have made my day! Thanks again

    Amedar

    13. September 2012 at 02:13


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