Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Feuer auf Papua Neuguinea

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Auch Mitte der 90er Jahre konnte man mit dem Vorhaben, auf eigene Faust nach Papua Neuguinea zu reisen, noch ziemlich Eindruck schinden.
Selbst für den „Hardcore Backpacker“ lag das erst seit 1975 souveräne Staatsgebiet nicht gerade auf dem üblichen Trampelpfad und außer „Menschenfresser“ und „Paradiesvögel“ wollte den meisten nicht viel dazu einfallen.

Medizinisch „verschulte“ Geister assoziierten bestenfalls noch Kuru (http://de.wikipedia.org/wiki/Kuru_(Krankheit), eine durch Prionen (wie BSE oder Creutzfeldt-Jakob) verursachte übertragbare spongioforme Emzephalopathie, die in meinen Pathobüchern noch kleingedruckt als slow virus disease geführt wurde. Die Erkrankung wurde durch den „Genuss“ von menschlichen Gehirnen übertragen. Während diese Erkrankung in den meisten Berichten noch immer ausschließlich mit dem Kannibalismus besiegter Feinde assoziiert wird und als Zeichen einer primitiven Entwicklungsstufe der Mensschheit gilt, erfuhr ich von einem der Ärzte (Prof. Michael Alpers), die sich um die Aufklärung der Krankheit verdient gemacht haben, dass es sich meist um einen anderen Infektionsweg gehandelt hatte.
(Die lesenswerte englischsprachige Wiki-Eintrag ist hier auch präziser: http://en.wikipedia.org/wiki/Kuru_(disease)).
Es waren ungleich mehr Frauen und Kinder von der Erkrankung betroffen als Männer (Krieger), was in erster Linie dadurch erklärbar wird, dass der häufigste Übertragungsweg „Endokannibalismus“ war; d.h. es wurden vor allem die Gehirne verstorbener Verwandter verzehrt. Ursache war hier, im Gegensatz zum Kannibalismus gefangener Gegner, dass man so den Übergang der Macht und/oder der Erfahrung der Verstorbenen Verwandten auf die nächste, gebärfähige Generation sicherstellen wollte. In einem Land mit ausgeprägtem Matriachat war es somit klar, dass dies nur dadurch zu bewerkstelligen war, wenn Frauen die Gehirne in sich aufnahmen. Der Hintergrund war also ein spiritueller.

Aber auch der Kannibalismus besiegter Feinde (einschließlich mancher Missionare) erklärt sich nicht primär durch die „Primitivität“ eines Volkes, das (soweit es das dicht besiedelte Hochland betrifft) erst in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhundert in Kontakt mit anderen Zivilisationen gekommen war. Kannibalismus war auch die Lösung für den massives Eiweißmangel, der im Hochland herrschte. Für das Halten großer Herden war der Urwald viel zu dicht und die Vegetation ungeeignet. Die wenigen Schweine waren nicht tägliche Ernährung sondern werden bis heute, nach aufopferungsvoller Pflege, nur für große Festen geschlagtet. Die ersten Weißen, die das undurchdringliche Hochland (via Flugzeug !)besuchten, beschrieben auch den weit verbreiteteten Kwashiorkor (http://en.wikipedia.org/wiki/Kwashiorkor), den man aus Teilen Afrikas bereits kannte. „Roter Knabe“ heißt die Erkrankung, die u.a. mit massiven Hungerödemen (infolge des Albuminmangels) einher geht, da die Betroffenen auch rötliche Haare haben, da durch den Mangel an essentiellen Aminosäuren auch die Pigmentbildung stört ist.

All das führte dazu, dass Papua für viele nicht gerade ein klassisches Touristenziel war – übrigens ein wesentlicher Grund für meine Reise dorthin.
In den 90er Jahren war ich beruflich ziemlich ausgelastet, so dass an eine detaillierte Reisevorbereitung nicht zu denken war. Ich schaffte es gerade die Tickets von Wien nach Singapur und von dort für einen Nachtflug in die Hauptstadt des Landes nach Port Moresby zu buchen UND, was damals für Individualreisen unumgänglich war, den einschlägigen „Lonely Planet Travel Survival Kit“ (http://www.lonelyplanet.com/) zu erstehen.
Internetrecherche war damals noch wenig ergiebig, so dass ich zwar wusste, dass im Sommer in Mt. Hagen und/oder Goroka die sogenannten Highlandgames stattfinden würden, aber ob das heuer auch so sein würde und wann sie genau stattfinden, konnte der „Lonely Planet“ auch nicht vorhersagen. Ich wußte zwar aus dem Buch, dass Papua in Deutschland eine Vertretung, vermutlich ein Konsulat betrieb, aber …. siehe oben. Es war mir auch nicht so klar, wann ich von Port Moresby ins Hochland kommen würde, denn eine Straße gab es nicht (m.W. gibt es bis heute keine direkte Straßenverbindung hinauf)  und Tickets für die kleinen Flugzeuge der Air Niugini oder kleiner privater Anbieter konnte ich von Wien aus auch so schnell nicht buchen. Ich verließ mich, wie immer damals auf meinen „Rucksackreisen“ auf Glück und Improvisationskraft. Man mag mir also verzeihen, wenn ich später, als ich berufsbedingt gezwungen war so manchen „Managementkurs“ zu besuchen über das dort Gebotene ein überlegenes Lächeln nicht unterdrücken konnte ….
 
