Sprechstunde

über alles was uns krank macht

MED 2.0 Facebook for the insane

leave a comment »


 

Schöne neue Welt, möchte man ausrufen, angesichts all der digitalen Goodies, die uns unser Provider „der rest der coolen Gang“ auf den Schirm bringen.
Dass Ihr e-Darling für das lebenslange Glück nur einen Klick entfernt ist, trichtert Ihnen die kontextbezogene Werbung ohnehin seit Jahren ein, dass einem die wissenden Blicke der Umgebung am Weg in die Peepshow durch die Fülle der Pornosites im Web erspart wird, freut die Honoratioren der Kleinstädte und dass Sie bei DrEd (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=56206) und seinen Kollegen rasch online zu ihrem aktuellen Potenzmittelkommen , das ihnen wiederum auf  (http://www.erektion.de/) empfohlen wurde, haben wir erst unlängst thematisiert (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=56206).

Heute möchte ich auf zwei neue digitalen Helferlein aufmerksam machen, die uns langsam aber sicher in die nächste Version der medizinischen Dienstleistungen katapultieren, eben MED 2.0.

 Wer möchte sich nicht einmal aussprechen, endlich jemandem finden, der einem zuhört, der Verständnis hat (oder heuchelt oder generiert …)?
 
Ich kann mich noch an die PC Anfänge, also mit DOS ohne WIN-DOS erinnern, als ich über ein kleines Freeware Programm stolperte, das (natürlich ohne Spracherkennung sondern nur auf Texteingabe) durchaus glaubhaft eine psychotherapeutische Sitzung imitierte. Clever, wie der Programmierer, sicher ein Psychoanalytiker im zweiten Bildungsweg, eben war, reagierte das Programm auf  besonders unverständliche Eingaben wahlweise mit einem
Können Sie das näher erklären?“ oder
Interessant, erzählen Sie mir mehr damit“.

Eine neuere aber eher primitive Variante kommt hier als Online Game daher: (http://www.flasharcade.com/arcade-games/play/virtual-psychiatrist-game.html )
das Spiel meiner Erinnerung war zwar definitiv intelligenter programmiert, aber das Prinzip können Sie nachspielen…

Worauf ich aber hinaus will ist eine wirklich ernst gemeinte Applikation namens Buddy
(http://buddyapp.org/). Bemerkenswert ist diese „Kommunikationstool“ auch deshalb, weil sie vom  „South London and Maudsley NHS trust“, dem größten Anbieter von „mental health services“ in Großbritannien entwickelt wurde; dass die selbe Institution dem Teil auch gleich eine Auszeichnung verliehen hat (Winner of NHS London Regional Innovation Fund phase 1 and phase 2), ist zumindest nicht unamüsant bzw. eine verdeckte Querfinanzierung…

Im Gegensatz zu unserem oben besprochenen „Game“ kann man Buddy aber in erster Linie als eine Art „Facebook for the Insane“ beschreiben, also ein Tagebuch, das aktiv zur regelmäßigen Eingabe der eigenen Befindlichkeit auffordert.

Die Begründung, weshalb in das Teil investiert wurde, ist schlagend; während der britische Mental Health Trusts pro Patient zwischen £2,000-£3,000 verrechnet, kostet die Lizenzgebühr für Buddy pro Patient  £20-£40, je nachdem wie viele User es benützen. (http://www.guardian.co.uk/society/2012/may/22/buddy-app-mental-health-patients-moods)

Natürlich kann man das Teil einfach als Ersatz für die, von Patienten oft nur unzuverlässig geführten schriftlichen Tagesprotokolle auffassen, aber intendiert ist offenkundig mehr.

