Sprechstunde

über alles was uns krank macht

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Jolly Jolie

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Jolly Jolie

In den letzten Jahren haben sich nur so manche Klatschreporter die Frage gestellt, ob Angelina Jolie trotz Schwangerschaften und Gewichtsreduktion ihre sekundären Geschlechtsmerkmale ohne Hilfe der plastischen Chirurgie in einer derartig ansprechenden Form halten konnte: http://news.makemeheal.com/celebrity-plastic-surgery/angelina-jolie-breast-implants/280
Nun hat sie sich als Trägerin eines mutierten BRCA1 Gens prophylaktisch das Brustparenchym entfernen lassen und wurde sie zum Testimonial für … ja was eigentlich?
Geht alle zum Gentest?
Auch berühmte Menschen kriegen Brustkrebs?
Ich mach’s und rede darüber?

Jedenfalls hat der ORF gestern in allen TV Nachrrichten das Thema rauf und runter georgelt, Experten geladen und wieder viele “aufgeklärte PatientInnen” geschaffen.
Aber nicht nur der ORF, die ganze Welt drehte sich um, … also eigentlich umgekehrt, nicht die Welt drehte sich um die Brüste …
Morgen geht’s dann wieder um den Prozess wegen billiger Silikonimplantate: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/brustimplantate-aus-billig-silikon-haft-fuer-pip-gruender-gefordert-a-899850.html
Bei so viel Aufklärung brauchen wir sicher bald eine HELP Sendung zum Thema …

Geschrieben von medicus58

15. Mai 2013 um 16:16

Huch, Menschenversuche an Ossis …

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Welt

Der nächste Skandal: Der aktuelle Spiegel berichtet, dass westliche Pharmakonzerne in mehr als 50 DDR-Kliniken über 600 Medikamentenstudien in Auftrag gegeben hat (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/west-pharmakonzerne-betrieben-menschenversuche-in-der-ddr-a-899306.html) und schließt mit der Bemerkung, dass der Verband Forschender Arzneimittelhersteller “bisher keine Verdachtsmomente, dass irgendetwas faul gewesen wäre” sieht.
Eine Skandalüberschrift „West-Pharmafirmen betrieben Menschenversuche in der DDR“, nur leider 24 Jahre zu spät.

Irgendwie kotzt mich (siehe http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=92622) unsere nachhinkende Aufarbeitung der Vergangenheit zunehmend an, weil sie sich mutig gibt ohne es zu sein.

Wo werden denn heute die gesetzlich vorgeschriebenen Versuchsreihen durchgeführt?

Indien: Kinder als Versuchskaninchen :Tragödie in einer bekannten indischen Klinik: Bei medizinischen Testreihen sind 49 Babys ums Leben gekommen. Die Auftraggeber waren westliche Pharmafirmen. http://www.sueddeutsche.de/panorama/indischer-pharma-skandal-kinder-als-versuchskaninchen-1.704679

Nigeria: Pfizer wegen Versuchen an Kindern verklagt: Das afrikanische Land Nigeria fordert sieben Milliarden Dollar Schadenersatz: Der weltgrößte Pharmakonzern soll Mitte der 90er-Jahre ein nicht zugelassenes Medikament an Kindern getestet haben – von denen mehrere starben. http://www.welt.de/wirtschaft/article921876/Pfizer-wegen-Versuchen-an-Kindern-verklagt.html

Provoziert der Ruf nach immer mehr „Forschung“ an immer mehr Subgruppen (Kinder, Jugendliche, Senioren, Männer, Frauen, …) nicht gerade die Fülle an Studien, für die sich kaum genügend Probanden finden lassen?

Ist es nicht nur natürlich, dass börsennotierte Unternehmen diese Studien in den Niedrigpreis-Regionen der Welt durchführen, um die dadurch evidenzbasierten Produkte in den Hochpreis-Regionen absetzen zu dürfen?

Wäre es nicht auch ergiebiger, die Verbindung zu einem anderen uns gerade schockierenden Skandal herzustellen: Fabrikeinsturz in Bangladesch: Zahl der Toten steigt auf über 1000 http://www.spiegel.de/panorama/fabrikeinsturz-in-bangladesch-zahl-der-toten-steigt-auf-ueber-1000-a-899008.html

Im Gegensatz zum Nobelpreisträger Mohammed Yunus sehen wir hier nicht das „Scheitern einer Nation“ sondern die Entlarvung unserer Illusion einer schrankenlosen Globalisierung, die in Wahrheit nur überleben kann, solange sie ihre Kosten in die Zweite und Dritte Welt auslagert, in der andere Gesetze gelten. Damit entspricht sie der neoliberalen Illusion, dass Konkurrenz nicht zum Monopolismus führt. Letztendlich sind diese scheinbaren Erungenschaften des letzten Jahrhunderts nichts anderes als der Kolonialismus früherer Jahrhunderte in neuem Gewand, nur eben um einen Deut weiterentwickelt: Die Gewinne werden weder in der Ersten noch Zweiten noch Dritten Welt versteuert sondern praktischerweise offshore.

Schließlich läuft eben alles wieder auf’s Geld hinaus. Wenn nach immer mehr Forschung geschrien wird, sollte auch bedacht werden, dass wir uns auch diesen Aspekt unseres gesellschaftlichen Lebens nur mehr leisten können, wenn wir nicht so genau schauen, wie er erbracht wird. Das wird auch ein „Fair-Trade-Zeichen“ für die wissenschaftliche Forschung nicht ändern, sollte das einmal kommen. Auch auf dem Billig-T-Shirt der großen Modeketten, die in Bangladesh nähen lassen, prangen diverse derartiger „Zertifikate“.

I will leben und Freiheit möchte ich spüren: 1. Mai 2013

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Kaiserwiese

Da sage noch einer, dass sich nichts bessert.

Längst vergessen, dass am „Tag der Arbeit“ US-amerikanischen Demonstranten gedacht wird, die 1886 gegen einen 12-Stunden-Tag streikten und zum Teil (wie auch einige Polizisten) in den nachfolgenden Unruhen (Haymarket Riots) ebenso wie die anarcho-syndikalistischen Anführer danach am Strang ihr Leben ließen (http://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Mai).

Heldenplatz

Längst vergessen, dass wir 1945 unsere Befreiung vom III. Reich den Söhnen und Töchtern jener verdanken, die 1889 auf der Zweiten Internationalen zum Gedenken an diese Opfer den 1. Mai als „Kampftag der Arbeiterbewegung“ ausgerufen haben. 
Wir haben uns zwar im Staatsvertrag verpflichtet, ihrer mit der Erhaltung des stalinistischen Monstrums am Heldenplatz (http://de.wikipedia.org/wiki/Heldendenkmal_der_Roten_Armee) zu gedenken, aber ansonsten sehen wir das alles schon von jeher etwas entspannter:

So wie Alfred Adler den Kampftag in der Arbeiterzeitung umschrieben hat:
Er ist sehr schön, der 1. Mai, und die Tausende von Bourgeois und Kleinbürgern werden es den Hunderttausenden von Proletariern gewiss gerne vergönnen, sich auch einmal das berühmte Erwachen der Natur, das alle Dichter preisen und wovon der Fabrikszwängling so wenig bemerkt, in der Nähe zu besehen.“

Durch die Blume eben, so wie es unsere Art ist;
so wie sich die seit Jahrzehnten in Wien Regierenden am Riesenrad ins Stammbuch schreiben
„Sozial Denken – Gerecht Handeln – Der Wiener Weg SPÖ“ 

Sozial und Gerecht

Da sage noch einer, dass sich nichts bessert, 
jetzt bleibt zu hoffen, dass es die Genossen jetzt wieder einmal angehen …

2 Klassen

Gegen eine Zwei-Klassen-Medizin sind sie schon mal,
auch wenn das im Gegensatz zum kürzlich geäußerten Wunsch der Gesundheitsstadträtin und ihrer Patientenanwältin steht, die den Anteil der Privatpatientinnen in den öffentlichen Spitälern anheben wollen(http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=77432).

Gegen Mietzinswucher sind sie natürlich auch, obwohl unser Bundeskanzler als zuständiger Stadtrat mitverantwortlich war, dass der Mietzins, den die ausgelagerte „Wiener Wohnen“ 
(http://www.glb.at/article.php/20080917002957481) verlangt von den Linken als „Zinswucher“ bezeichnet wird (http://www.labournetaustria.at/gilbert-karasek-die-verwandlung-der-gemeindebauten-in-zinshauser/). 
Dass Bürgermeister Häupl sich im Vorfeld der Maiaufmärsche gegen Mietobergrenzen ausgesprochen hat, hat sich bei einigen Maiaufmärschlern auch noch nicht durchgesprochen, die genau das auf ihren handgeschriebenen Plakaten forderten.

Als die Nacht über diesen 1.Mai herein brach, 
schunkelte die in die Jahre gekommene SPÖ Wählerschaft 
mit Gerhard Friedle alias DJ Ötzi vor dem
grausigen Praterportal, das Stadträtin Laska das politische Kreuz gebrochen hat (http://wiev1.orf.at/stories/283073
zu  Ich will leben: 

DJOe
„I will leben und Freiheit möchte ich spüren, die Welt kann uns gehör´n, dafür leb ich gern.
Leb jeden Tag als ob´s der letzte wäre, lass uns heut ganz einfach glücklich sein …“

Irgendwie doch stimmig, wie die Wiener SPÖ ihren 1. Mai ausklingen ließ, gesponsert (u.a.) von Admiral-Novomatic Wetten (http://de.wikipedia.org/wiki/Admiral_Sportwetten): 

Desillusionierte Hoffnung auf das kleine Glück:
Schließlich war der Streik 1886 gegen den 12-Stunden-Tag doch nicht ganz unerfolgreich. 

LINK: 1.Mai 2012 http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=57263

Geschrieben von medicus58

2. Mai 2013 um 07:46

Was lernen wir aus dem Scheitern der Demokratie?

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Demo

Anfang dieser Woche sind zwei Volksbegehren gescheitert:

Das Volksbegehren gegen Kirchenprivilegien (http://www.kirchen-privilegien.at/) und das Volksbegehren MeinOE-Demokratie jetzt (http://www.demokratie-jetzt.at/das-volksbegehren)  wurden von einer absolutesten Mehrheit der Österreicher, also über 98% der Wahlberechtigten NICHT unterschrieben.

Natürlich gibt es dafür gute Gründe, die z.T. auch bei den Protagonisten hinter den Volksbegehren zu suchen sind, jedoch sehen wir uns das einmal ganz dialektisch an:

Wenn wir davon ausgehen, dass die verfassungsmäßig abgehaltenen Meinungsäußerungen den Willen der Wahlberechtigten reflektieren (ehe Sie nun widersprechen, bedenken Sie dass die Umkehrung dieser Prämisse uns in noch größere Probleme stürzen würde!), dann lässt sich daraus schliessen, dass Österreich 
FÜR Privilegien staatlich anerkannter Religionsgemeinschaften,
GEGEN Demokratie ist UND
sich DAGEGEN ausspricht, die RECHTE der MINDERHEIT, die dafür unterschrieben hat, zu schützen …

Wie immer wenn man zu formal denkt, erscheint einem das Ergebnis auf den ersten Blick absurd, ….

doch ist es das wirklich?

LINK: Im Rückblick-SPIEGEL: Sind es nicht die Demokraten, die die Demokratie gefährden? http://wp.me/p1kfuX-qg

Geschrieben von medicus58

25. April 2013 um 19:49

Gesundheit ist Pflicht

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Gesundheit ist Pflicht

Wir wollen nun nicht der WHO Definition folgen,
die “Gesundheit” als eh alles, also körperliches, seelisches, soziales und was-weis-ich-noch-alles Wohlbefinden definiert
(Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity.)
sondern einmal überlegen, wie sehr wir heute wieder Dr. med. Wilhelm Diwok folgen, der in seinem Buch “Gesundheit ist Pflicht – Ein Wegweiser für gesunde Lebensgestaltung“ das Gesunderhalten des eigenen Körpers bereits 1940 zur idividuellen Pflicht erklärt hat.

Erstmals hörte ich den Begriff aus dem Munde des Herrn Karl (http://www.liesing.at/8e/herrkarl.htm).

