Sprechstunde

über alles was uns krank macht

SOHO: Never judge a book by its cover

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Es war in den späten 70er Jahren in SOHO:
Nein, nicht in Manhattans Viertel „South Of HOuston Street (http://de.wikipedia.org/wiki/SoHo_(Manhattan), davon später, sondern in Londons SOHO, das damals noch nicht eines der angesagtesten Schwulenviertel der Stadt war, das begann erst in den 90ern, sondern das SOHO, das damals noch seiner früheren Geschichte als Prostituiertenviertel und zwielichtige Amüsiermeile voll gerecht wurde.
Es war die Zeit, in der der Punk (http://de.wikipedia.org/wiki/Punk) nicht zuletzt von dort aus begann die Welt zu erobern. Während heute die Überreste des Marktgetriebes rasch beseitigt werden, stapfte man damals noch die ganze Nacht durch die fauligen Salatblätter und wurmstichigen Äpfel, die Händler und Kundschaft tagsüber kurzerhand auf die Straße gewischt haben. Mit einem Wort, als gut behüteter Schüler glaubte man sich dort mitten drinn in der „Dreigroschenoper“ und wähnte sich an Rande verbotener Abenteuer.

Ich saß damals in einer der unzähligen herabgekommenen Sandwichbuden und knabberte mich durch ein Erdnußbutter-Sandwich, als plötzlich die Türe aufsprang und ein Typ in das Lokal wankte: Schwarzes Leder, Nieten und Ketten überall, es klirrte; das Dutzend Sicherheitsnadeln, das er sich durch die sichtbaren Teile seines Körpers gerammt hatte, ließ unschwer darauf schliessen, dass er ähnliches auch mit seinen unsichtbaren Körperpartien veranstaltet hat. Eine Narbe, die sich quer durch sein Gesicht furchte, schien noch relativ frisch, so bläulich-rot hob sie sich von der ungesunden, punkertypischen Blässe seiner Gesichtshaut ab, umrahmt von zottigen, kohlrabenschwarz gefärbtem Haar. 
Seine Lederstiefeln knarrten, die zwei Dutzend Schnallen darauf schepperten, als er sich zu einem freien Tisch begab.
Die Gespräche der wenigen Anwesenden verstummten in der Sekunde … es war klar, die eben eingetretene Veränderung bedeutete „trouble“ ….

Der Besitzer des Ladens, so schien es mir zumindest, eilte verschüchtert und devot auf seinen ungebetenen Gast zu und brachte ihm den Kartondeckel, auf dem die wenigen Spezialitäten des Etabissements handschriftlich verzeichnet waren; Vermutlich prüfte er im Geiste noch schnell,ob sein Laden auch die nun sicher eingeforderte Menge an Bier auch vorrätig hätte, wenn, ja wennn der Gast nicht überhaupt nach schärferem verlangen würde, nach Hochprozentigem, für das sein Laden keine Lizenz hatte und das dann willkommener Anlass für den offenbar unmittelbar bevorstehenden Aggressionsabbau sein würde:

Trouble

Mir war auch etwas flau in der Magengegend, denn so amüsant eine Lokalschlägerei auf der Leinwand sein kann, dabei Beteiligter – noch dazu in einem fremden Land – war keine gute Option, obwohl damals das britische Gesundheitssystem noch seinen guten Ruf hatte, den es in den nachfolgenden Reformen unter Thatcher zu Recht eingebüßt hat.

Der Gast verweigerte die Annahme der Speisekarte und bestellte, ohne Rückfrage nach dem Lagerstand des Lokals, mit leiser Stimme: Ein Glas Wasser.

Er trank es, zahlte und verließ „klirrend“ das Lokal.

