Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Wer B sagt, muss auch Berliner Mauer sagen

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Der Feststellung, dass sich der „Sozialismus“ in der Krise befindet, wird gewöhnlich weit über alle ideologischen Grenzen zugestimmt: 

Von ganz rechts bis neoliberal hat man es schon immer gewusst und unter „den Linken“ findet sich seit dem Fall der Berliner Mauer, als Synonym für den kurz danach erfolgten Zusammenbruch der Sowjetunion, irgendwie auch der Verdacht, dass an ihrem Konzepten was nicht stimmte.

Die neoliberale Gehirnwäsche der letzten zwei Jahrzehnte stellte weitgehend unwidersprochen die etwa ein Jahrhundert als gültig betrachteten linken Erklärungsmuster von Ursachen und Wirkungen auf den Kopf:

Pars pro toto:
Interview mit dem US-amerikanische „Gold- und Währungsexperte“ James Turk in der Presse: http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/708112/James-Turk_Wir-erleben-eine-Krise-des-Sozialismus
Erleben wir nicht eine Krise des Kapitalismus?
Das glauben viele Leute, aber das ist absolut falsch! Was wir erleben, ist eine Krise des Sozialismus.

In Amerika kommen 40 Prozent des BIPs vom Staat. In Europa noch mehr. Aber der Staat kreiert keinen Wohlstand. Nur der Privatsektor kann das. Wenn der Staat stark wächst, erhöht er die Steuern zu stark und ruiniert auch die Privatwirtschaft. Wie Margaret Thatcher gesagt hat: „The problem with socialism is, that you eventually run out of other peoples money.“ Genau da sind wir heute angelangt. Deswegen will die EU eine Finanztransaktionssteuer einführen. Was für eine idiotische Idee. Ultimativ wird der Sozialismus in den Untergang führen und als gescheiterte Philosophie angesehen werden. Die meisten Menschen verstehen nicht, was Kapitalismus und Sozialismus wirklich sind. Weil sie nicht verstehen, was Kapital ist. Das ist eine knappe Ressource, die durch harte Arbeit und Sparen entsteht. Nicht durch Kredit. Die Welt steht heute auf dem Kopf. China ist ein kapitalistisches Land mit einer kommunistischen Regierung. Amerika ist mehr sozialistisch als kapitalistisch. Und die Regierung eher faschistisch. Europa mit seinen aufgeblasenen Sozialstaaten ist sozialistisch.

Wer es noch ausführlicher und „neusprechlicher“ haben will, wird u.a. auf diesem Blog fündig: http://diarium-libertatis.de/2011/04/12/uber-die-krise-der-sozialistischen-idee/  ,
aber Achtung, „produktiver Wahn“ kann anstecken,
von links ebenso wie von rechts!

Zitat: Der Traum von einer Welt der Gleichen und Freien ist vor allem bei den nicht sonderlich mit Geistesgaben und nützlichen Talenten ausgestatteten Menschen so übermächtig, daß (sic) der – die Erfüllung dieses Traums verheißende – Sozialismus die Herzen der Menschen stets aufs Neue für sich zu entfachen mag.

Vor dieser Tapete schämte sich nach dem Fall der Berliner Mauer die regierenden Sozialisten von Blair bis Schröder offenbar ihrer ideologischen Wurzeln und versuchten die Konservativen zumindest wirtschaftspolitisch rechts zu überholen.

Und nun zur Kernfrage: Wieso führte der Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen zu einer derartigen Verunsicherung der Linken?

Eine wesentliche Ursache liegt meines Erachtens ganz am Anfang der Entwicklung „sozialistischer Ideen“:

Sozialismus hat, vielleicht noch mehr als die beiden andren großen politischen Ideologien (Liberalismus, Konservativismus) ein sehr bestimmtes Bild des Menschen, seines philosophischen, ethischen, rechtlichen, geschichtlichen und ökonomischen Umfeldes und – da stecken seine Wurzeln tief in der Aufklärung einen unerschütterlichen Glauben an eine rational vorhersehbare und regelhaft lineare Vorwärtsentwicklung.

An seiner Wiege stehen mehrere Strömungen, von denen aber im heutigen Bewusstsein nur mehr die Sozialdemokraten und die Kommunisten präsent sind, die sich – bei allen fundamentalen Unterschieden in einem Punkt nicht unterscheiden. Beide akzeptieren die Autorität staatlicher Machtstrukturen und haben schon früh in der Entwicklung des Sozialismus eine dritte Gruppe, die der Anarchisten, aus ihren Reihen (Internationale) ausgeschlossen.

Während Marx nach anfänglicher Sympathie für Pierre-Joseph Proudhons (1840: Was ist das Eigentum? Untersuchungen über den Ursprung und die Grundlagen des Rechts und der Herrschaft; „Eigentum (als Voraussetzung für Einkommen ohne Arbeit) ist Diebstahl“) diesen bis zu seinem Tode nur verbal bekämpfte, setzte er alle Hebel in Bewegung, um Bakunin 1872 aus der Internationale auszuschließen und zu ächten. (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=52393)

Die Geschichte des 20.Jahrhunderts zeigte, dass es sich bei Sozialdemokratie und Kommunismus einerseits zwar um unversöhnliche Brüder handelte, sie sich jedoch andererseits einig waren in der weiteren Tilgung aller Gedanken der „dritten Säule“ des Sozialismus: dem Anarchismus

Die einzige Assoziation, die vermutlich noch im Bewusstsein der Menschen haften geblieben ist, ist die des Linksterrorismus (RAF, Brigate Rosse, Nihon Sekigun, …) der 70er Jahre, deren ideologische Grundlagen jedoch viel stärker als marxistisch-leninistisch oder maoistisch, denn als anarchistisch im hier besprochenen Sinn zu bezeichnen sind.

Als Beispiel mag eine Begriffsdefinition Rudolf Rockers dienen:

„Der Gedanke der Diktatur ist nicht der sozialistischen Ideenwelt entsprungen. Er ist kein Ergebnis der Arbeiterbewegung, sondern eine verhängnisvolle Erbschaft der Bourgeoisie, mit der man das Proletariat beglückt hat. Er ist eng verbunden mit dem Streben nach politischer Macht, das gleichfalls parteibürgerlichen Ursprungs ist. Die Diktatur ist eine gewisse Form der Staatsgewalt, es ist der Staat unter der Herrschaft des Belagerungszustandes. Wie alle anderen Anhänger der Staatsidee, gehen auch die Befürworter der Diktatur von der Voraussetzung aus, dass man das angeblich Gute und zeitlich Notwendige dem Volke von oben her diktieren und aufzwingen könne. Diese Voraussetzung allein macht die Diktatur zum ausgesprochenen Hindernis der sozialen Revolution, deren eigentliches Lebenselement die direkte Initiative und konstruktive Betätigung der Massen ist.“
– RUDOLF ROCKER: Der Bankerott des russischen Staatskommunismus. Berlin 1921. http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Rocker
Fassen wir zusammen:

Ein wesentlicher Punkt der Verunsicherung „der Linken“ nach dem Mauerfall erklärt sich auch dadurch, dass sie instinktiv begriffen, dass ihr Konzept der staatlichen Machtausübung gescheitert ist, das im Ostblock mit diktatorischen Mitteln exekutiert wurde, in Westeuropa zwar innerhalb einer repräsentativen Demokratie, aber durch immer enger werdenden Entscheidungskadern (Parteiführung, Freundeskreise, …) angestrebt wurde. Somit ist psychologisch erklärbar, dass der demokratiepolitisch zu begrüßende Sturz der kommunistischen Systeme im Osten, auch die westlichen Sozialdemokraten verunsichert musste, weil ihnen durch den Wegfall des staatlich-autoritären Weges keine andere Entwicklungsmöglichkeit des Sozialismus offen zustehen schien.
Somit wurden sie von Blair bis Schröder unter dem absurden Label des Neuen (New Labour) zu lächerlichen Imitationen des Neokonservativismus.

Es wäre an der Zeit sich seiner eigenen, vor über hundert Jahren verjagten Denker zu erinnern, um zu erkennen, dass es keiner autoritären Kader, keiner Diktatur des Proletariats, keiner Übernahme des Machtstaates und keines Zwanges bedarf, um einen sozialistischen Weg zu gehen.
Die Kapitalismuskritik setzt nicht notgedrungen die Übernahme marxistischer Geschichtsprophezeiungen voraus, die schon vor über 100 Jahren sehr stringent von vielen kritisiert wurden.

In vielen anarchistischen Denkern lässt sich der Bogen der Ideale der Aufklärung bis in die Neuzeit spannen. Es wäre Zeit diese Texte wieder zur Hand zu nehmen und zu überlegen, weshalb sie sowohl von der kommunistischen als auch von der sozialdemokratischen Linken seit über 100 Jahren negiert werden.

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