Natürlich macht es Sinn, sich so zu verhalten, dass man seinen Körper durch adäquate Behandlung so weit “gebrauchsfähig” hält, dass einem das “Weiterleben” selbst nicht allzu beschwerlich fällt, jedoch steckte in diesem Konzept damals, in den unseeligen “1000 Jahren”, noch etwas ganz anderes:

Dies wurde in der deutschen Ärztezeitung 1996 (http://www.aerzteblatt.de/archiv/3607/Der-Arzt-im-Nationalsozialismus-Der-Weg-zum-Nuernberger-Aerzteprozess-und-die-Folgerungen-daraus) aufden Punkt gebracht:
Der Arzt als Werkzeug des Staates
“Gesundheit ist Pflicht!” Dies stand im Einklang mit dem von der Gesundheitsführung verlangten Leistungsfanatismus, war jedoch ein Verrat an dem ärztlichen Grundwert “salus aegroti suprema lex”. Das System wurde während des Krieges mit Hilfe der Vertrauensärzte, der Betriebsärzte und der Aufhebung der freien Arztwahl für Werktätige in rüstungswichtigen Betrieben perfektioniert. Dem Arzt als “Gesundheitsführer” oblag die Überprüfung der Leistungsfähigkeit und der “biologischen Tauglichkeit“, die Leistungssteigerung durch Gesundheitsaufklärung und Ansporn zur sportlichen Leibeserziehung, aber auch die Einsparung von Krankengeldern und Renten durch möglichst langen Einsatz von leistungseingeschränkten Kranken in entsprechenden Verwendungen.

Und wer steht heute hinter den medialen und rechlichen Gesundheits- und Screeningkampagnen? Es sind dies nur selten humanistisch bewegte oder gar ärztliche Kreise, es sind meist wieder wirtschaftliche Erwägungen.

Die Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (http://de.wikipedia.org/wiki/Sozialversicherungsanstalt_der_gewerblichen_Wirtschaft ) war dann auch die erste Gruppierung, die seit Jänner 2012 mit dem Vorsorgeprogramm „Selbständig Gesund“ das Erreichen von Gesundheitszielen nit der Reduktion von Selbstbehalten belohnt.

Nochmals, natürlich macht es auch aus ärztlicher Sicht Sinn, uns alle zu einem Verhalten zu motivieren, dass unser Leben weniger beschwerlich macht und uns bis ins hohe Alter selbstständig leben läßt.

Wenn sich das aber in eine Gesundheitsdiktatur entwickelt, die abweichendes Verhalten bestraft und die allfällig erzielbare Gesundheitssteigerung nur zur Gewinnmaximierung im Produktionsprozess einsetzt, dann sollte den Anfängen gewehrt werden.

Alkohol-, Nikotinmißbrauch, Übergewicht, fehlende körperliche Fitness, ..etc. stellen selbstverständlich kein medizinisch wünschenswertesVerhalten dar;
dass in vielen Fällen dieses Verhalten aber nur eine Ventilfunktion gegen gesellschaftliche Mißstände (z.B.: Druck am Arbeitsplatz) darstellt wird in dieser Diskussion ausgeblendet.

Dabei hat sicher auch geholfen, dass die Universitätsklinik für Arbeitsmedizin in Wien sang- und klanglos abgeschafft wurde.

Ein möglichst hoher Grad an individueller Gesundheit ist anzustreben, jedoch nicht primär um ein Maximum an ökonomischer Ausbeutbarkeit zu ermöglichen sondern primär für ein Maximum an individuellem Wohlbefinden.

Gesundheit sollte somit ein Wunsch und keine Pflicht sein.

Bildnachweis: http://www.booklooker.de/B%FCcher/Dr-med-Wilhelm-Diwok+Gesundheit-ist-Pflicht/id/A019bElA01ZZd

Zu groß oder zu klein, der Prinz? Ich bevorzuge de Sade.