Als ich (nach einer hervorragenden Bouillabaisse in einem Flughafenhotel in Singapur das Nachflugzeug der Air Niugini nach Papua bestieg, begann ich meine lockere Reiseplanung schon zu bereuen. Mit mir flogen ca. 10 Deutsche in voller Tropenadjustierung mit Helm und Stiefel (ich trug Jean und T-shirt an) und unterhielten sich lautstark (vermutlich war ihnen auch nicht ganz wohl bei der Sache, was meistens dazu führt dass die Menschen etwas lauter werden), dass die Highlandgames in Mt. Hagen übermorgen beginnen würden und dass sie ihrem Reisebüro auf Knien (und mit vielen D-Mark) dankten, dass es ihnen schon vor vielen Wochen ein Flugticket reserviert hat ….

Deutsche Gründlichkeit hat sich gegen Wiener Schlendrian durchgesetzt, so viel war klar.
Was nützte es da darauf hinzuweisen, dass ich schon ein paar Jahre auf meine Art durch Asien gestolpert bin: Das große Treffen der Stämme Papuas wird ohne mich stattfinden, soviel schien sicher und ich versuchte nach dem Abheben des Flugzeugs wenigstens einzuschlafen.

Am nächsten Morgen landeten wir auf dem kleinen Flughafen in Port Moresby und ich suchte mir gleich daneben in einem kleinen Hotel ein Zimmer, um sofort zum Flughafengebäude zurück zu kehren, um nach einer Verbindung ins Hochland zu fragen. Jeder andere Weg, also ein Schiff an die „Rückseite“ der Insel und von dort ein Bus ins Hochland würde sicher Tage benötigen und das große Fest würde ohne mich stattfinden.
Bedauernd erklärte man mir am Schlater, dass der Frühflug leider schon seit längerem ausgebucht wäre, aber am frühen Vormittag wäre es kein Problem !!!
Von wegen seit Monaten alles ausgebucht …. Ha, … deutsche Reisebüros, dass ich nicht lache.

Über die Highlandgames, berichte ich ein anderesmal. Sie waren wie so vieles auf dieser Reise unvergesslich. Was mir aber mindestens ebenso für den Rest meines Lebens in Erinnerung blieb, waren zwei andere Begebenheiten.

Die erste war das kleine Museum in Port Moresby, das die Geschichte der Steinaxt erzählte:
Die Völker Papuas hatten bis zur Ankunft des weißen Mannes keine Metall, so dass alle Kriege, und da gab es offenbar viele, mit eben dieser „primitiven Waffe“ ausgefochten wurden. Ein behauener Stein an einen kräftigen Stock gebunden. So weit so gut. Das Unvergessliche war aber der kleine Text neben den verschiedenen Äxten, der darauf hinwies, dass eine Steinaxt eigentlich eine intelligentere Waffe als eine Atombombe darstellen würde. Warum? Ganz einfach: Wenn es schon zu einer Auseinandersetzung kommt, kann ein Meinsch mit einer Steinaxt immer nur einen Menschen nach dem anderen erschlagen. Ein guter Krieger erschlägt vermutlich in einem Kampf mehrere Gegner, aber es ist definitiv unmöglich, dass er, so mächtig er auch ist, so viele Menschen töten könnte, wie bei uns ein Einzelner, der eine Atombombe besitzt …. Evolutionär gesehen ist somit die A-Bombe ein eindeutiger Rückschritt im Vergleich zur Steinaxt.

Die zweite Begegbenheit fand bei den „Asaro Mudman“ (http://en.wikipedia.org/wiki/Asaro_Mudmen) statt, einer Gruppe, die es schaffte ihre Gegner dadurch einzuschüchtern, dass sie sich nicht nur furchterregende, aus Lehm hergestellte Masken aufsetzten, sondern -angeblich weil sie bei einem Angriff zufällig durch ein Schlammloch kamen, sich danach gänzlich mit grau-weißen Lehm beschmierten, was ihnen ein fast außerirdisches Aussehen verlieh und alle Feinde vertrieb ehe es noch zum Kampf gekommen war.
Nach einer entsprechenden Demonstration (auch ein Mudman muss sich Geld verdienen) und der Erkenntnis, dass ich mit meiner Fähigkeit des Bogenschiessens im Urwald erbärmlich verhungern müsste, löste sich die Gruppe der Mudman langsam auf und einer der Krieger beschloss sich eine Zigarette zu gönnen. (Zigaretten waren ein beliebtes „Trinkgeld“ und da man auf dem Inlandsflügen vom Bordpersonal ein Päckchen als „Teil der Bordverpflegung“ geschenkt bekam, hatte ich auch als Nichtraucher glücklicherweise ein Päckchen dabei.) 

Nun blieb mir aber wirklich der Mund offen, denn mein Krieger kniete kurz nieder, rieb zwei Hölzchen aneinander, blies hinein bis eine Flamme züngelte und zündete sich sein Zigarettchen an. Der Vorgang war definitiv nicht Teil der „touristischen Vorführung“, sonst hätte ich genug Gelegenheit gehabt ihn besser zu fotographieren, sondern einfach die Art, wie man hier zu einem Feuer kommt. Zumindest damals kam niemand auf den Gedanken dies als besonderes Kunststück dem Gast vorzuführen, dazu schien es den Eingeborenen einfach zu banal. Ich staunte ….

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Written by medicus58

10. September 2012 um 17:38

Veröffentlicht in Reisen

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