Es war in den frühen 80er Jahren in SOHO:
Früher Abend, ein Theaterbesuch irgendwo in der Shaftsbury Ave stand bevor und der Magen war leer. Ein kleiner „nordafrikanische“ Take away Laden bot gebratene Lammkeule mit Okra an und ich konnte nicht widerstehen an einem der drei Tische Platz zu nehmen. Es wurde die beste Lammkeule meines Lebens, zartes Fleisch, gute Würzung, … aber das ist nicht die Geschichte. Der Laden, wie viele in der Gegend, verstand sich ganz offenkundig primär als Versorger der Umgebung und nicht als Speiselokal. Dauernd läutete das Telefon und kurz darauf setzte sich einer der jungen Männer in Trab und brachte die in Pappkartons abgefüllten Köstlichkeiten in die Wohnungen der Umgebung. Die drei Eßplätze des Lokals waren mit billigen Gartenmöbeln ausgestattet und sollten offenbar nur das „Extra-Pfund“ machen, sollte sich doch ein zufälliger Gast in das Lokal verirren.
Sehr einladend war es ja nicht, billige Leuchtstoffröhren tauchten alles in ein bläulich weißes Licht, mich, die Papierservietten, das billige Alubesteck und die drei oder vier Damen am anderen Tisch.
Nachdem mein erster Heißhunger gesättigt war und ich meiner Umgebung mehr Aufmerksamkeit schenken konnte, viel mir auf, dass nicht jeder Anruf von einer nachfolgenden Auslieferung begleitet war. Mitunter erhob sich eine der anwesenden Damen, ging vor das Lokal, rief in den ersten Stock hinauf und kehrte wieder zu ihrer Limo zurück. Ab und an verließ auch eine der Damen mit kurzem Gruß das Lokal, jedoch schien die Geamtanzahl konstant, weil kurz danach wieder eine andere zu dem „Damenkränzchen“ stieß.
Als ich dem treiben einige Zeit folgte – und als ich mich darauf konzentrierte, die herüberfliegenden Gesprächsfetzen zu verstehen, war mir klar, weshalb die anwesenden Grazien vor ihrem Abmarsch noch schnell den Lidstrich erneuerten oder das Lippenrot auffrischten:
Dieses Lokal hatte neben Lammlenden auch noch andere fleischliche Genüsse zu bieten und war die Drehscheibe eines florierenden Call Service der käuflichen Liebe. Zu diesem Zeitpunkt schritt die Polizei bereits scharf gegen den Straßenstrich in SOHO ein, so dass es offenbar sicherer war, sein Gewerbe auf Abruf in einem Take-away Lokal auszuüben.
Allfällige Vorstellungen über das olfaktorische Erlebnis der Kunden überlasse ich ihnen gerne, aber -wie gesagt- die Lammkeule war vorzüglich.

Es war in den frühen 90er Jahren in SOHO:
Wieder stand ein Theaterbesuch bevor und Stärkung tat not. Da es um eine Nachmittagsmatinee handelte verschlug es meine Freundin und mich in eine kleine Bäckerei zum Cream Tea (http://de.wikipedia.org/wiki/Cream_tea), jene britische Tradition, bei der Unmengen von „Clotted Cream“, Marmelade und Süßgebäck verzehrt wird. Wir fielen eher zufällig in den Laden hinein, weil er in unmittelbarer Nähe des Theaters lag, fühlten uns aber sofort wohl. Der „Hausbrauch“ war offenbar, dass sich jeder Gast von den überall herumstehenden Köstlichkeiten nehmen durfte, was er wollte, da man darauf vertraute, dass er dem Kassier beim Eingang dann auch wahrheitsgemäß Art und Anzahl der Scones and Cakes gestand.
Der Laden war gesteckt voll, jedoch öffnete sich sofort nach unserem Eintreten eine Lücke an einem der Tische und wir wurden von den anderen Gästen mit offenen Armen in ihren Kreis aufgenommen. Wenn es nunmehr auch bei uns Mode wurde, irgendwelches Backwerk mit zentimeterhohen Aufbauten einr fetten Creme zu verzieren und die Cupcakes inzwischen die bodenständigen Kalorienbomben aubgelöst haben ( http://www.cupcakeberlin.de/), dann scheint es im Retrospekulum, dass wir damals bei der Geburt dieser Modeerscheinung dabei waren. Was da an pinen und lilafarbenen Cremes auf kleine Küchlein dressiert wurde, mit welchen quietsch-rote Kirschen oder in Zuckerlösung erstarrten Veilchenblätter das alles verziert wurde, das hatte schon etwas. Die fröhlichen Gäste priesen uns die Vorzüge immer neuer Kreationen an udn nötigten uns auch diese zu probieren, so dass wir letztendlich nur knapp am diabetischen Koma vorbei schrammten. Mitten in der Unterhaltung fielen meiner Begleitung und mir auf, dass meine Freundin das einzige weibliche Wesen in diesem Lokal war. Das hinderte andere Anwesende nicht, ihre gegenseitige Zuneigung diskret, aber auf den zweiten Blick eindeutig, zu Schau  zu stellen. Nun wurde uns auch die etwas buntere Kleidung, das etwas gepflegtere Aussehen der Herren und die etwas überdrehtere Stimmung des Lokals bewußt, die man damals mit seinem Schulenglisch, noch ohne Konnotation nur mit einem einzigen Vokabel beschreiben konnte: „gay“
In den späten 90er jahren hätte das niemand mehr überrascht, aber damals hatte SOHO noch ein anderes Image. Egal, wir wurden herzlich aufgenommen und sogar auf das eine oder andere Küchlein eingeladen. Wir beide, meine Freundin und ich ….

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Written by medicus58

6. September 2012 um 06:25

Veröffentlicht in Reisen

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