Auf der HP lobt ein Nutzer ganz offenkundig die als persönliche Zuwendung empfundene Leistung der Applikation:

Buddy is a simple, user friendly tool that has really helped to improve service user

You have to be responsible for making a change. Buddy points you in the direction and you do it yourself. ~ Service user, Female, 50   

 Ganz offenkundig scheint mir auch die Absicht, dass hier direkte, therapeutische Anweisungen automatisiert werden sollen/können, wenn folgendes angepriesen wird:

Provides behavioural activation tools to promote more effective recovery

 Wie man psychiatrische Zuwendung auch verbilligen kann, zeigt uns folgende Studie:
Online Messaging Helps in Delivering Care Management to Patients with Depression
(http://psychiatry.jwatch.org/cgi/content/full/2011/718/4)
Dabei hatten jede Patienten die online eine Krankenschwester (!) kontaktieren konnten eine bessere Compliance zur Medikamenteneinnahme und (oder deshalb) eine bessere Wirkung nach 5 Monaten.
This important study showed that a simple, inexpensive, online messaging care-management program had a moderate effect in improving depression outcomes.

 Wer erinnert sich noch an die Ö3 Kummernummer, die Vorläufer einer in ganz Europa zugänglichen Lebenshilfehotline war und noch immer existiert? http://kundendienst.orf.at/humanitaeres/kummernummer.html
Ist das die Kummernummer, kaun I auf a Nummer kumma?

War in den 80er Jahren ein wirklich dort zu hörender Anruf …
Egal, während dort oder in der Telefonseelsorge, soweit ich weiß, noch wirkliche Menschen sitzen, sollten wir uns auf eine Automatisierung dieser menschlichen Zuwendung gefasst machen, da billiger, effizienter und ohne Erhöhung des „headcounts“ des Systems möglich. Wenn das System dann Sätze wie
Heit drah i mi ham“ (= heute werde ich Selbstmord begehen)
falsch decodiert
(z.B. in „Heiter ist’s bei mir zuhause“)
und dem Anrufer
noch viel Spaß dabei“ wünscht,
ist dies einer der seltenen Kollateralschäden, mit denen man eben zu leben lernen wird.

Und wenn wir schon bei den digitalen Helferlein sind, die Ihnen Ihr Patientenleben einfacher gestalten sollen, zeigt uns ein Blick über den großen Teich, wie’s weiter gehen wird.
Bekanntlich herrscht in den USA ein nahezu undurchschaubares Dickicht an privaten und beruflichen Krankenversicherungen. Für die Ärzte ist das nicht schlecht, denn sie zählen zu den am höchsten bezahlten Kollegen weltweit, insbesondere wenn sie sich entschließen ihre heilenden Kräfte nicht an attraktiven Orten sondern im Nirwana des mittleren Westens wirken zu lassen.
(Als ich während meiner Tätigkeit drüben, den Kollegen mein österreichisches Gehalt in US$ übersetzte, erntete ich ungläubige Heiterkeit …, im übrigen auch, als ich die hiesigen Gehaltsunterschiede zwischen Pflege- und Ärzteschaft mitteilte, aber das gehört nicht hier her …)
Um hier noch den Durchblick über alle seine Rechnungen zu haben, wurde die Applikation Simplee (http://www.simplee.com) geschaffen.

Genießen Sie die die Werbevideos auf YouTube, nicht zuletzt um auch ein Gefühl dafür zu entwickeln, was ein privatisiertes und höchst unübersichtliches Gesundheitssystem für den einzelnen bedeutet:
http://youtu.be/Q6HahXoSQU4

Leider liegen die Videos nur in englischer Sprache vor, aber wenn das Gesundheitssystem auch einmal bei uns voll privatisiert sein wird (sehr bald, vermute ich), dann wird es sicher auch eine deutsprachige Version des Videos und der Software geben, ….
aber Sie sind schon jetzt vorinformiert.
An dem Arcade Game können Sie auch schon trainieren, wie sie herausfinden, ob Sie beim nächsten Anruf in der Ordination Ihres Hausarztes, schon vom PC bedient werden oder nicht …

From avoidance to consumerism: It’s time to be a smart health care consumer  
http://blog.simplee.com/2011/01/the-10-minute-lesson-on-navigating-health-care.html

Link: EDV in der Medizin  http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=58077

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: