Sprechstunde

über alles was uns krank macht

4.2.2011: Ägypten:Termiten:Menschen: Eine Prophezeiung

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Am 6. Oktober 1981 wurde Anwar El Sadat ermordet. Im Sommer 1982 kam ich in Ägypten an, um als Student ein Monat an der Universitätsklinik in Kairo zu arbeiten. Schon die Einreise über den Hafen von Alexandria hatte etwas Kafkaeskes: Brav hatten meine Begleiterin und ich neben altem Fotoapparat und anderen Dingen auch ein Stethoskop auf den Zollpapieren deklariert. Dieser offensichtlich unbekannte Gegenstand verunsicherte den Zollbeamten und er bestand darauf, diesen zu sehen. Nachdem ich mein Lithmann Stethoskop aus dem untersten Winkel meines Tramperrucksackes entbunden hatte, untersuchte er es mit höchster Akribie und wachsendem Verdacht. Selbst phonetische („El Hakim“) und demonstratorische Versuche ihn von der Harmlosigkeit des Objektes zu überzeugen, schlugen fehl. Nach gefühlten 60, wahrscheinlich jedoch nur 10 Minuten lähmender Pantomime und wachsender Hostilität kam endlich sein Vorgesetzter herbei, kanzelte ihn mit einer typischen Handbewegung und einigen gutturalen Lauten ab und ließ mich hinaus auf den Kai gehen. Bei meiner Begleiterin schien sich das Schauspiel unverändert zu wiederholen. Hier hatte die Obrigkeit aber etwas früher ein Einsehen. Der Verdacht, dass der durchschnittliche Ägypter bei seinem Arzt selten mit einem Stethoskop konfrontiert wurde, verdichtete sich während unserer späteren Erlebnisse im Giza Hospital bzw. im Cancer Institute. Weshalb in letzterem überwiegend schwangere Frauen untergebracht waren, erschloss sich uns nie, aber schließlich ist die Gravidität eine Tumorerkrankung (Tumor heißt eigentlich nur Raumforderung) mit Spontanheilung ….

Die Zustände in Kairo waren eher lähmend, die Versorgungslage schwierig und der jetzt täglich in den Nachrichten erwähnte Tahrir Platz erinnerte – olfaktorisch gesehen – eher an eine öffentliche Bedürfnisanstalt unter Rotlichtbestrahlung als an ein Stadtzentrum.

Die medizinischen Zustände an den beiden Spitälern waren ziemlich unbeschreiblich, Katzen liefen über Frischoperierte und die Ärzteschaft, die nur kurz ihre Privatordinationen verließ, um im Spital vorbei zu schauen, jammerte, dass sie kein Geld für die neuesten „Panzerschrank-Antibiotika“ aus dem Westen hatten. Meine Einwürfe, man „könnte sich auch manchmal die Hände waschen, um Infektionen zu reduzieren“, oder „bei uns wäre jede VW-Vertragswerkstätte steriler als dieser Operationssaal“, würde ich vielleicht auch nicht mehr in dieser Schärfe formulieren, jedoch entsprachen sie exakt meiner Wahrnehmung. Unter vier Augen gab man ja auch zu, sich selbst im Krankheitsfall lieber in ein britisches Militärspital einweisen zu lassen, als in die eigene Klinik. Damals prophezeite ich, dass sich das Regime in diesem Land kaum halten werde und es bald (!) zu einer Entwicklung wie 3 Jahre zuvor im Iran kommen würde …. OK, ich bin nicht unfehlbar. Nach einigen weiteren unliebsamen Überraschungen beendeten wir unsere „medizinische Karriere“ und reisten als Touristen durch das Land.

