Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Ein paar Kratzer für den Hausarzt und Winter im Gasteinertal

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Bad Hofgastein Kongresszentrum im Winter, weils hier so heiß ist

Bis morgen Samstag findet im Wiener Austria Center der europäische Hausärztekongress (WONCA Europe 2012)
unter dem Titel „The Art and Science of General Practice“ statt und läßt Medien und Tourismusmanager über rund 2800 Teilnehmern jubeln.

Kongresspräsident Gustav Kamenski räsonierte,  dass der Stellenwert der Allgemeinmedizin nicht ausreichend gewürdigt wird und forderte (wie übrigens jeder Ärztekammerpräsident „seit der letzten Eiszeit“) die Politik auf , die Hausärzte zu stärken. Benötigt würden Generalisten, die den Patienten auf ganzheitlicher Ebene betrachten.

ÖGAM-(Österreichische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin ) Präs. Reinhold Glehr bedauerte dass das
österreichische Gesundheitswesen von Mustern der Akutmedizin und der fachspezialistischen Versorgung geprägt wäre.
http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20120704_OTS0132/wonca-europe-konferenz-2012-the-art-and-science-of-general-practice-bild

 So weit, so gut und dem Anlaß entsprechend.
Wenn im Austria Center 15.000 Lungenfachärzte tagten oder beim ECR jährlich über 20.000 Radiologen aus 106 Ländern tagen, dann wird eine Aufwertung der Pulmologie bzw. der Radiologie von der Politik gefordert werden; nix Neues unter der Sonne.

Im Zusammenhang mit dem Hausarzt steht dahinter ein prinzipielles Problem, dessen scheinbarer Lösung schon
Generationen von Ärztekammerpräsidenten ihre Wahl und Generationen von Gesundheitsökonomen ihre Heilversprechen verdanken:

Versorgung extramural durch Hausarzt solange es geht: „Hausarztmodellhttp://de.wikipedia.org/wiki/Hausarztzentrierte_Versorgung

Um den „titelaffinen“ österr. Patienten, die sich beim Hausarzt (i.d.R. von seiner Anmeldekraft) nur ihre Rezepte und Überweisungen abholen und, wenn sie der Meinung sind krank zu sein, lieber gleich Facharzt oder Spitalsambulanz aufsuchen, entgegen zu kommen, wird seit Jahren ein „Facharzt für Allgemeinmedizin“ nach dt. Vorbild (http://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeinmedizin) geplant, was aber kaum was an der Sachlage ändern wird.

Der heutige Kurier – ganz auf der Hausarzt getrimmt (Kommentar Salomon und Langartikel: http://kurier.at/nachrichten/gesundheit/4502536-das-spital-ist-nicht-immer-das-beste.php) kritisiert in Balkenlettern:

Das Spital ist nicht immer das Beste

In Österreich werden drei Mal so viele Menschen an einer Uni-Klinik behandelt wie anderswo, kritisieren die Hausärzte.

Zitiert wird auch Prof. Günther Leiner (http://www.karriere-medizin.at/archiv/index.php?id=1275 ), ein rühriger (nicht-habilitierter Ehrenprofessor) Internist und politisch aktiver Primar der in Personalunion Gründer und  Präsident des European Health Forum Gastein ist, einer Einrichtung, die mit dem Segen des Bundesministeriums im idyllischen Bad Hofgastein Meetings abhält und sich auf ihrer HP (http://www.ehfg.org/home.html) ganz bescheiden gibt:  The EHFG is the leading health policy event in the EU

Mit 7,7 Betten pro 100.000 Einwohner zähle Österreich zu den Spitals-Europameistern. (Schweden: 2,8, Norwegen: 3,3, Niederlande: 4,7).
Weniger Spitäler mit mehr Spezialisierung bringen einen besseren Behandlungserfolg„, betont Leiner. So sei es etwa Holland gelungen, durch die Reduktion der Spitalsbetten auch das Auftreten gefährlicher resistenter Krankenhauskeime um 20 Prozent zu senken.
Mit dieser Logik habe ich durch die gänzliche Abschaffung der Spitäler den Hospitalismus endgültig besieht, aber sei’s drum.

Bei dem WONCA Kongress ließ sich auch der Kongresspräsident Glehr nicht lumpen und verband rhetorisch geschickt ein allgemein akzeptiertes Schlagwort mit eigener Klientelpolitik:
Durch den vermehrten Wissenszuwachs in der Medizin, braucht es Generalisten, die den Patienten auf ganzheitlicher, integrativer Ebene betrachten und kontinuierliche Ansprechpartner sind.
 Weshalb der Generalist mit dem Wissenszuwachs, der ja offenbar nicht aus der allgemeinmedizinischen Forschung kommt, die ja weltweit darnieder liegt, sondern aus der Entwicklung der Fachdisziplinen, besser umzugehen weiß, als der durch die Spezialisierung bereits überforderte Facharzt, bleibt im Dunkeln des Vortragssaales.

