Sprechstunde

über alles was uns krank macht

VI Control-Alt-Delete : Be patient, patient.

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Ich nehme einmal an, dass Sie sich als Patient so gewisse Vorstellungen machen, womit Ihr Arzt seine Arbeitszeit verbringt, wenn er Ihnen nicht gerade sein Ohr leiht, sein Stethoskop an die Brust klatscht oder seinen Finger in eine Ihrer Körperöffnungen steckt ….

Vor Ihrem geistigen Auge tanzen vermutlich Bilder, die je nach dem Grad der Empathie, den Sie für Ihren Arzt empfinden, zwischen
gemütlichem Kaffeetrinken mit der Oberschwester oder Ordinationshilfe,
interkollegialem Austausch des Golfhandicaps oder
hektischem Ausfüllen der Steuererklärung oscillieren;

glauben Sie mir, Sie irren hier gewaltig.

Beginnen Sie einmal einen typischen Arbeitstag mit einem Spitalsarzt in einem Haus des Wiener Krankenanstaltenverbundes und erleben Sie Ihre digitalen Wunder:

Der Morgen beginnt mit dem Start des PCs und der Hoffnung, dass der nächtliche Notstromtest nicht das BIOS ausradiert hat und er zum nächsten PC pilgern müssen.

Ist er stolzer Besitzer eines Smartphones ist jetzt der Zeitpunkt schnell ein kleines Android-Spielchen zu wagen, denn der Start Ihres Win 2000 (!) Rechners benötigt mal locker 10 Minuten, in denen mehrere Logos ihn daran erinnern, dass er den Tag zwischen einem Dutzend selbstgestrickter Anwendungen verbringen wird, die er unbegabten HTL Abbrechern verdankt, die auf absurden Irrwegen in der EDV Abteilung des KAV kamen.

Glauben Sie ja nicht, dass Ihr Arzt die Zeit damit nützen könnte, einige Befunde zu erstellen oder Anordnungen zu treffen, denn ohne EDV geht einmal gar nix.

Zwischenzeitlich den Befund des gestrigen Lungenröntgens überfliegen?
Er müsste vorher das entsprechende Programm starten (auch wieder ein bis zwei Minuten Wartezeit) und nach dem Patienen suchen … Blöd, wenn der zwar Meier heißt, aber als Dipl. Ing- Meier eingetippt wurde, denn dann findet er ihn nicht unter „M“ sondern unter „D“.
Ganz blöd, wenn bei der Administration die Dame an der Aufnahme versehentlich auf die Leertaste gedrückt hat, ehe Sie „Meier“ tippte, denn dann finden er in einer alphabetischen Liste seinen Patienten nicht mitten im Alphabet sondern zu Beginn … (dieser Fehler kostete letzte Woche drei Mitarbeitern 45 Minuten!)

Aber jetzt ist der PC hoch gefahren (Sie erinnern sich, wir haben ihn ja ein paar Absätze davor gestartet) und der Arzt überfliegt seine Mails (nicht die privaten, sondern die des Dienstgebers, dazu ist er per Dienstvertrag verpflichtet). Schön, einen neue Weisung mit Link auf einen Link auf einen Link im Intranet, der zu einem PDF Text führt, den Sie nach einer Minute auch lesen können (ja der Acrobat Reader ist auch nicht die neueste Version!). OK, die Generaldirektion weist den Arzt darauf hin, dass es eine neue Liste an Diagnoseschlüsseln gibt, die man (richtig!) über einen anderen Link auch lesen kann. Hoffentlich erinnert sich Ihr Arzt, dass ihre Blähungen bei der Entlastung nun nicht mehr als XYZ654 zu codieren sind, sondern bei Diabetikern als Diabetiker mit Blähungen als ZYX456. Das ist wichtig, weil das Spital sonst weniger finanzielle Vergütung für den selben Fall bekäme.

Gut,
nun auf die Bettenstation und nach den Patienten schauen,
weit gefehlt:

Die Stationsschwester empfängt den Arzt aufgeregt, er soll die Anforderungen für die Blutuntersuchungen in den dortigen PC eintippen, ehe er den Patienten das Blut abnehmen darf.
OK, erneutes Anmelden am PC,
die übliche Wartefrist,
und herum geklickt in sich grottenlangsam aufbauenden Befundmasken.
Beiläufig fragt der Arzt ob Patientin X schon am Weg zum Röntgen wäre, er hat schließlich schon gestern nachmittags den CT (natürlich elektronisch) angemeldet.
Schnippisch fragt die Schwester zurück, ob er, der Arzt, denn schon den Träger angefordert hat, natürlich elektronisch und natürlich über eine anderes Programm. Dieses schickt dann eine Mail an das Handy des Trägers und beauftragt ihn Patientin X zum Röntgen zu bringen.
Das auch wenn gerade ein anderer Träger Patient Y auf die Station gebracht hat, denn der hat schon eine andere Mail bekommen, die ihn anweist, Patient Z aus dem OP abzuholen … Das System ist hoch effizient!