Eine Episode noch zum Schluss: Als wir die Kliniken verlassen haben, was wiederum den Verantwortlichen unangenehm war, weil sie dann keine Austauschstudenten mehr nach Österreich schicken konnten, saßen wir bargeldlos (Kreditkarte ?, he, wir schreiben 1982 und da drängte noch niemand einem Studenten so was auf …) und entsprechend desperat in einem kleinen Park in Kairo und hielten den üblichen „Was-nun-Kriegsrat“. Ein alter Mann, sicher der 101. Bettler für heute, kam auf uns zu und fuchtelte uns mit den Händen vor dem Gesicht herum. Alle Versuche ihn mit „No bakshish“ zu vertreiben misslangen und wir reagierten immer mürrischer. In dieser Lage, kein Geld, kein Quartier, der Rückflug erst in einem Monat, riss uns nun wirklich die Geduld mit diesem „Kameltreiber“ und ich wurde ziemlich laut. Da nahm er mich bei der Hand – so eine Unverschämtheit, will der meine Uhr ?- führte mich zu dem Stamm des Baumes unter dem wir saßen und zeigte mir die riesigen Termiten, die dort hinaufkletterten. Dann machte er mir wortlos klar, dass er uns nur warnen wollte unter diesem Baum zu bleiben, denn die Termiten könnten aus den Ästen auf uns herabfallen. Er lächelte, verbeugte sich leicht und ging unter meinem entschuldigenden Gestammel ab.

Wenn ich heute die Fernsehbilder aus Kairo sehe, denke ich auch den hilflosen Zöllner und an die überheblichen Ärzte an der Klinik, aber auch an den alten Mann im Park …. und an meine Vorurteile. Hoffentlich liege ich mit meiner Prognose einer iranischen Entwicklung auch in den nächsten 30 Jahre so falsch wie mit meiner damaligen Einschätzung, dass alle die einen ansprechen nur betteln wollen. Ägypten ist ein großes Land und es gibt viele „große“ und „kleine“ Menschen.

Da seither so viel Zeit vergangen ist, glaube ich, dass der Rest der Geschichte wenig Bedeutung für die heutige Situation hat. Vermutlich hat sich die „Schichtung“ der Gesellschaft nicht so sehr geändert, aber viele meiner damaligen Erlebnisse würden nur indieselbe Kerbe schlagen:
Die von „Dr. Ali“, der damals praktisch das gesamte Giza Hospital im  Alleingang am Laufen hielt, weil er sich – im Gegensatz zu den Oberärzten und Professoren – keine eigene Wohnung leisten konnte.
Der Polizist, der täglich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dieselbe Brücke „bewachte“, aber mir auf einem Plan von Kairo nichteinmal ungefähr zeigen konnte, wo wir uns eigentlich befänden.
Der Studentenvertreter, der zugab, dass das Studentenaustauschprogramm gegen den Willen der Professoren durchgesetzt wurde und entsprechend von diesen auch boykotiert wurde.
Der in London ausgebildete Spitalsleiter, der einmal pro Woche erschien, einen Kaffee nahm und wieder in lukrativere Gefilde entschwand.
All das würde nur meinen damaligen Eindruck verstärken: Je tiefer der Mensch auf der sozialen Leiter stand, je freundlicher war er. Je „höher“ er auf der Leiter stand, je unangenehmer empfand ich ihn.
Drei Dinge noch: In den abendlichen Gesprächen mit den Ärzten (!) über den damals noch frischen Friedensschluss mit Israel, stimmten alle darin überein, dass es nur ein vorübergehender Waffenstillstand sein kann.
Der freundliche Mangosaft-Verkäufer vor unserer Unterkunft, bei dem wir um einen Bettel täglich die einzige frische Frucht tranken, die damals zu erhalten war, sah in uns schon bald gute Freunde, so dass er meinte, dass er für uns etwas Besseres hätte. Mit verschwörerischer Mine griff er unter seine Theke und holte einen Tetrapak Orangensaft hervor. Was er nicht lesen konnte, das Produkt stammte aus Österreich (ob Rauch weiß ich nicht mehr sicher) und die Orangen stammten aus Jaffa.
Etwas hat sich abr seither total verändert. Wenn man damals einen Ägypter als Araber angesprochen hat, hat er sich das aufs Schärfte verboten!

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Written by medicus58

24. Februar 2012 um 17:32

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