Facts first:

Ein zentraler Gatekeeper wäre im Gesundheitswesen natürlich ebenso sinnvoll, wie im Schulwesen, Rechtswesen, .. .etc. nur spielt’s ihn unter den gegebene Rahmenbedingungen nicht.

Die Anzahl der Spitalsbetten ist (wie schon öfters kommuniziert) der ökonomisch und medizinisch unsinnigste Parameter für eine intramurale Versorgung, wenn wir von den großen Spitälern sprechen. Dort liegt kein Patient auf dem Gangbett, weil es die Ärzte so wollen.
Spitalsbetten sind die Auffangbetten für in der Wohnung oder in Rehab- bzw. Geriatriezentren nicht Behandlung und/oder Platz fndende Menschen.
Andererseits ist nicht zu bezweifeln, dass ein Großspital nicht der richtige Platz ist, seine Lumbago auszuliegen.

Ärztekammern verstehen sich noch immer (und nehmen von diesen auch einen relativ noch höheren Mitgliedsbeitrag) als Vertreter des „niedergelassenen praktischen Arztes in der Einzelpraxis“, obwohl die Anzahl der angestellten Ärzte (meist mit Ordination nach Dienstschluß) inzwischen deutlich höher ist, als die der ausschließlich extramural tätigen.

Hinter dem von Kammervertetern (auch der Wirtschaftskammer), Ökonomie und Politik stets herunter gebeteten Schlagwort der „Aufwertung des Hausarztes“ stecken ausschließlich wirtschaftliche Motive, die Geld im Spitalsbereich einsparen, aber nicht in den extramuralen Bereich transferieren wollen.

Angesichts der Explosion -nicht so sehr an unbedingt erforderlichen wissenschaftlichen Erkenntnissen – aber
an Empfehlungen verschiedener Gremien, Leitlinien, Richtlinien, EinschränkungenKontraindikationen, Generikanamen, …etc. ,
an Erwartungen an eine zeitökonomisch Diagnostik (One stop Shop) von berufstätigen Patienten
an gestiegenen haftungsrechtlichen Anforderungen,
der gestiegenen Mobilität und sprachlichen und ethnischen Diversifizierung der Bevölkerung (kein Hausarzt begleitet mehr eine ganze Familie „lebenslang“)
ist es eine unüberbietbare Hybris der „Interessensvertreter der Hausärzte“ zu behaupten, dass die Hausärzte im herkömmlichen Sinn diesen Anforderungen entsprechen können, wenn inzwischen die Diversifizierung innerhalb des Sonderfaches Innere Medizin so groß geworden ist, dass ich mir vom Gastroenterologen lieber kein EKG interpretieren lassen würde.

Alternativen:

Verabschieden wir uns vom Arzt als Einzelkämpfer in seiner wohligen Praxis mit Hausapotheke, aber auch vom hauptberuflichen Spitalsarzt mit nebenberuflich geführten Praxis, die beide nur den Schein einer extramuralen Ganzversorgung aufrecht erhalten, sich aber beide des Leistungsangebotes der Spitalsambulanzen bedienen, sobald Leistungen erforderlich werden, die sie kostengünstig auslagern können.

Spielen wir niedergelassene (PA und FA) nicht gegen angestellte Ärzte aus, nur weil das Posten in der Kammer bringt, sondern sehen wir uns alle als Team, das für eine bedarfsgerechte und dem ökonomischen Stand unserer Gesellschaft adäquate Gesundheitsversorgung. 

Treten wir doppelzüngigen Stimmen entgegen, die den Zugang zu „Spitzenmedizin rund um die Uhr“ versprechen, aber nur mehr Potjemkinsche Spitäler finanzieren können und die nächtliche Akutversorgung aber genau dort hin schicken und stehen wir dazu, dass Ballungsräume und das offene Land unterschiedliche Versorgungsstrukturen benötigt.
(Um Geld zu sparen, überlegt die Sbg. Krankenkasse die Wochenend- und Notdienste, die von den niedergelassenen Ärzten und dem Roten Kreuz geleistet werden, auf die Notaufnahme zu konzentrieren. Aus der SÄK heißt es dazu, dass man auf die Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz nicht verzichten wolle, das biete eine „Super-Versorgung“. Diese Kooperation habe sich bereits über Jahre bewährt. Krone, Salzburg)
In Städten ab einer gewissen Größe macht es mehr Sinn, im Spital eine ambulante Versorgungsstruktur aufzubauen, wo auch ohne viel Herumgeschicke der Patienten die diagnostischen Hilfsmittel zur Verfügung stehen und die Ordinationen, die ohnehin nur überweisen, runter zu fahren, „am freien Feld“ wird man um eine Aufwertung des extramuralen Sektors, der aber dann durch Ärztekollektive einschließlich einer vor Ort zugänglichen Basisdiagnostik (Labor, Bildgebung, …) eine wirkliche Basisversorgung ermöglicht, nicht herum kommen. 