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Schlange_Hut

In diesen Tagen feiern wir den 70. “Geburtstag” des Kleinen Prinzen (http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/mehr_kultur/537605_Vor-70-Jahren-erschien-erstmals-Antoine-de-Saint-Exuperys-Der-kleine-Prinz.html).
Es überrascht wohl kaum, dass auch ich mich irgendwann einmal nicht mehr des bürgelichen Bildungskanons entziehen konnte und Saint-Exupérys Erzählung gelesen habe, natürlich schon als Erwachsener und:
Viele der Gedanken haben auch mir gefallen
.

Dies allein ist wohl kaum einen Blogeintrag wert (als ob es dafür irgendeiner Rechtfertigung bedürfte). Eher schon, als ich Jahre später hörte, dass auch der damalige Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=33582)  “Den kleinen Prinzen” als sein Lieblingsbuch angab, so wie übrigens überraschend viele Politiker von zweifelhafter Moral (http://derstandard.at/1277337364535/Die-Lieblingsbuecher-der-Politiker).
Nun muss man wissen, dass dieses kleine Bändchen gemeinsam mit Bibel, Maos Zitaten, dem Kommunistischen Manifest und dem Koran zu den meistverkauften Büchern der Welt gehört. Auch die meisten anderen Bücher in den oberen Rängen dieser Liste (http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_erfolgreicher_B%C3%BCcher_nach_gedruckten_Exemplaren) zeichnen sich durch wahres Gutmenschentum, höchste Moralansprüche, OK, Der Da Vici Code und Der Pate mögen auf den ersten Blick Ausnahmen darstellen.
Weshalb nehmen wir alle die Bücher, die uns ganz genau sagen, wo’s lang gehen soll, so gerne auf unserem Weg in die Gegenrichtung mit?

Weil wir unseren Kant noch immer nicht verstanden haben oder weil uns das Wissen um das richtige Handeln unheimlich beruhigt, wenn wir die Verbrennungsöfen anheizen?

Nachträglich bedauere ich es noch immer, dass mir “Justine oder vom Missgeschick der Tugend” des Marquis de Sade von der Leseliste meiner Deutschmatura gestrichen wurde. Die wahren Moralisten machen uns grausen und zeigen uns wie wir denken und handeln, mit den allzeit beliebten Wohlfühldichtern, kommen wir nicht weiter, die helfen uns nur unsere blutigen Spuren zu verwischen. Das richtet sich nicht gegen Saint-Exupéry, aber gegen seine Leser.

Geschrieben von medicus58

13. April 2013 um 17:48

UK-Thatcher-UK V2.0

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Downingstreet

Die Bedeutung der Britischen Inseln als Auslöser meiner “Wanderlust” habe ich schon erwähnt. 
Meine ersten Besuche lagen Jahre vor Thatchers Machtübernahme und setzten sich bis heute fort. 

http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=77183 
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=77469
http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=83932 

In den 70ern stand der gelernte Wiener, für den das Drängeln in den Warteschlangen, die mißmutigen Verweise auf Zuständigkeiten und ein habituelles Mißtrauen  genetisch verankert schien, ziemlich fassungslos vor britischer Freundlichkeit und Offenheit

Ein Freund von mir stand z.B. einmal in einem der peripheren Bezirke von Greater London und hantierte umständlich mit einem großen Stadtplan, um zu seiner Destination zu finden, als neben ihm ein kleiner MG stehenblieb und der Fahrer fragte, ob er ihn wohin mitnehmen könnte. (Nein, er wurde weder ausgeraubt noch vergewaltigt)
Als ich mit Rucksack und Jeans Richtung Stonehenge wandern plötzlich von einem monsunartigen Regenguß überrascht wurde, blieb neben mir ein Mini stehen und die Fahrerin nahm mich, naß, unrasiert und langhaarig wie ich war, einfach mit.
Und BritRail war für den Interrailer einfach ein Traum (Lokale Fahrpläne in Scheckkartenform!).
Selbst auf London Heathrow hatten die Busfahrer ein nettes Wort auf den Lippen:
Als ein gehetzter Fahrgast fragte, ob das der Bus nach Peking, meinend ob das der Bus zum BA Flug in die chinesische Hauptstadt, wäre, grinste der Fahrer und bejahte zuerst grinsend. Als der glückliche Fahrgast sich und sein Gepäck in das Fahrzeug gewuchtet hatte, präzisierte er aber lächelnd, dass der Bus schon in diese Richtung unterwegs wäre, man aber den größeren Teil der Reise besser doch fliegen sollte …

Unvergesslich blieb mir später, nach einigen Jahren Thatcher, die Reaktion eines anderen Busfahrers, der einen gehetzten Fluggast auf die Frage, ob er denn zu Terminal 3 führe einfach bampig anwies, die Beschilderung des Fahrzeugs zu lesen, die Türen schloss und ihn stehen ließ.