Wenn der Arzt sich an der Schwester rächen möchte und meint, dass die Anforderung von Trägern eigentlich Sache der Pflege ist, wird ihm die Stationsschwester müde darauf hinweisen, dass sie gerade versucht, den krankheitsbedingten Dienstwechsel von zwei Pflegekräften in den elektronischen Dienstplan einzugeben, der sich aber weigert, die Neueingabe zu akzeptieren. Überdies müsse Sie etwas aus der Apotheke bestellen, wofür sie die elektronische Vidende des Arztes benötigt. Da dieser aber verzweifelt nach den Blutbefunden fahndet, die noch vom Nachtdienst angefordert wurden (natürlich wieder in einem anderen Programm, in das er einsteigen musste, … Sie nicken schon verständnisvoll, ja Wartezeit, eh klar…)
gibt er einfach der Schwester seinen den User und sein Passwort,
nicht als Vertrauensbeweis sonder nur um nicht aufstehen, zum anderen PC gehen und sich dort erneut anmelden zu müssen ….

Als Patient fragen Sie sich nun aber, es ist inzwischen 9:15, weshalb sich in diesem Spital niemand um sie kümmert!

Einzelfälle?
Maßlose Übertreibung?

Bestenfalls etwas verdichtet, aber nur die Spitze eines elektronischen Eisberges, der unser Gesundheitssystem lähmt!

Wer im Operationssaal dringend ein Röntgen benötigt, muss das elektronisch anmelden, sonst bleibt die Röntgenröhre kalt.

Wenn bei ihrem Namen mit Migrationshintergrund unklar ist, was der Vor- und was der Familienname ist, stehen die Aktien gut, dass für Sie zwei elektronische Krankenakte angelegt wurden.

Ihr Arzt hat in seiner Ordination ein Programm laufen, dass ihn vor Verschreibung einer Medikation unterrichtet, ob diese gerade von ihrer Krankenkasse in der grünen, lila, roten oder schweinchenrosa Box getan wurde, d.h. ob er es frei verschreiben darf, nur dann verschreiben darf, wenn er eine lange Begründung dazu tippt oder er das Medikament ihnen besser gleich „schwarz“ unter der Hand verkauft, weil es ihre Kasse in diesem Monat nicht bewilligen wird …

Ich gebe zu, dass ich heute nicht gut drauf bin und der Sache wegen zu galliger Überspitzung tendiere, aber wenn Sie glauben, dass das alles übertrieben ist, darf ich noch einmal aus dem Nähkästchen plaudern:

Beim Vidieren von Befunden stieß ich vor einigen Wochen auf einen etwas schwierigeren Fall, so dass ich mich (natürlich in einer entsprechenden Software) über die Vorbefunde dieses Patienten informieren wollte.
Etwas verwundert war ich, als mir die elektronische Krankenakte mitteilte, dass der Patient schon vor zwei Jahren das Zeitliche gesegnet hätte.
Noch mehr verwunderte mich, dass seither aber eine Reihe von Ambulanzbesuchen und verschiedene Befunde dokumentiert wurden.
Als ich dann das Sekretariat befragte, weshalb Ihnen diese Absurdität bei der Administration nicht aufgefallen wäre, wurde mir glaubhaft versichert, dass den Damen dies sehr wohl komisch vorkam und sie die Identität des Patienten nochmals überprüften (d.h. zur e-card auch noch ein zweitesmal den Lichbildausweis verlangten). Dem Patienten war die Sache schon längst bekannt und er wunderte sich nicht über die auftretenden Schwierigkeiten, ein Anruf bei der EDV Abteilung des Krankenanstaltenverbundes verlief frustran, da man mitteilte, dass
„das, also das Todesdatum, halt von jemandem so eingegeben wurde und man nicht die Berechtigung hätte, es wieder zu löschen“ ….

Beim Helpdesk der KAV-IT könnte man natürlich eine Fehlermeldung abgeben und bekommt eine „Ticket“. Die Chancen sind aber hoch, dass der Fall erst dann bereinigt wird, nachdem dieser Patient wirklich verstorben ist. Dann lebt er aber in seiner elektronischen Krankenakte ewig weiter ….

Ja, und Sie glauben, dass Sie als Patient oder Ihre Krankheit das wahre Problem für Ihren Arzt darstellen? Sie müssen krank sein ….

oder von all dem nichts wissen

Written by medicus58

10. Mai 2012 um 17:19

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