Hören wir auf mit dem Märchen, dass ein „guter Diagnostiker“ mit der forensisch erforderlichen Trennschärfe „durchs Draufschauen“ in allen Fällen zwischen Herzinfarkt und Roemheld Syndrom (http://roemheldsyndrom.info/Roemheldsyndrom/Home.html ) unterscheiden kann, sondern etablieren wir auch bei uns endlich einmal eine „Wissenschaft des klinischen Diagnoseganges“ (Klinische Entscheidungsfindung, Clinical Decision Making)
z.B.: http://www.radcliffe-oxford.com/books/samplechapter/1483/Hall_final_lowres_chap12-26b247c0rdz.pdf

Verlangen wir endlich eine ehrliche Unterscheidung zwischen Einsparungen und Qualitätsverbesserungen.

Qualitätsverbesserungen erfordern oft Investitionen, d.h. kurzfristig sind sie teuerer als das alte System, das wir uns aber aktuell nicht mehr leisten können oder wollen.

Einsparungen sind in der aktuellen Krise unseres globalisierten, deregulierten und überwiegend auf  Spekulation aufgebauten kapitalistischen Wirtschaftssystems unausweichlich, schlicht weil die Kommunen sich an dieses System verkauft haben und überdies auch dessen Schulden bezahlen müssen.
Solange wir in standespolitische Kleinkriegen und unter Beiziehung immer weiterer Klientelberater nur um den besten Platz im freien Fall drängeln, bleibt die wesentliche Frage unbeantwortet, in welchem moralischen Verhältnis die angepeilten 2 Milliarden Euro an Einsparungen im Gesundheitswesen (http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/oesterreich/453784_Eines-fuer-alle-alle-fuer-eines.html)
zu den allein bis vor einem Jahr (Schätzung Aug. 2011) von Österreich schon eingezahlten und garantierten 100 Milliarden Euro  für die „Stabilisierung“ dieses Wirtschaftssystems stehen.
Die Friedrich Ebert Stiftung analysierte rezent (http://library.fes.de/pdf-files/wiso/07875.pdf), dass die indirekten Kosten der Finanzkrise durch fehelnde Einnahmen der Staaten um ein Vielfaches höher als die direkten Kosten aus Vermögensverlusten und Staatshilfen waren.
Das entspricht fehlenden Staatseinnahmen von  3.000 bis 10.000 Euro an fehlenden Staatseinnahmen pro Bürgerin und Bürger.

Nicht die Sorge um den Hospitalismus, nicht die immer und überall möglichen Verbesserungen im Gesundheitswesen, sind es, die uns seit Jahren eine Gesundheitsdiskussion einbringen, sondern die Absicht von Staat und Marktwirtschaft, sich dieses Marktes zu bedienen.

Viele von uns spielen mit, um „ihr Schäfchen zu föhnen“:
um die Hausapotheke zu halten, weil sie mit den Kassentarifen sich den Installateur nicht mehr leisten können,
etwas Alternativmedizin anzubieten, damit man mit Gewinnbeteiligung seine Vitaminpulverln verscherbeln kann, weils in Wien keine Hausapotheke gibt,
eine gesundheitsökonomische Studie abzuliefern, die ja gut bezahlt wird und nicht -wie ärztliche Tätigkeit- dem Haftungsrecht unterliegt
eine Zertifizierungsstelle zu etablieren, die ein alle paar Jahre zu erneuerndes Qualitätszertifikat herausgibt, das zur Voraussetzung für eine Kassenrefundierung wird,
einen Kongress ausrichtet, um in die Zeitung zu kommen und eine Audienz im Ministerum zu erlangen, … etc.
wir übersehen aber, dass wir alle schon längst zum entmündigten Spielball ökonomischer Kräfte geworden sind, denen es um eines nicht geht: um eine medizinische Versorgung

„The Art and Science of General Practice“

Etwas weniger ART, wirkliche SCIENCE und einen noch viel generelleren Blick über den Tellerand,
weil morgen, am Samstag, ist die Ordination zu die Spitäler und die Welt aber noch offen.  

PS: für alle geifernden Kommentare, dass ich von der Sache des Hausarztes nix verstehe, erlaube ich mir mein Inkognito so weit zu lüften, dass ich Erfahrung mit mehreren Aspekte der Gesundheitsversorgung vom Rettungswesen über die Kurmedizin bis zur Intensivmedizin und von extramuralen privaten bis zu intramuralen staatlichen Einrichtungen, hier und im Ausland, habe und berufsbedingt in täglichen Kontakt mit den Hausärzten mehrerer Bundesländer stehe.
Mich ärgert nur die auf kurzfristige relative Besserstellung der eigenen Position beruhende Scheinheiligkeit des Erlösungsmodells „Hausarzt“ bei völliger Negation der erforderlichen strukturellen Rahmenbedingungen

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