Offenkundig verirrten Touristen wurden in London auch kaum mehr Hilfe angeboten, obwohl sich das zuletzt etwas gebessert haben dürfte. 
Und das britische Eisenbahnsystem mit einander konkurrierenden Privatlinien, horrenden Preisen und undurchsichtigen Verbindungen läßt seine frühere Qualitäten kaum mehr erahnen.

Natürlich ist diese Entwicklung nicht ausschließlich Thatchers Schuld, 
so wie der Golf- und der Falklandkrieg nicht ihr Verdienst waren. 
Ich habe aber diese Details so erlebt und fand Ken Loach’s Sager:

Lasst uns ihr Begräbnis privatisieren!
Macht eine Ausschreibung und akzeptiert das billigste Angebot!
http://topsy.com/dangerousminds.net/comments/lets_privatize_her_funeral_film_director_ken_loach_on_plans_for_thatchers 
durchaus mit meinen Gefühlen kompatibel ..

Die Stimmung auf Twitter nach der Todesmeldung der “Iron Lady” wurden hier ganz gut dargestellt:
http://rabble.ca/babble/international-news-and-politics/late-margaret-thatcher

Für einen politisch korrekteren Nachruf kann ich nur den Guardian empfehlen:
http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2013/apr/08/margaret-thatcher-death-etiquette 

Es gibt wenige Menschen, die für die gesellschaftliche Verböserung und Endsolidarisierung Europas in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderst so exemplarisch waren, wie die ehrgeizige Krämerstochter mit unbezwingbarem Sendungsbewußtsein. 
Möge nicht nur sie sondern auch ihre Ideologie zu Grabe getragen werden.

Geschrieben von medicus58

9. April 2013 um 07:35

Der Liebe Gott macht einen wieder gesund. Warum macht er einen dann überhaupt krankt?

mit 6 Kommentaren


Brain cross health

Dies ist hier weder der Ort noch das Format um die komplexen Wechselwirkungen zwischen religiösem Glauben und Krankheit erschöpfend zu analysieren. Ich bin aber über eine Jubelmeldung der kathpress über einen österr. Psychiater und Opus Dei Mitglied mit eigenem Wikipedia Eintrag (http://de.wikipedia.org/wiki/Raphael_M._Bonelli) gestolpert, die ich hier zumindest „verewigt“ wissen wollte.


Religion schützt die seelische Gesundheit und kann auch von der Medizin als wichtige Ressource des Menschen angesehen werden. Das hat der Wiener Gehirnforscher Raphael M. Bonelli mit Kollegen der Duke University in einem gross angelegten Studienvergleich dargelegt, der demnächst im “Journal of Religious Health” publiziert wird.
http://kipa-apic.ch/index.php?pw=&na=0,0,0,0,d&ki=241805

Auch wenn die Meldung vom 1. April stammt, handelt es sich dabei offenbar um keinen Scherz.

Bonelli zeigte sich “überwältigt” von dem für wissenschaftliche Verhältnisse “sehr eindeutigen Ergebnis”: Je nach Krankheitsgruppen seien die Hinweise auf eine Schutzfunktion durch Religiosität teils äusserst stark, allen voran bei Sucht, Depression und Suizid, doch auch bei Demenz waren die Resultate vielversprechend. Religion sei somit durchaus ein mit Alter oder Geschlecht vergleichbarer psychiatrischer Parameter, so der Wiener Forscher: “Wäre Religion ein Medikament, kann man sagen, es wäre mit Sicherheit zugelassen.”

