Sprechstunde

über alles was uns krank macht

Die Qualität der Zertifizierung der Qualität

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Sie wissen sicher, wofür „ISO“ steht, nein nicht:  http://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_Organisation_f%C3%BCr_Normung
sondern: 

Idioten – Suchen – Ordner.

Aber ernsthaft, wir leisten uns eine Kaste von Beratern und Zertifizierern, deren wesentliche Tätigkeit darin besteht, Konzepte aus der Fertigungstechnik (Stichwort: Fließband) in immer neu flip-charts zu bringen und, meist ohne eigene fachspezifische Qualifikation, der Medizin überzustülpen.

Sie können dann wählen, ob Sie in ein 
ISO 9001:2008 zertifiziertes Labor ihr Blut schicken wollen oder in einem 
KTQ ge-brandeten Röntgeninstitut durchleuchten lassen. Wenn Sie sich ihren Rücken in einem 
JCI (Joint Commission International) zertifizierten physikalischen Institut massieren lassen, wissen Sie wenigstens, dass dort jemand des Englischen mächtig sein muss, denn die Ordner müssen in diesem System ins Englische übersetzt vorliegen. Etwas näher beim Lieben Gott sind sie, wenn ihr Spital das Label von 
pCC (proCum Cert GmbH) tägt und wenn es sogar nach 
EFQM (European Foundation for Quality Management) ein excellence center ist,  dann dürfen sie sich so wirklich wohl fühlen.
Wollen Sie es wieder etwas deutscher, dann darf es vielleicht noch 
KPQM sein, das auf der 
DIN EN ISO 9001 basiert, sowie dem 
EFQM-Modell noch „Aspekten eines prozessualen Disease-Managements“ hinzufügt. 

Auszug aus der „Speisekarte“ eines der unendlich vielen Anbieters (LGA InterCert GmbH):

Unser Leistungsspektrum im Gesundheitswesen:
KTQâ im Krankenhaus
KTQâ im Niedergelassenen Bereich
KTQâ und QMKD
KTQâ im Bereich Rehabilitation
KTQâ im Bereich Rehabilitation und QMKD
KTQâ im für Altenpflegeeinrichtungen
ISO 9001
ISO 9001 & DEGEMED Standard
ISO 9001 & deQus Standard
Zertifizierung von Krebszentren
KPQM
qu.no
qu.bhäv
physioQM
QMS-Reha
IQMP-Reha des BDPK
BVKD-QM-Testat
Arbeitsschutz MAAS-BGW
dPV – Standard
QEP – Qualität und Entwicklung in Praxen®
QPP – Qualitätsprüfung plus: Pflege
Zertifizierung von Stroke Units
ISO 14001, EMAS
ISO 17025 in Zusammenarbeit mit DAP

Wenn Sie nun glauben, dass hier irgendwer, z.B. die Standesvertretung, diesem Geld-verschendenden-Wahnwitz Einhalt gebietet, weit gefehlt …
die österreichische Ärztekammer leistet sich (mit den Geldern ihrer Mitglieder)eine eigene Qualitätssicherungsgesellschaft (http://www.oeqmed.at/ ), nur damit sie verhindert, dass das Bundesministerium eigene „Qualitätssysteme“ implementiert.

„Ja aber, „werden Sie jetzt sagen, „bei einem so wichtigen Gut wie der Gesundheit kann es doch gar nicht genug Qualität geben!“

 Im Prinzip ja, nur wer hat den je bewiesen, dass die Qualität einer Dienstleistung durch Fortbildung und Qualitätssicherungssysteme besser wird?

Großbritannien hatte in Wales einen großen Skandal hinsichtlich Fehlbehandlung durch einen Arzt. Dieser Arzt hatte in der Region aber die meisten Fortbildungspunkte gesammelt (Quelle: persönl. Kommunikation)

Und denken Sie mal weiter: Geld und Zeit sind zwei endliche Größen, das gilt ganz besonders für unsere heutigen Gesundheitssysteme!
Wenn wir diese Ressource in den Rachen all der Berater, Consulter, Zertifizierer und Re-Zertifizierer werfen, dann bleibt für den Kernprozess nichts mehr übrig.

 D.h. wir verbringen unsere Zeit mit dem Durchleuchten und verschriftlichen von Prozessen, die ohnehin so recht und schlecht klappen,
schicken Fragebögen an die Patienten aus, die nun Kunden sind,  nur um zu erfahren, dass einmal das Essen im Spital für den einen zu heiß oder für den anderern zu kalt war,
dokumentieren, dass wir dokumentiert haben, die Dokumentation archiviert zu haben und 
sammeln Fortbildungspunkte für das Fortbildungsdiplom in der Ordination, dass Sie sich als Patient anschauen können, während wir mit dem Zertifikator über das Farbleitsystem zum Patienten-WC diskutieren.

Letztendlich ist das alles ein Zeichen, dass man das Vertrauen verloren hat, dass unsere Ausbildungssysteme Menschen ausbilden, die ihr Handwerk verstehen. Statt immer mehr Geld in nachträgliche „Jodldiplome“ zu investieren, sollten wir die primären Ausbildungsprozesse (Kindergarten, Schule, Universität, Turnus, …) verbessern.
 

PS:
Für alle, die nicht wissen was ein Jodldiplom ist: 
http://de.wikipedia.org/wiki/Jodeldiplom
http://www.youtube.com/watch?v=lliHC7QSiG8

Written by medicus58

27. Juni 2011 um 07:51

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