Natürlich könnte man nun mit Leichtigkeit all die Fälle religiösen Wahns anführen, die zu Selbstverstümmelung, Selbstmord und Massenmord führten, nur um mit einiger Berechtigung den Vorwurf zu ernten, dass all dies auch von explizit a-religiösen Menschen begangen wurde, oder dass es sich hierbei eben nicht „um den wahren Glauben“ gehandelt hätte.

Wie sehr der Glaube an sich, auch ohne religiösen Hintergrund, eine Placebowirkung (http://de.wikipedia.org/wiki/Placebo) auslöst, ja selbst die enttäuschte Hoffnung eine Nocebowirkung (http://de.wikipedia.org/wiki/Nocebo-Effekt) zeitigt, hat aber zuerst die Naturwissenschaft gezeigt, nicht etwa religiöse Propheten ….

 

Wenn nun ultraorthodoxe Kreise ihren – per definitionem nicht widerlegbaren und somit nicht naturwissenschaftlichen Glauben – ein naturwissenschaftliches Mäntelchen überziehen, dann ist dieses Intelligent Design (http://de.wikipedia.org/wiki/Intelligent_Design) mehr als durchsichtig.

Trotz meiner ausgesprochen agnostischen Grundposition, maße ich mir als naturwissenschaftlich denkender Mensch in Ermangelung einer aussagekräftigen Versuchsanordnung nicht an, die positiven und negativen Folgen des Glaubens an einen „persönlichen Gott“ buchhalterisch  abzuschätzen (meiner persönlichen Empfindung behalte ich ausnahmsweise mal für mich), aber in gewisser Weise ist Herr Kollege Bonellis Wunschtraum einer Religion als Medikament ohnehin schon Wirklichkeit.

Die verfassungsmäßige Privilegien ihrer Gewinnspannen haben die Verteilerorganisation von Medikamenten, also die Apotheken (http://diepresse.com/home/gesundheit/1270753/Gesundheit_VfGH-kippt-Apothekenregelung), ebenso wie die Verteilerorganisationen staatlich anerkannter Religionen, auch wenn nur gegen letztere aktuell unterschreiben kann (http://www.kirchen-privilegien.at/unterschreiben/).

Eine weitere Parallele ist die überzufällig häufige Verwendung verschiedener christlicher Heiliger im Apothekennamen, obwohl andere Berufe (z.B. Bäcker oder Bergleute mehr Schutzheilige aufweisen können als die Pillendreher (http://www.heiligenlexikon.de/Patronate/Patronate-Berufe.htm). Trotzdem wäre für eine allfällige Apothekenpflicht für die christliche Religion namentlich schon vorgebaut.

Geschrieben von medicus58

2. April 2013 um 16:10

DÖW

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DÖW

Der Relaunch der Homepage (http://www.doew.at/) ist ein guter Anlass das
Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes
hier ins Herrgottswinkerl aufzunehmen.

Dazu einige persönliche Bemerkungen: 
Wer sich Anfang der 70er Jahre als Jugendlicher für geschichtlichen Entwicklungen zwischen 1933 und 1945 interessiert hat, stieß häufig auf eine Mauer des Schweigens. Im Gegensatz zu heute war die Anzahl der einschlägigen Bücher auch noch relativ gering. Ich konnte für ein Geschichtsreferat damals gerade Dr.Kurt Zentners Illustrierte Geschichte des Dritten Reiches bekommen, um mich über die Grundlinien der Entwicklung zu informieren. Joachim Fests Wälzer “Hitler” war zwar ebenfalls gerade erschienen, aber ziemlich trocken und mehr Biografie als Geschichtsunterricht.

Da stieß ich erstmals auf das DÖW im Alten Rathaus in der Wipplingerstrasse. Die Dauerausstellung wäre nach heutigen Gesichtspunkten als extrem altmodisch zu bezeichnen, jedoch vermittelte sie einen guten Eindruck von den Strömungen, die sich damals in Österreich der “Heimkehr ins Reich” widersetzten.
Überdies konnte ein “Unterstufler” ganz zwanglos ein Gespräch mit einem Mensch führen, den man heute als Zeitzeuge bezeichnen würde.
Ich wurde ernst genommen, jedoch in keinerster Weise indoktriniert.
Selbstverständlich hielt sich im DÖW die Anzahl der politisch rechts stehenden in sehr engen Grenzen, aber im Vordergrund stand der Zugang zu Informationen.

Ich las dort stundenlang in den Prozessakten der Nürnberger Prozesse, konnte später, als ich Interviews mit ehemaligen KZ-Insassen führte, Dokumente einsehen, die ihre Angaben ergänzten, …. alles natürlich mit den Möglichkeiten eines Minderjährigen, aber ernstgenommen und informiert von den dortigen Mitarbeitern.

Ein nachträgliches Danke dafür, dass ich Jahrzehnte später allen, die meinten, dass man sich damals nicht informieren konnte, qualizifiert widersprechen kann.

Geschrieben von medicus58

6. März 2013 um 07:19

4 Wie denkt der Arzt, wenn er denkt? Daumenregeln

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In der Psychopathologie der Medizin habe ich mir schon Gedanken über die verschiedenen Rollenbilder von Arzt und Patient gemacht und dass es in der Praxis nicht immer leicht fällt diese auseinander zu halten: V The patient is the one with the disease. http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=31565
Nun wollen wir uns aber ausschließlich dem Arzt zuwenden und zwar seinem Denken. Verkürzt kann man festhalten, dass das traditionelle Denken von Ärzte in eine der folgenden Kategorien fällt:

1. Vorgehen nach Daumenregeln

2. Suchen nach Pathognomonische Symptomen/Kasuistiken

3. Vorgehen nach Persönlicher Erfahrung (Eminence)
4. Lineare – Algorithmische Modelle

Wir werden uns nun mit den Fallstricken dieser klassischen Herangehensweisen beschäftigen, um dann – hoffentlich – klarstellen zu können, dass alle vier Wege trotz bestimmer inhärenter Vorteile in die Irre führen können, um uns dann einem 5. Modell zuwenden zu können.

1. Daumenregeln

Die einfache Wenn-Dann Logik ist für viele von uns bestechend und funktioniert nichteinmal so schlecht.
daumenregeln

Die erste Folie listet Beispiele aus Matz, 1977: Priciples of Medicine auf, die im diagnostischen Prozess weiterhelfen:
Häufige Dinge sind häufig.
Es gewinnt nicht immer der Kluge oder der Starke, aber es macht
(auf lange Sicht) Sinn auf den Klugen oder Starken zu wetten.
Wenn Du Pferdegetrappel hörst, denke (in Europa) zuerst an Pferde und nicht an Zebras.
Seltene Manifestationen häufiger Erkrankungen sind häufiger als typische Erkrankungen seltener Erkrankungen.

Wir alle erkennen den “angelernten” Studenten, der bei “Fieber” zuerst an “Malaria” denken und nicht an den “grippalen Infekt“. Der “von Google geschulte” Hypochonder wundert sich immer, dass seine Symptome super zu den seltensten Erkrankungen im Netz passen, weil er nicht weiß, dass die gleichen Symptome auch bei Dutzenden anderen Erkrankungen vorkommen, deren Neuigkeitswert aber deutlich geringer ist, so dass sie von Google weniger hoch gerankt werden.
daumenregeln 2

Die zweite Folie bezieht sich eher auf Daumenregeln für das diagnostisch-therapeutische Vorgehen eines Arztes:

Schliesse zuerst gefährliche Differentaioldiagnosen aus.
Unterlasse Schritte (Tests), die weder bei positivem noch im negativen Ausfall das weitere Patientenmanagement beeinflussen.
Wiederhole ein überraschendes Testergebnis (also eines, das den bisherigen Ergebnissen völlig widerspricht) ehe eine bislang plausible Hypothese verworfen wird.
Physician, reassure not thyself = Unterlasse als Arzt jeden diagnostischen oder therapeutischen Schritt, der zu nichts anderem gut ist, als Dich selbst zu bestätigen!

Im anglikanischen Raum haben sich für das diagnostisch therapeutische Vorgehen auch Loeb’s Law of Medicine etabliert, die man auch als Play-the-Winners Rule (Zelen 1969) doch davon morgen.

Geschrieben von medicus58

1. Februar 2013 um 17:45

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